Ordnungsfanaktiker

Hilfe, unser Nachbar ist ein Blechwart

Kiez in Aufruhr: Nachbar zeigt Anwohner bei kleinstem Fehler an.

Marcus Böttcher
Lesezeit 3 Min
Dieses kleine Stück Straße ließ Heike Eichenmüller bis zur Einfahrt frei, kassierte eine Anzeige.

Dieses kleine Stück Straße ließ Heike Eichenmüller bis zur Einfahrt frei, kassierte eine Anzeige.

© Lebie


Finde ich gut ...

Ist es Rücksichtslosigkeit oder Dämlichkeit, wenn ein Autofahrer statt einem gleich zwei Parkplätze in Beschlag nimmt? Ist es Geiz oder Gedankenlosigkeit, wenn jemand in der Parkzone in meinem Wohngebiet nicht bezahlt, obwohl er sein Auto dort abstellt? Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß: Es nervt mich, und zwar richtig. Insofern: Daumen hoch für den Mann. Er dient der Allgemeinheit. Punkt. PDE


Heike Eichenmüller ist stinksauer. Vor wenigen Wochen starb ihre Mama, jeden Tag besucht die 47-Jährige den Georgen-Parochial-Friedhof IV in der Boxhagener Straße. Parkplätze sind hier Mangelware. Vor kurzem parkte sie ihren Wagen fast unmittelbar vor dem Friedhof. Tage später flatterte Post des Polizeipräsidenten ins Haus. Eine „Schriftliche Verwarnung mit Verwarnungsgeld“, samt Aufforderung der Zahlung von 10 Euro für eine Ordnungswidrigkeit. Der Vorwurf: „Sie parkten nicht platzsparend. Sie stellten das Fahrzeug so an, dass zwei mögliche Parkflächen belegt waren.“ §12 Abs. 6, §49 StVO. Anbei ein „Beweisfoto“.


Finde ich nicht gut ...

Klar ist: Recht muss in dieser Stadt Recht bleiben. Aber lebt Berlin nicht von einer gewissen Freiheit, auch mal ein Auge zuzudrücken? Ein Beispiel: Wer sich einen Bierkasten kauft, hält mal kurz in zweiter Reihe, um diesen ins Haus zu tragen. Ein Nachbar wie dieser Mann, der auf jeden kleinen Regelverstoß wartet und diesen zur Anzeige bringen will, ist eines garantiert: Nicht für Berlin geeignet. Punkt. MF


Eichenmüller: „Das Foto wurde offenbar von einem Balkon gegenüber geschossen, die Perspektive verzerrt total. Ganz davon abgesehen kann ich über ein solches Verhalten nur den Kopf schütteln, das erinnert an vergangen geglaubte Stasi-Methoden.“ Gemacht wurde das Bild nach KURIER-Recherchen von Anwohner Bernd H. (Name geändert), der tatsächlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite lebt.

Volkan Turgut (Chef des Imbiss „Green Salad“) kassierte schon dutzende Bußgelder, angezeigt durch seinen Nachbarn.

Volkan Turgut (Chef des Imbiss „Green Salad“) kassierte schon dutzende Bußgelder, angezeigt durch seinen Nachbarn.

© Lebie

Der Friedrichshainer, von Beruf Polizist, ist als Ordnungsfanaktiker bekannt. Das bekam auch Volkan Turgut, Chef eines Imbiss in der Straße, schon zu spüren. Allein an einem Tag bekam er sechs Knöllchen zugesandt. Mehr als 200 Euro musste Turgut zahlen. Vielen Nachbarn geht es ähnlich. Ist das Prozedere zulässig? „Ja“, so eine Polizeisprecherin. „Jeder Bürger darf eine Anzeige erstellen. Entweder über den Besuch einer Polizeidirektion oder online über die Internetwache.“ 

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