Grippe, Corona, Norovirus

Arztpraxen kollabieren: Die kranke Wahrheit über Berlins „Blaumacher“

Wird in Berlin zu viel blaugemacht? Quatsch, sagen Mediziner. Sie kennen den wahren Grund für den hohen Krankenstand.

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In ganz Deutschland platzen die Wartezimmer bei Ärzten gerade aus allen Nähten. Blaumacher sind aber die wenigsten.

In ganz Deutschland platzen die Wartezimmer bei Ärzten gerade aus allen Nähten. Blaumacher sind aber die wenigsten.

© Steffen Schellhorn/imago

Über Berlin schwappt eine Infektionswelle, und die hat die Stadt fest im Griff. Grippe, Corona, Norovirus – die Zahlen steigen, die Hausarztpraxen arbeiten am Limit. Und während die Mediziner um die Versorgung der Patienten kämpfen, flammt eine politische Debatte auf: Führt die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung (eAU) zu einem Rekordhoch an Fehltagen? Besonders Arbeitgebervertreter stellen sich diese Frage.

Im Moment scheinen Berlins Arztpraxen kaum noch durchatmen zu können. 1165 Influenza-Fälle wurden allein in der vergangenen Woche gemeldet, dazu 172 neue Coronafälle, schreibt die „Berliner Zeitung“ (Bezahlschranke). Aber nicht nur die Patienten, auch das medizinische Personal bleibt von den Infekten nicht verschont.

In einer Wilmersdorfer Hausarztpraxis meldete sich eine Fachangestellte krank, und die Ärztin Sandra Blumenthal fiel schließlich selbst aus  – eine Ausnahmesituation in der sowieso schon überlasteten Gesundheitsversorgung.

Die telefonische Krankschreibung, ursprünglich als Entlastung während der Coronapandemie eingeführt, steht jetzt in der Kritik. Politiker wie Christian Lindner (FDP) und Wirtschaftsvertreter wittern einen Freibrief zum „Blaumachen“ und fordern ein Ende der eAU.

Angeblich verführt die telefonische Krankschreibung zum Blaumachen.

Angeblich verführt die telefonische Krankschreibung zum Blaumachen.

© Steinach/imago

Studien aber zeigen: Die meisten Patienten nutzen das Angebot verantwortungsbewusst. Der eigentliche Grund liegt ganz woanders: Die neue automatische Übermittlung der Krankschreibungen an die Krankenkassen hat die Zahlen künstlich in die Höhe getrieben.

Blaumacher durch die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung?

Viele Patienten haben früher ihre Krankschreibungen gar nicht an die Kassen weitergeleitet. Das geschieht jetzt vollautomatisiert. Gleichzeitig befeuern Infektwellen den Anstieg zusätzlich.

Mediziner wie Sandra Blumenthal betonen in der „Berliner Zeitung“ die Vorteile der eAU, die in stressigen Zeiten eine echte Hilfe darstellt. Die Entscheidung, ob Patienten zu Hause bleiben können oder persönlich untersucht werden müssen, bleibt eine Gratwanderung. Fälle wie der einer 17-Jährigen mit unerwarteter Lungenentzündung zeigen, wie wichtig ärztliches Fingerspitzengefühl dabei ist.

Kritik gibt es auch an Ideen wie der Einführung eines Karenztages, der Arbeitnehmer für den ersten Krankheitstag selbst zahlen lassen würde. Ärzte warnen vor einer solchen Maßnahme: Patienten könnten aus Angst vor Lohneinbußen Krankheiten verschleppen, was zu schwereren Verläufen und höheren Kosten für das Gesundheitssystem führen dürfte.

In Berlins Praxen herrscht also weiter der Ausnahmezustand. Die Hoffnung ist: Mit dem Ende der Infektwelle könnte zumindest ein wenig Entlastung kommen. Aber schon im März steht die nächste Herausforderung an – die Einführung der elektronischen Patientenakte. Die ist gerade wegen datenschutzrechtlicher Bedenken in der Kritik. Hacker können relativ leicht an die 70 Millionen Datensätze von Patienten herankommen. ■

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