Die letzte Bahn

Ein nächtlicher Streifzug voller Begegnungen

Der Berliner Nahverkehr ist berüchtigt für Gewalt, Drogen und Obdachlosigkeit.

Michael Kröchert
Lesezeit 12 Min
S-Bahnhof Greifswalder Straße: Der öffentliche Personennahverkehr ist für viele berliner erste Wahl, um mobil zu sein.

S-Bahnhof Greifswalder Straße: Der öffentliche Personennahverkehr ist für viele berliner erste Wahl, um mobil zu sein.

© imago

Die Nächte in Berlin sind bunt. Die einen kehren erschöpft von der Arbeit nach Hause, andere kommen aus dem Kino oder ziehen durch Clubs, suchen ein Abenteuer oder schieben Frust oder haben keine Bleibe. Und viele von ihnen sitzen in einer Bahn. Für ein paar Minuten laufen die Lebenswege all dieser Nachtzügler parallel.

Das hat etwas Schicksalhaftes. Sie dösen oder träumen vor sich hin, unterhalten sich leise oder grölen herum, tippen eine Nachricht in ihr Handy oder nippen an einer Flasche Bier. Wer von uns hat sich nicht in einer dieser Nächte in ein Taxi gewünscht, wenn einem mal wieder ein Pappbecher unter die Nase gehalten wird, der nach ein paar Cent gähnt, wenn die Geige des Musikanten schräge Töne von sich gibt oder sich jemand sehr lange nicht mehr gewaschen hat.

Schlagader unserer Stadt

Ich mache mich auf in den nächtlichen öffentlichen Personennahverkehr Berlins; ich werde die letzte S-Bahn und die letzte U-Bahn nehmen. Und all die Ruhelosen und Herumtreiber will ich fragen: Wo kommt ihr her? Wo geht ihr hin? Und, verdammt, warum seid ihr nicht längst im Bett?!

Ich entscheide mich für die Ringbahn, weil sie unsere Stadt umkreist wie der Mond die Erde. Danach will ich in die U8 steigen, weil sie wie eine Schlagader durch das Zentrum unserer Stadt pulsiert. Durch all diese hellen oder weniger hell erleuchteten Kieze. Auch durch den Wedding und Neukölln, die Bezirke, die einen so schlechten Ruf haben.

„Richtig Stress“ nur am Wochenende

23.30 Uhr. S-Bahnhof Greifswalder Straße. Es ist kalt, der Winter hat Berlin im Griff. Hier, im Norden des Prenzlauer Bergs, ist es ruhig. Ich muss an das berühmt-berüchtigte Lied von den Kreuzberger Nächten denken: Erst fangen sie ganz langsam an, aber dann, aber dann! Ich bin nervös. Ich weiß, dass ich mit allem rechnen muss.
Die beiden Männer von der DB-Sicherheit erklären mir, dass nur am Wochenende „richtig Stress“ ist. Und unter der Woche? „Ach, da machen nur die Besoffenen Probleme.“ Ich wünsche ihnen einen ruhigen Dienst. Ihre Schicht geht bis früh um 6.30 Uhr. Wir werden uns später noch einmal begegnen. 

23.40 Uhr. Auf demselben Gleis wie die Männer der Security steht Julius. Der 21-Jährige war bei einem Kumpel in Friedrichshain und hört Musik über Kopfhörer. Ob er Angst hat, wenn er nachts in Bussen und Bahnen unterwegs ist? „Nö“, sagt er und grinst.

Constantin ist Bulgare und ein Spaßvogel. Als er von sich aus auf den „U-Bahn-Treter“ zu sprechen kommt, einen Landsmann, wird er ernst.

Constantin ist Bulgare und ein Spaßvogel. Als er von sich aus auf den „U-Bahn-Treter“ zu sprechen kommt, einen Landsmann, wird er ernst.

© Karl van Worm

Auch Marius (32) ist völlig entspannt, er trinkt ein Pils und liest ein Buch. Auf seiner Mütze steht „hang loose“ – bleib locker. Er kommt von seinen Großeltern aus Hönow. Alex (23) macht ebenfalls einen gelassenen Eindruck. Der Software-Entwickler mit russisch-amerikanischen Vorfahren war im Comedy Café in Neukölln und ist immer noch amüsiert von der Show. Ja, er fährt oft mit den späten Bahnen. Angst? Nein, nie.

23.50 Uhr. Auf den tiefliegenden Gleisen am Gesundbrunnen weht ein anderer Wind. Jeder Berliner weiß, dass eine Nacht in dieser Stadt immer für eine Überraschung gut ist. In dem unterirdischen, hell erleuchteten Bahnhof ist es zugig. Der Architekt scheint den Auftrag gehabt zu haben, einen besonders ungemütlichen Ort zu entwerfen, an dem man sich bloß nicht zu lange aufhalten soll. Die wenigen Menschen sind dick verpackt. Man erkennt sie kaum. 

Heimwärts: Ein gutes Buch, ein gutes Bier – Marius kommt gerade von seinen Großeltern aus Hönow und ist jetzt mit der Ringbahn auf dem Weg nach Hause.

Heimwärts: Ein gutes Buch, ein gutes Bier – Marius kommt gerade von seinen Großeltern aus Hönow und ist jetzt mit der Ringbahn auf dem Weg nach Hause.

© Karl van Worm

Hinter einer Ecke treffe ich auf einen jungen Mann, in knalligem Blau und Gelb gekleidet. Er trägt seine Kopfhörer um den Hals und hält ein blau-gelbes Skateboard in der Hand. Herzlich verabschiedet er einen Bekannten und redet überschwänglich auf mich ein. Ob ich denn nicht wisse, dass er berühmt sei? Schon hält er eine Selfie-Stange in der Hand und filmt und interviewt mich.

Geruch nach Metall und Staub

Ich frage ihn, Constantin, nach seinen Eindrücken und Erlebnissen. Jetzt verändert sich seine Stimmung. Er kommt auf den U-Bahn-Treter zu sprechen, der im Oktober 2016 im Bahnhof Hermannstraße eine Frau mitten auf der Treppe in den Rücken trat, sodass sie die Stufen hinabstürzte. Der Täter ist zu knapp drei Jahren Haft verurteilt worden. Er sei auch Bulgare, erzählt Constantin. Ich bemerke, dass ein paar Jugendliche um uns herumschleichen. Constantin ist ein bunter Vogel, und ich bin nicht sicher, ob diese jungen Männer bunte Vögel tolerieren. 

0.10 Uhr. Tauben stehen mir im Weg hinab in die Tiefe. Die Vögel flattern auf, als ich vorbeigehe. Ist das eine Warnung vor der Unterwelt? Immerhin, es sind keine Krähen. Ich steige die Treppen hinab. Unten auf dem Gleis herrscht eine gespannte Stille. Zum ersten Mal überkommt mich ein mulmiges Gefühl. Der Geruch nach Metall und Staub liegt in der Luft.

Der Mensch ist des Menschen Wolf

Ein junger Mann im Blaumann starrt vor sich ins Leere und trinkt Eistee. Ein Afrikaner tippt auf seinem Handy herum. Niemand sagt ein Wort. Auch nicht die drei Männer, die auf den Bänken sitzen. Einer davon ist Manfred (56). Bereitwillig erzählt er aus seinem Leben. Seine Frau hätte die Wohnung gekündigt, ohne dass er davon wusste. Jetzt lebt er auf den Straßen Berlins – und in den U-Bahnhöfen. 

Manfred und seine beiden Kompagnons erzählen von den wenigen Orten, an denen sie sich nachts aufhalten können. Ich frage ihn nach seinen Erfahrungen mit der Zeit nach Mitternacht, wenn die letzte Bahn fährt. Seine Stimme wird lauter. Man hört, dass er aus Thüringen stammt, aus Gera. Gerade neulich habe ihn eine Gruppe Jugendlicher angepöbelt. Sie hätten sein Kissen auf die Gleise geschmissen und ihn verhöhnt. Die einen haben kein Zuhause, die anderen keine Kontrolle über ihr Verhalten, beide haben keine Perspektive. Der Mensch ist des Menschen Wolf.

Ein Obdachloser hat seinen Ruheplatz vorbereitet.

Ein Obdachloser hat seinen Ruheplatz vorbereitet.

© Karl van Worm

0.24 Uhr. Ich steige in die Bahn. Letzter Wagen. Dort sitzen drei Leute. Jeder sitzt für sich. Eine Frau, zwei Männer. Eine Bierflasche rollt auf mich zu. Ich stoppe sie mit dem Fuß und muss an Manfred denken, der diese Flasche aufheben würde. Es ist kalt, obwohl die Heizung eingeschaltet ist. Mein Blick fällt auf die Kameraüberwachung. Sie soll abschreckend wirken. Aber jedes Kind weiß: Wenn einem die Sicherungen durchbrennen, hält ihn auch eine Kamera nicht auf. 

Am Rosenthaler Platz wird die Bahn voll. Hipster steigen ein. Bunte Schals, lange Mäntel aus den Neunzigern, intelligente, offene Blicke. Modebewusste und extravagante Menschen. Ein Pärchen setzt sich auf die Plätze mir gegenüber. Karla (32) und Thomas (36) sind Teil einer größeren Gruppe. Gut gelaunt erzählen sie von den „Tanztagen“, die sie in den Sophiensälen besucht haben. Ich frage sie, wie sie sich nachts in der U-Bahn fühlen. Gut, sagen sie. Und wo geht’s jetzt noch hin? Sie sind sich nicht einig. Thomas will einen Absacker trinken. Karla ist sich da noch nicht sicher.
Die Atmosphäre im Wagen ist eine andere als zuvor. Es gibt laute Gespräche, es wird gelacht, es macht Spaß, mit so vielen freundlichen Leuten in einem Waggon zu sitzen und durch die Nacht zu rasen.

Jede Nacht kann etwas Unberechenbares passieren

Aber die Stimmung kann schlagartig kippen. Der Kotti ist so ein Ort, wo das oft vorkommt. Dort steige ich aus. Instinktiv ziehe ich die Schultern hoch und bin wachsamer. 

0.34 Uhr. Ich sehe sehr verschiedene Gruppen von jungen Menschen. Daneben stehen und sitzen viele einsame Wölfe. Misstrauische Blicke werden gewechselt, leise Gespräche geführt. Dazwischen ertönt lautes Gelächter. Wirre Selbstgespräche. Hier prallen Gegensätze aufeinander.

Mir geistern Bilder durch den Kopf: vom U-Bahn-Treter, von Drogenabhängigen, von urplötzlich ausbrechender Gewalt, aber auch von Liebespaaren, von freudig durchzechten Nächten, von hemmungsloser Lebenslust. Jede Nacht kann am U-Bahnhof Kottbusser Tor etwas Unberechenbares passieren. Da können noch so viele Beamte unterwegs sein. Vier Polizisten patrouillieren in dieser Nacht auf dem Bahnsteig.

„Dauernd werden Handys abgezogen"

Ich warte auf die letzte U-Bahn und streife auf dem Bahnsteig umher. Mohamad (Name geändert) ist 17 und kam als Flüchtling aus Syrien. Was hat er am Abend gemacht? „Nix“, sagt er. „Ich war skaten.“ Sein Deutsch ist nahezu perfekt. Und wo willst du hin? „Zum Alex. Aber ich habe Angst, dass ich Stress mit meinem Betreuer bekommen, wenn ich so spät nach Hause komme.“ 

Da sind wir wieder bei der Angst. Es ist 0.45 Uhr. Was sagt Mohamad zum Thema Angst? „Viel zu oft passiert etwas. Ich sehe so was ständig. Dauernd werden Handys abgezogen.“ Dann tut er etwas Überraschendes. Er spricht die Polizisten an und scherzt mit ihnen. Da kommt die U8.

Nur nicht in das aggressive Gesicht blicken

Boddinstraße, Leinestraße. Hinter dem Hermannplatz hat sich die Stimmung erneut verändert. Es wird ruhiger. Der Blick eines Mannes trifft mich. Ich weiche ihm aus. Er sieht düster aus. Fühlt er sich von mir und meiner Kamera provoziert? Ich suche etwas, auf das ich meinen Blick richten kann. Es ist eine Werbung für einen Medikamententest. Nur nicht in dieses aggressive Gesicht schauen. 

0.56 Uhr. U-Bahnhof Hermannstraße. Die Türen öffnen und schließen sich zum letzten Mal. Eilig verlassen alle die Bahn. Einen Moment später sind sie wie vom Erdboden verschluckt. Angestellte der BVG kontrollieren die Wagen. Feierabend. Ich gehe durch die leeren Gänge. Steige die verlassenen Treppen hinauf. Dort, wo sich tagsüber die Massen drängeln, ist niemand mehr unterwegs. Nur auf der großen Treppe nach oben sitzt eine einsame Gestalt.

Schattenseiten der Nacht

Lila heißt sie. Die 26-Jährige zeichnet. Ja, hin und wieder lebe sie auf der Straße, sagt sie. Ich kaufe ihr einen ihrer Briefumschläge ab, auf die sie romantische Gesichter zeichnet. Sie erzählt, einmal habe sie sich im U-Bahnhof Schönleinstraße mit einem Freund einschließen lassen, um dort die Nacht zu verbringen. „Wir sind in den Tunnel gelaufen. Und plötzlich haben wir zwei andere getroffen. Mensch, war das eine Überraschung!“ 

Auch auch die Schattenseiten der Nacht kennt sie. Vor vier Wochen sei sie von vier Männern angemacht worden. Sie habe dem einen eine Capri Sun, eine Tüte Saft, ins Gesicht geworfen. Daraufhin habe einer der Männer eine Glasflasche nach ihr geworfen und habe gedroht, sie auf die Gleise zu schubsen und sie zu töten. Die junge Frau ist jemand, der sich nicht unterkriegen lässt. Das Gesicht der Frau auf ihrer Zeichnung ist freundlich. Plötzlich springt sie auf, rafft ihre sieben Sachen zusammen und macht sich auf den Weg zu einer Freundin.

Alle raus!? Zwei Bahnmitarbeiter kontrollieren den letzten Zug der Nacht.

Alle raus!? Zwei Bahnmitarbeiter kontrollieren den letzten Zug der Nacht.

© Karl van Worm

Wer behauptet, die Nacht mache ihm keine Angst, dem glaube ich nicht. In den Bahnen ist es hell, sauber und warm. Sicherheitsleute patrouillieren. Aber in den Gängen sieht es anders aus. Da gibt es dunkle, abgeschiedene Ecken. Und alles, was man macht, scheint riskanter als am Tag. Und doch habe ich in dieser Nacht nur mit freundlichen Menschen gesprochen.Der Wind ist eisig, es fängt an zu regnen. 

1.17 Uhr. S-Bahnhof Hermannstraße. In der Ringbahn sitzt ein Inder mit einem rotem Turban. Er heißt Nehu, ist 23. Freundlich erzählt er auf Englisch, dass er nur zu Besuch in Berlin sei und in Polen lebe. „Nein, hier habe ich keine Angst. Aber in Polen werde ich, wenn ich einen Turban trage, nachts angepöbelt und beschimpft.“ Er schwärmt von Berlin. Warum sitzt er in der letzten Bahn? Er grinst, sagt: „Ich bin neun Stationen in die falsche Richtung gefahren. Am Heidelberger Platz habe ich bemerkt, dass ich falsch bin.“

Stadt der Bewegung, Stadt der Begegnung: Nehu kommt aus Indien, lebt in Polen, ist zu Besuch in Berlin – und hat sich verfahren.

Stadt der Bewegung, Stadt der Begegnung: Nehu kommt aus Indien, lebt in Polen, ist zu Besuch in Berlin – und hat sich verfahren.

© Karl van Worm

1.25 Uhr. Ostkreuz. Die Luft in der Bahn ist muffig. Ein Obdachloser kauert in einer Ecke, ein anderer schläft. Ein dritter säuselt vor sich hin, Flachmann in der Hand. Die Letzten, mit denen ich in dieser Nacht spreche, sind Lisa und Wilma. Die Studentinnen sind gut gelaunt. Sie ärgern sich nur darüber, dass sie so früh von ihren Freunden aufbrechen mussten. Gerne hätten sie noch länger gequatscht und Bier getrunken. „Na ja, dann quatschen und trinken wir eben zu Hause weiter“, sagen sie und lachen.

1.34 Uhr. Greifswalder Straße. Mein nächtlicher Streifzug endet. Auf dem gegenüberliegenden Gleis wird ein Wagen saubergemacht. Ich treffe auf die Männer von der DB-Sicherheit. „Ach, Sie schon wieder!“, rufen sie mir zu. Die beiden haben alle Hände voll zu tun. Zügig kontrollieren sie die Wagen. Sie holen fünf Männer heraus.

Der Betrunkene wankt davon

Fünf Gestalten torkeln auf den Bahnsteig. Keiner von ihnen scheint zu wissen, wo er ist. Wie verlorene Gestalten irrlichtern sie hin und her. Ich sehe, wie der Mann von der Sicherheit einem den Weg weist. Doch der Mann kann kein Deutsch, er spricht Polnisch. 

Mühsam versucht der eine dem anderen zu erklären, dass unten die M4 fährt. Es ist zwecklos. Er gibt es auf und zeigt auf die Treppe. Der Betrunkene wankt davon. Ganz langsam bewegt er sich auf die Treppe zu und hält sich am Geländer fest. Die letzte S-Bahn war für die fünf Männer in dieser kalten Nacht ein paar Stunden lang ein Zuhause. Die beiden Studentinnen sind längst über alle Berge. Man hört ihr lautes Lachen von der Treppe.

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