Wer in der Nacht durch diese dunkle Ecke muss, braucht starke Nerven! S-Bahnhof Neukölln, nordöstlicher Zipfel. Ein Pflaster-Weg führt vom Tunnel zur Saalestraße. Das Licht ist schummrig. „Und schauen Sie mal hier“, sagt Jens Demmler. Am Rand des Weges liegen sie im Busch – die Reste der Junkie-Eskapaden. Nadeln, Alufolie vom letzten Heroin-Schuss.
Der S-Bahnhof Neukölln hat viele Problemzonen.
© Paulus Ponizak
Der Kiez um den S-Bahnhof hat ein Kriminalitäts-Problem. Wurden im Jahr 2012 noch 795 Straftaten registriert, waren es 2016 schon 977. Anwohner und Geschäftsleute leben in Angst, sind verzweifelt. Jens Demmler (40) ist der Hausverwalter des Bahnhofes, kümmert sich auch um Immobilien im Umkreis. „Erst letztes Wochenende fanden wir in der Nähe 80 Obdachlose, die auch Drogen nahmen“, sagt er. Bürgermeisterin Franziska Giffey (39, SPD) kennt die Probleme. „Die Leute sitzen hier in den Ecken, konsumieren im Dreck oder offen auf dem Bahnsteig. Das ist für Passanten ein unerträglicher Zustand.“
Auch sie fühlt sich nicht wohl, wie sie dem KURIER verriet. „Ich fühle mich betroffen von der Armut, der Verschmutzung und der Gleichgültigkeit, die man bei den Leuten sieht.“ In der Nacht zu gestern traf sich Giffey mit Innensenator Andreas Geisel (51) zum Spaziergang, zeigte die Problemzonen. Beispiel Bahnhofshalle. „Wir wünschen uns Videoüberwachung. Bisher gibt es keine Kameras, sie sind laut Bahn nicht vorgesehen“, sagt Giffey. Die Polizei würde sich freuen. 190 Taschendiebstähle gab es 2016 im Bahnhof. „Für deren Aufklärung wären Kamerabilder hilfreich“, sagt Polizeioberrat Stefan Kranich.
Günter Konrad (54) und Heidelinde Fritze (52) arbeiten für den DB-Sicherheitsdienst.
© Paulus Ponizak
Auch die Beleuchtung dunkler Ecken soll geklärt werden. Sowohl der Ausgang Saalestraße als auch die Bahn-Brücke in der Karl-Marx-Straße sind nichts für Angsthasen, weil sich hier gern Junkies verstecken. Dafür wird nahe des Bahnhofes bald ein Beratungsmobil stehen, Sammelbehälter für Spritzen sollen aufgehängt werden. Wie ernst die Lage ist, wissen auch Günter Konrad (54) und Heidelinde Fritze (52), sie arbeiten für den Bahn-Sicherheitsdienst. „Die Dealer grapschen sogar Kinder an. Mindestens einmal pro Schicht holen wir die Polizei. Wir bräuchten einen festen Posten. Aber wir kümmern uns jede Nacht um neun Bahnhöfe.“ Seit Monaten ist dafür mehr Polizei unterwegs. „Wir dürfen nicht kapitulieren“, sagt Geisel. „Aber allein mit den Einsätzen ist es nicht getan. Wir brauchen auch eine gute Gesundheitspolitik.“
Demmler sieht auch die Justiz in der Pflicht. „Neulich wurde ein Dealer zum vierten Mal erwischt. Kurze Zeit später stehen die Leute wieder da.“ Gerade habe er bemerkt, wie Drogen und Bargeld den Besitzer wechselten. „Die haben keine Hemmungen mehr.“ Und: Ein sauberer Kiez sei auch Sache der Bürger. „Neulich sammelte ich an einem Vormittag 17 Nadeln ein, die herumlagen – an Baumscheiben, auf Fensterbrettern“, sagt er. Er erwarte von den Anwohnern, dass auch sie zugreifen, die Fixbestecke entsorgen. „Dann können sich beispielsweise Kinder nicht mehr so leicht daran verletzen.“
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