Olympia 1936

Berlin feiert die Hitler-Spiele

Ein neuer Bildband zeigt, wie Privatleute das Propaganda-Spektakel der Nazis sahen

Marcus Böttcher
Lesezeit 3 Min
Zehnkampf-Sieger Glenn Morris beim Stabhochsprung, fotografiert von einem Zuschauer.

Zehnkampf-Sieger Glenn Morris beim Stabhochsprung, fotografiert von einem Zuschauer.

© E. Hübner, Münster

Das „normale“ Berlin dieser Zeit blieb oft verborgen. Bis jetzt. „Bislang waren nur die Pressefotografien bekannt. Das prägt unser Verständnis der Veranstaltung.

Zwei Frauen auf der Rasenfläche am Olympiastadion.

Zwei Frauen auf der Rasenfläche am Olympiastadion.

© E. Hübner, Münster

Oft betrachten wir die Spiele 1936 als Spektakel, das den alleinigen Zweck hatte, die Überlegenheit Deutschlands zum Ausdruck zu bringen“, so der Historiker Dr. Emanuel Hübner gegenüber dem KURIER.

Recherche auf dem Trödelmarkt

Der Sporthistoriker aber wollte das „echte“, das unzensierte, das private Berlin aus dem Jahr der Spiele zeigen – und ging auf die Suche nach Amateuraufnahmen aus dem Sommer ’36.

Jahrelang recherchierte er auf Trödelmärkten, bei Sammlerbörsen und im Internet nach Fotos, trug in mühevoller Kleinarbeit einen Schatz zusammen. Diesen veröffentlicht er nun im Buch „Olympia in Berlin“ (Verlag „Morisel“, 24, 90 Euro), mit 250 Fotos.

Berliner Olympiatouristen vor einem Ausflug. Ausgestattet wurden sie mit einem Hakenkreuz-Fähnchen.

Berliner Olympiatouristen vor einem Ausflug. Ausgestattet wurden sie mit einem Hakenkreuz-Fähnchen.

© E. Hübner, Münster

Sie zeigen eine bislang unbekannte und persönliche Sicht auf das Großereignis. Nur zufällig mit auf das Bild gekommene oder mutmaßliche Nebensächlichkeiten dokumentieren die damalige Lebenswelt, Alltag eben: ein Foto mit Freunden auf voll besetzten Rängen, Autogrammjäger, die Schlange stehen, Besucher bei einer Imbisspause oder vor einem mobilen Postamt.

Die Spiele kamen zum günstigen Zeitpunkt

Hübner: „Natürlich nutzte das NS-Regime die Spiele als internationale Imagekampagne, aber für die meisten Menschen damals war es ein scheinbar harmloses Sportgroßereignis. Die Leute wollten Erinnerungen festhalten, die sie später in Alben kleben und so zeigen konnten: ,Ich war dabei.’ Sie fotografierten die Wettkämpfe, die berühmten Sportler wie beispielsweise Jesse Owens, aber auch das Leben in der deutschen Hauptstadt.“

Ein Jugendlicher vor dem Hotel Adlon, dahinter die Flaggen der Teilnehmernationen.

Ein Jugendlicher vor dem Hotel Adlon, dahinter die Flaggen der Teilnehmernationen.

© E. Hübner, Münster

Einige Fotos zeigen auch Besucher mit ihrem ständigen Begleiter: dem Fotoapparat. Damals war er meist ein simpler schwarzer Würfel, darin aber eine Technik mit Massenwirkung.

Die Spiele kamen, aus politischer wie fotografischer Sicht, zum günstigen Zeitpunkt. Nachdem die Fotografie schon in den 1920er-Jahren in weiten Teilen der Bevölkerung immer populärer geworden war, entwickelte sie sich in den Dreißigerjahren zu einem regelrechten Massenphänomen.

Im Krieg gingen viele Bilder verloren

„Die Firma Agfa brachte 1932 eine günstige Amateurkamera auf den Markt. Es war ein Apparat für jedermann. Die Firma verkaufte davon Hunderttausende“, so Hübner.

Ein Jugendlicher vor dem Hotel Adlon, dahinter die Flaggen der Teilnehmernationen.

Ein Jugendlicher vor dem Hotel Adlon, dahinter die Flaggen der Teilnehmernationen.

© E. Hübner, Münster

Durch den wenige Jahre später ausbrechenden Krieg gingen viele Fotos verloren. Was nicht durch Bomben zerstört wurde, landete in den Jahrzehnten danach auf dem Müll.

Die Sorge, dass das Buch die Zeit verharmlose, hat Hübner nicht. „Man darf nie vergessen, dass Bilder nicht die Wirklichkeit abbilden. Wir sehen nur einen Ausschnitt. Während die Pressebilder die Spiele so zeigen, wie es das Regime wollte, lassen diese Bildquellen die Bevölkerung zu Wort kommen.“

Im Buch „Olympia in Berlin“ sammelte Dr. Emanuel Hübner 250 Amateurfotos der Spiele 1936.

Im Buch „Olympia in Berlin“ sammelte Dr. Emanuel Hübner 250 Amateurfotos der Spiele 1936.

© Archiv Huebner/morisel Verlag

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