Organische Christus Generation

Abigails (21) Weg aus der Sekten-Hölle

Nach 17 Jahren gelang ihr der Aufbruch in ein neues Leben.

BK
Lesezeit 3 Min
Abigail wurde während ihrer Kindheit in der Sekte oft geschlagen.

Abigail wurde während ihrer Kindheit in der Sekte oft geschlagen.

© dpa

Fast ihre ganze Kindheit verbrachte Abigail in einer Sekte. Mit 21 Jahren schaffte sie den Ausstieg, ließ alles zurück und startete ein zweites Leben. „Es ist, als wäre ich auf einem neuen Planeten gelandet“, sagt sie.

Als Abigail vier Jahre alt war, schlossen sich ihre Eltern der Organischen Christus Generation, kurz OCG, an – und nahmen ihre fünf Kinder mit. OCG ist eine christlich-fundamentale Sekte, die von der Schweiz aus operiert, aber auch in Deutschland und Österreich Anhänger hat.

Sie wurde Ende der 1990er Jahre von dem gelernten Automechaniker Ivo Sasek gegründet. Sie ist pyramidenförmig und streng hierarchisch aufgebaut. Rund 2000 Mitglieder bilden den harten Kern, hinzukommen eine unbestimmte Zahl an Sympathisanten. Zur Arbeit der Sekte gehören auch Onlineportale, Publikationen und Veranstaltungen. „Sasek knüpft bewusst Kontakte in andere Bereiche – dazu zählen Holocaustleugner, Scientology-Vertreter, Esoteriker und Verschwörungstheoretiker“, sagt Matthias Pöhlmann, Sektenexperte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. 

Körperliche Züchtigung spielte eine große Rolle

Auf seinem Online-Kanal „Klagemauer.tv“ verbreitet Sasek seine Weltanschauung. Auf der Seite finden sich Verschwörungstheorien zum 11. September, es wird gegen Schulmedizin und Impfpflicht und die sogenannten „Systemmedien“ gehetzt. Ein Video trägt den Titel: „Finale Massenmigration offenbar beschlossen“. Zudem hat Sasek die sogenannte „Anti-Zensur-Koalition“ (AZK) ins Leben gerufen. Regelmäßig veranstaltet diese Kongresse. Der Schweizer Scientology-Mann Jürg Stettler trat dort auf, auch Holocaustleugner sollen dort ein Publikum gefunden haben.

So richtig geglaubt hat Abigail all die wüsten Theorien Saseks nicht. Sie habe sich nicht mal alles angeguckt, sagt sie. Sie hatte einfach immer Angst, Ärger zu bekommen, wollte nicht bestraft werden. Denn die körperliche Züchtigung von Kindern spielt in der Ideologie der OCG eine große Rolle. „Sind sie widerspenstig und böse oder entgegen der Ermahnung wild, unbändig und übermütig, so schone deine Rute nicht“, heißt es in einem von Sasek verfassten Erziehungsratgeber. Auch Abigail berichtet davon. „Ich war in meinem Leben von Anfang an Schlägen ausgeliefert“, sagt sie.

Ivo Sasek gründete die OCG. Zur Arbeit der Sekte gehören auch verschiedene Veranstaltungen. 

Ivo Sasek gründete die OCG. Zur Arbeit der Sekte gehören auch verschiedene Veranstaltungen. 

© Berliner Kurier

„Das Leben in der OCG war die Hölle“, sagt sie heute. Im Winter 2017 trat sie aus. Damals hatte sie hohes Fieber, konnte kaum atmen. Ihr Vater rief trotz aller Vorbehalte gegen die Schulmedizin einen Notarzt. Im Krankenhaus war sie von der Herzlichkeit überrascht. Zuvor hatte sie kaum Kontakt zur Außenwelt. Den Kindergarten besuchte sie nicht, dort werde „der Teufel gelehrt“, sagte ihre Mutter. In der Grundschule wurde sie wegen der in der Sekte üblichen altmodischen Kleidung gemobbt. Damals erschien ihr die Außenwelt als genauso böse, wie es ihr eingetrichtert worden war. „Gehirnwäsche“ nennt sie das heute.

Durch die Nettigkeit, die Abigail im Krankenhaus erfuhr, fiel das Lügengebäude, das Sasek aufgebaut hatte, für sie zusammen. Kurz darauf habe sie alles abgebrochen. Auch ihre vier Geschwister haben den Absprung geschafft. Heute absolviert Abigail eine Ausbildung zur Informationstechnischen Assistentin und macht ein Praktikum in einem Krankenhaus. An einem Ort, an dem sich Menschen um andere kümmern.  

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