Obdachlosen-Zündler

Jetzt will sich einer mit Drogen rausreden

Am zweiten Prozesstag gab’s die kruden Aussagen der Angeklagten.

Kerstin Rebien
Lesezeit 3 Min
Hier sitzt die Zündler-Clique vor Gericht und schämt sich in Grund und Boden. 

Hier sitzt die Zündler-Clique vor Gericht und schämt sich in Grund und Boden. 

© dpa

Nour N. (21) ließ seinen Anwalt am zweiten Prozess-Tag gut formulierte Sätze vortragen: „Es trifft zu, dass ich derjenige bin, der für das Feuer verantwortlich ist.“ Nour N.: „Es war ein Spaß, ein Streich. Ich wollte den Mann mit einem kleinen Feuerchen nur aufschrecken.“ Er habe ihn nicht gefährden wollen – „ich bin nicht so verroht“. Drogen und Suff seine Ausrede: „War motorisch gut beisammen, im Kopf berauscht.

Spurensicherer stehen hinter der Bank, auf der sich der Feueranschlag ereignete.  

Spurensicherer stehen hinter der Bank, auf der sich der Feueranschlag ereignete.  

© camcopTV/ Andreas Klug

Eine abscheuliche Tat, ein versuchter Mord. Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass sechs der Angeklagten den obdachlosen Maciej B. (37) anzünden wollten. Grausam, heimtückisch. Sie hätten mögliche tödliche Folgen billigend in Kauf genommen. Nour N. mit bleichem Gesicht neben seinem Verteidiger. N. ist der einzige Erwachsene unter den Angeklagten aus Syrien und Libyen. Mohammad M. (18), Khaled A. (18), Ayman S. (17) Mohamad Al-J. (19), Bashar K. (16) können im Falle einer Verurteilung mit einer Strafe nach dem milderen Jugendstrafrecht rechen.

Sie wollen keine Gefahr gesehen haben. Mohammad M. (18): „Habe nicht gesehen, dass etwas angezündet wurde.“ Die Kapuze habe er sich nur übergezogen, um sich von N.s Verhalten abzugrenzen. M.: „Dachte, er macht sich über den Mann auf der Bank lustig.“ Während im Rest der Stadt besinnliche Weihnachtsstimmung herrschte, hat Maciej B. in der Heiligen Nacht im U-Bahnhof Schönleinstraße sein Nachtlager aufgeschlagen. Um 1.55 Uhr betreten die Angeklagten den Bahnsteig. Etwa sechs Minuten später werden einige der Männer auf B. aufmerksam. Den Kopf hat er auf seinen Rucksack gebettet.

Es wird gelacht

N. zündet ein Taschentuch an und legte es neben B.s Kopf. Nur durch beherztes Eingreifen von Fahrgästen wurde er gerettet.
Keine Gefahr gesehen? Was Videokameras einfingen, ist aus Sicht des Anklägers das Gegenteil. Die Szenen liefen jetzt im Gerichtssaal: Nour N. wirkt wie der Einpeitscher. Drei andere drehen sich kurz zu B. um. Es wird gelacht. Dann lodert ein Feuer auf. Wie auf Kommando ziehen sich die jungen Männer ihre Kapuzen über, gehen weg. Und stehen kurz darauf in einer Bahn – in Partystimmung.

Nun Khaled A. (18): „Es könnte der Eindruck entstanden sein, dass ich belustigt war, aber so war es nicht.“ Das Lachen sei vielmehr „Ausdruck meiner Hilflosigkeit“. Er werfe sich vor, N. nicht weggezogen zu haben. Aber: „Niemand ging davon aus, dass es wirklich brennt.“ War es N. allein? Die Anklage stützt sich auf die Videos vom Bahnhof. Verteidiger nörgelnd: „Die Aufnahmen sind aber interpretationswürdig.“ Die Flüchtlinge könnten auch gelacht haben, „auch Erleichterung, weil nicht mehr passiert ist“. Fortsetzung: Dienstag. KE.

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