Wer sich so um 1977 vom Hackeschen Markt kommend die Spandauer Straße entlang bewegt hätte – rechts den gerade eingeweihten Palast der Republik im Auge, links die gewaltigen Wohnriegel an der Karl-Liebknecht- und der Rathausstraße, die Nadel des Fernsehturms, kurz: dieses Riesenmonument modernistischen Fortschrittsoptimismus – der wäre wohl nicht auf die Idee gekommen, kaum zehn Jahre später in der Sichtge-raden die bedeutendste Tat der DDR in Sachen postmoderner Städtebau zu sehen: das Neue Nikolaiviertel.
Aus gutem Grund ist dieses 1987 zum imaginären 750. Geburtstag Berlins mit großem Fest eingeweihte Viertel vor wenigen Wochen nicht als Rest der Berliner Altstadt, sondern als DDR-Kunstwerk in die Berliner Denkmalliste eingetragen worden. Denn dieses Viertel hat mit der historischen, ins 12. Jahrhundert zurückgehenden Gemeinde rund um die Nikolaikirche außer der geografischen Lage, dem vage nachempfundenen Straßengrundriss und dem Bestand einiger alter Häuser wenig gemein.
Es ist ein (post-)modernes Gesamtkunstwerk, erfunden und sorgsam auf „historische“ Wirkung hin komponiert – vom hoppeligen Straßenbelag über die heimeligen Straßenleuchten und Fassaden bis hin zur Farbe der Dachziegel.
Vielschichtig, irritierend, anregend
Die wiederaufgebaute gotische Nikolaikirche ist nun ein Museum, die meisten der etwa 800 Wohnungen befinden sich in gut geschnittenen, modernen Plattenbauten. Die neu-alte Gerichtslaube, die ausgerechnet in der zentralistischen DDR an die Rechts-Autonomie des alten Berlin erinnerte, ist ein Restaurant.
Mittendrin steht in der Poststraße 23 jenes zierliche, frühklassizistisch-biedermeierliche Wohnhaus, das seit 1950 die beliebte Gaststätte Historische Weinstuben beherbergte, in dessen Obergeschossen 1989, unmittelbar vor dem Ende der DDR, ein Wohnhausmuseum eröffnete. Es erinnerte an die Geschichte des vom sozialistischen Staat so verachteten Bürgertums und seines kapitalistischen Erwerbsstreben.
Die Nikolaikirche wurde im Jahr 1938 entwidmet, 1944 im Krieg beschädigt und in den 80er-Jahren wieder aufgebaut.
© imago/Schöning
Aber war all dies war 1974 noch ein von Trümmern weitgehend gereinigtes Feld direkt südlich des Roten Rathauses. Darin erhoben sich die monumentale Ruine der Nikolaikirche, der Gründungskirche des alten Berlin, und neben dieser einige, teilweise sogar noch aus dem 18. Jahrhundert stammende bürgerliche Wohn- und Geschäftshäuser. Spätestens seit der Einweihung des Palastes der Republik 1976 war die Neugestaltung dieses so überaus sichtbar ruinösen Gevierts von Rathausstraße, Spandauer Straße und Mühlendamm politisch dringend geworden.
Architekturwettbewerb wird 1979 ausgeschrieben
Zudem stieg sogar in der SED das Bewusstsein dafür, dass die schiere Befriedigung der materiellen Bedürfnisse und ihre Dauer-Behauptung, der Sieg der Arbeiterklasse sei das alternativlose Ziel aller Weltgeschichte, angesichts der Erfolge des Reform-Kapitalismus möglicher Weise nicht ausreichten, um dauerhaft die Macht zu legitimieren.
1979 wurde also ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, gewidmet noch ortsneutral einem „Platz am Marx Engels-Forum“. Der Berliner Architekt und Stadtplaner Günther Stahn gewann ihn mit einem Entwurf, der smart die damals gültigen, am internationalen Modernismus ausgerichteten Repräsentationsformeln der DDR-Führung in den (Platten-) Wohnbauten hin zum Palast der Republik verband mit der Beschwörung einer hoch idealisierten Berliner Stadtbaugeschichte in den Gassen dahinter. Doch waren dies nicht die einzigen Facetten, in denen sein Entwurf schillerte. Auch deswegen ist er bis heute so irritierend anregend.
Da gibt es etwa die Beschwörung einer angeblich deutschen Tradition: Zur Spandauer Straße hin stehen giebelständige (Plattenbau-) Fassaden. Solche wurden zwar spätestens seit dem Barock des 17. Jahrhunderts und seiner Leidenschaft für lineare Straßenansichten in Berlin nicht mehr gebaut. Giebelständige Häuserzeilen wurden damals zum Zeichen wirtschaftlich zurückgebliebener Kleinstädte. Doch seit der deutschen Romantik des 19. Jahrhunderts galten giebelständige Häuser auch als Signale einer wirklich nationalen, „deutschen“ Altstadt, sei sie nun aus Fachwerk, Backstein oder eben nunmehr Beton gebaut.
Sozialistisch-historisches Selbstbewusstsein
Zugleich ließen Stahn und sein Kollektiv Häuser zum Molkenmarkt errichten, die Formen eines zwischen nüchternem Spätbarock und kühlem Frühklassizismus changierenden Stils zitierten. Dieser war um 1900 als „Um 1800“ zum ästhetischen Ideal bürgerlich-liberaler, angeblich oft der Arbeiterbewegung nahestehender Reformarchitekten und -designer geworden. Das las man etwa in den seit 1967 in der DDR publizierten Forschungen von Richard Hamann und Jost Hermand über die „Stilkunst um 1900“. Hier zeigten die Architekten des Neuen Nikolaiviertels in der Formenwahl ein sehr präzise sozialistisch-historisches Selbstbewusstsein.
Kutscher Ludwig Zachmann sorgt mit seiner Droschke für Altstadt-Feeling im Nikolaiviertel. Die Geschäfte bieten Postkarten für die Berlin-Touristen an.
© Gerd Engelsmann
Aber auch allgemeinere Bedürfnisse wurden befriedigt. Einmal das nach „Weltgeltung“ der DDR: Frankfurt am Main baute seinen Römer wieder auf, Warschaus Altstadt war längst wieder erstanden, Vilnius, Tallinn, Riga, Prag, Budapest, sogar das in vielem vorbildliche Stockholm restaurierten ihre Altstädte. Das Europäische Denkmal-schutzjahr hatte 1975 gezeigt, welches kulturelle, ökonomische und emotionale Kapital in ihnen geborgen war. Zudem: In Dresden plante man in den 1970ern heftig den Wiederaufbau der Altstadt rund um die Ruine der Frauenkirche – angeblich wurden dann für das Nikolaiviertel die Planungs- und Baukapazitäten gezielt von dort abgezogen, sodass Berlin im Vorsprung bleiben konnte.
Vor allem aber konnte mit dem Nikolaiviertel ein tiefes Trauma des Berliner Stadtkollektivs beruhigt werden. Die Stadt ist nämlich wie wohl keine andere Europas geprägt von der Moderne und ihrer Grundidee des ununterbrochenen Fortschritts. Nirgends sonst sind deswegen traditionell die Heimat- und Denkmalschützer so schwach wie hier, kaum irgendwo sind zu Friedenszeiten die Verluste an historischer Substanz so groß.
Seit jeher aber wird diese „Geschichtslosigkeit“ auch ins Feld geführt, um Berlins Führungsrolle, seine Legitimität als Hauptstadt anzuzweifeln. Schon seit den 1870ern lässt sich auch deswegen – etwa mit der Gründung des heutigen Stadtmuseums – der Traum von der „richtigen“ Altstadt nachweisen, so ehrwürdig wie die von Nürnberg, Lübeck oder Köln, so elegant wie die von Dresden, so ruhmreich wie die Wiens.
Geschichte, schöner als gewesen
Doch was Berlin um 1870 noch an eigener baulicher Vergangenheit vor allem aus Barock und Klassizismus hätte vorweisen können – und das wäre konkurrenzfähig gewesen! – war bis auf die Kirchen und einige Monumentalbauten um 1900 bereits zum großen Teil abgerissen, nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch in Spurenelementen nachzuweisen. Stahn und sein Team schufen nun dieses traumatisch vermisste Abbild einer konkurrenzfähigen Altstadt, ohne sich aber mit allzu viel historischer Korrektheit zu belasten: Die Gaststätte Zum Nussbaum etwa stand als Original in jenem Cöllner „Fischerkiez“, der brutal Ende der 1960er-Jahre zugunsten einiger Wohnhochhäuser abgerissen worden war; die Gerichtslaube stand an der Stelle des Roten Rathauses, war bei dessen Bau seit 1866 im Auftrag Kaiser Wilhelm I. gerettet und als Gartenpavillon im Schlosspark von Babelsberg neu aufgerichtet worden, um nun im Nikolaiviertel noch einmal zu entstehen. Und dass das Ephraim-Palais, einst ziemlich genau in der Mitte des heutigen Mühlendamms platziert , nur sehr bedingt etwas mit dem Originalbau zu tun hat – egal.
Die Gaststätte Ngon im sogenannten „Schwalbennest“ zeigt das moderne Gesicht des Kiezes.
© Gerd Engelsmann
Das nämlich ist eben gerade das Berlinische, letztlich doch wieder moderne, vergangenheitsignorierende am Nikolaiviertel: die überaus selbstbewusste Konstruktion einer Geschichte, die viel schöner scheint, als sie gewesen sein kann.
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