Neue Studie

So tickt der Berliner politisch

Wie Hauptstädter über Ausländer, Arbeitslose und Demokratie denken

Mike Wilms
Lesezeit 3 Min
Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit: Darauf schwören die Berliner und dafür gehen sie auch auf die Straße. Wie hier bei der großen "Unteilbar"-Demo.

Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit: Darauf schwören die Berliner und dafür gehen sie auch auf die Straße. Wie hier bei der großen "Unteilbar"-Demo.

© Imago Images/Müller-Stauffenberg

Die Berliner seien toleranter und weltoffener als der Durchschnittsdeutsche, sagte Antidiskriminierungssenator Dirk Behrendt (Grüne) am Mittwoch bei der Studienvorstellung im Berliner Rathaus. Man sei aber auch auf antisemitische Denkmuster und Vorurteile gegenüber Muslimen gestoßen.

Langzeitarbeitslose werden diskriminiert

Als überraschend bezeichnete Behrendt das Ergebnis, dass auch Langzeitarbeitslose zu den in Berlin am stärksten diskriminierten Gruppen gehören. 11 Prozent der insgesamt 2000 für die Studie befragten Berliner gaben an, bereits aufgrund von Arbeitslosigkeit diskriminiert worden zu sein. 15 Prozent berichteten von Erfahrungen der Abwertung aufgrund eines niedrigen Einkommens.

Durchgeführt wurde die Studie von Sozialwissenschaftlern der Universität Leipzig und der Hochschule Magdeburg-Stendal. Die repräsentative Umfrage unter Berlinern zwischen 16 und 94 Jahren habe im Frühjahr dieses Jahres stattgefunden, sagte der Soziologe Oliver Decker, einer der Studienleiter.

Die Forscher wollten im ersten Schritt herausfinden, wie wertvoll die Berliner die Demokratie finden und ob sie für ausgrenzende, antidemokratische Weltbilder anfällig sind. Festgestellt wurde, dass neun von zehn Berlinern diktatorische Staatsformen ablehnen. Drei Viertel der Befragten gaben an, dass sie mit der Demokratie insgesamt zufrieden seien.

Gleichwohl bekundete mehr als die Hälfte ein geringes Vertrauen in Politiker. „Hier zeigt sich eine gewisse Ambivalenz“, sagte Professor Gert Pickel, Soziologe aus Leipzig. Die Zustimmung zur Demokratie sei im Bundesvergleich aber hoch.

Berliner mischen sich gern politisch ein 

Als Wertschätzung der Demokratie interpretieren die Forscher auch das Umfrage-Ergebnis, dass sich die Berliner gern in politische Entscheidungsprozesse einmischen. So gaben 18 Prozent der Befragten an, schon einmal in einer Bürgerinitiative mitgearbeitet zu haben, 58 Prozent würden das machen. 42 Prozent nahmen bereits an genehmigten Demonstrationen teil, weitere 13 Prozent an nicht genehmigten Kundgebungen. Nur ein Prozent der Befragten gab an, dass Gewalt gegen Personen ein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung sei.

Senator Dirk Behrendt (Grüne) stellte die Studie vor. Er freute sich, dass die Berliner so tolerant sind.

Senator Dirk Behrendt (Grüne) stellte die Studie vor. Er freute sich, dass die Berliner so tolerant sind.

© dpa

Im weiteren Verlauf stellte sich den Forschern die Frage, ob es trotz der ausgeprägt demokratischen Einstellung der Berliner zu Ausgrenzungserfahrungen im Alltag kommt. 57 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, bereits selbst aus unterschiedlichen Gründen diskriminiert worden zu sein. Geschieht dies wegen des Geschlechts, sind zumeist Frauen die Opfer, passiert es aus religiösen Gründen, zumeist Muslime.

Gruppenbezogene Vorurteile hat der Studie zufolge nur eine Minderheit der Berliner. 29 Prozent stimmten der These zu: „Die Anzahl der Muslime in Deutschland ist zu hoch.“ Umgekehrt sagten 77 Prozent, Geflüchtete müssten in Deutschland immer willkommen sein.

Antisemitismus bleibt in Berlin ein Problem

In der Untersuchung gingen die Wissenschaftler außerdem der Frage nach, wie weit Antisemitismus verbreitet ist. Das Ergebnis: Weniger als in anderen Teilen Deutschlands und umso stärker, je weiter rechts sich die Befragten im politischen Spektrum selbst verorten. Immerhin 16 Prozent stimmten ganz oder teilweise der These zu: „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.“

Eine weitere Form des Judenhasses, der israelfeindliche Antisemitismus, ist laut Studie häufiger unter muslimischen Berlinern und solchen mit Migrationshintergrund anzutreffen. Die Behauptung, Israels Umgang mit den Palästinensern sei genauso schlimm wie die Politik der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg, teilen 55 Prozent der Berliner ohne deutschen Pass ganz oder teilweise. 

In der Gesamtbetrachtung zeige die Studie „Licht und Schatten“, sagte Senator Behrendt. Die Ergebnisse sollen nun in die Antidiskriminierungsarbeit einfließen. (mit dpa)

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com