Die riesigen Antennenkuppeln auf dem Berg sind längst verwittert. Wütend pfeift der Wind durch das Metallgerippe und zerrt an den verschlissenen Planen. Der Betonboden ist über und über mit Graffiti bemalt. Und auf dem übrig gebliebenen Bild einer US-Flagge wünschen Mickymaus-Figuren in Sprechblasen die Amerikaner zum Teufel.
Auf dem Gelände der Spionagestation im alten Berliner Westen sollen ein Museum, ein Erholungsort und Freiräume für Künstler entstehen.
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Und doch liegt über dem Ort ein fast geheimnisvoller Frieden. Keine Autos weit und breit. Aus dem nahegelegenen Naturschutzgebiet Grunewald sind seltene Singvögel zu hören. Oben öffnet sich vor dem Besucher ein atemberaubender Rundumblick - über Havel und Wannsee bis nach Potsdam, hinüber zum Alex in den Osten und über das Olympiastadion weit hoch in den Norden Berlins.
Keine Partys, kein Highlife
Hier soll jetzt ein ungewöhnliches Projekt entstehen: ein „natürlicher Kulturort“. Der 37-jährige Immobilienkaufmann Marvin Schütte plant auf dem 4,8 Hektar großen Gelände ein Museum zur Geschichte des Teufelsbergs, Rückzugsorte für ruhebedürftige Städter und Freiräume für Künstler.
Die Graffiti-Galerie auf dem Teufelsberg.
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„Wir wollen keine Partys, kein Highlife. Es soll ein Ort der Entschleunigung werden“, sagt der Projektentwickler, der das Gelände vor zwei Jahren gepachtet hat. Im Herbst will er beim Bezirk Charlottenburg einen ersten Antrag für sein Vorhaben stellen. „Dann liegt es an Berlin, wie sie es aufnehmen.“
Als Schütte anfing, hatten Diebstahl und Vandalismus hatten die noch vorhandenen Anlagen zerstört. Ein zwischenzeitlicher Pächter organisierte zwar Führungen und schuf mit internationalen Künstlern die wohl größte Graffiti-Galerie Europas, doch ein Konzept fehlte.
Beeindruckend: der Turm der ehemaligen Abhörstation.
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Wüst und verwunschen ist es auch heute noch. Aber Schütte schwebt eine Art Künstlerkolonie vor, die das Gelände nachhaltig entwickeln und gestalten soll. So hat der Berliner Mané Wunderlich einen Skulpturengarten mit Installationen und Flechtarbeiten geschaffen, für die er Altholz, Hopfen und andere Materialien aus der Gegend zusammentrug.
Praxis für „Wahrnehmungschirurgie“
Die polnische Künstlerin und Kräuterhexe Malgosia Bilderberge betreibt in einem rosa Antennenturm eine Praxis für „Wahrnehmungschirurgie“. Und der Künstler Isi von Kisie (47), Vater von acht Kindern und erfahrener Hausbesetzer, hat vorerst einen Job am Empfang gefunden. „Wir sind diejenigen, die vorleben, dass es funktioniert“, sagt er stolz. „Hier kann jeder Künstler eine Arbeitsmöglichkeit bekommen und irgendwann auch Geld verdienen.“
Fünf bis sechs Leute gehören vorerst zum festen Team. Im Sommer kommen jeweils noch etwa ein Dutzend handverlesene Rucksacktouristen hinzu, die gegen Kost und Logis bei den Aufräum- und Sanierungsarbeiten helfen. „Wir wollen alles erhalten. Wir bauen nichts Neues, wir reißen nichts ab“, versichert Schütte.
Recycling und Mülltrennung sind Pflicht, alles noch irgendwie Brauchbare wird sortiert gelagert. Eine Werkstatt für Prototypen gibt es bereits, eine Schmiede und eine Holzwerkstatt sollen folgen. „Seit ich Pächter bin, bin ich im Aufräummodus“, sagt der Chef. „Ich habe lebenslänglich.“
Spionage und Sowjets
Das Hauptgebäude ganz oben auf dem Hügel ist bereits „clean“, auch wenn düstere Treppenhäuser noch für leichtes Gruselgefühl sorgen. Der Zeitzeuge Christopher McLarren gehört zu denen, die regelmäßig Besucher über das einst hermetisch abgeriegelte Gelände führen. Er hat am Sonntag die 13-Uhr-Tour.
„Der Teufelsberg war so eine Art großer Vorwarnposten“, erzählt der 69-jährige pensionierte US-Soldat. „Wir mussten so viele Informationen wie möglich sammeln, um herauszubekommen, ob die Sowjets oder der Warschauer Pakt etwas gegen uns im Schilde führten.“
Der Teufelsberg zieht zahlreiche Besucher an.
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Bis zu 1500 Leute waren im Drei-Schicht-Betrieb im Einsatz. Die Signale kamen über die Satellitenschüsseln, die sich in den vier großen Radarkuppeln auf dem Dach drehten - heute noch als bunt besprühte Ruinen zu sehen. Als sogenannter Signals Traffic Analyst der US-Army musste McLarren mit seinen Leuten die aufgefangenen Funksignale auswerten.
Was unter Beteiligung der mittlerweile berüchtigten NSA aus dem östlichen Funkverkehr herausgefiltert wurde, sollen die US-Archive erst ab dem Jahr 2020 preisgeben. McLarren weiß aber zumindest, dass die Spionage der Alliierten auch damals schon von gegenseitigem Misstrauen geprägt war. „Briten und Amerikaner waren beide auf dem Teufelsberg, sie waren aber nicht gemeinsam auf dem Teufelsberg“, so formuliert er es diplomatisch.
Riesige Papierschredderanlage
Mit blauer Jacke und Schiebermütze steht McLarren in seinem einstigen Büro. Eine Steckdose im Boden und die Reste einer Trennwand markieren seinen Arbeitsplatz. Ein Stockwerk darunter findet sich noch unversehrt die frühere Papierschredderanlage, die Unmassen nebensächlicher und unnütz eingefangener Informationen wieder beseitigen musste. „Jeden Tag wurden hier zwei Tonnen Papier geschreddert, mit Wasser vermischt und zu Blöcken gepresst, um sie dann zu verbrennen“, berichtet Schütte.
Hügel aus Trümmern
Doch auch die andere, die verborgene Geschichte des Teufelsbergs soll in Schüttes Projekt später wieder ins Blickfeld gerückt werden. Denn der Hügel besteht aus den Trümmern der Häuser, die die Alliierten bei den Bombenangriffen auf Hitlers „Reichshauptstadt“ in Schutt und Asche legten.
Totenköpfe an der Wand - das passt zum Namen "Teufelsberg".
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22 Jahre lang luden nach Kriegsende bis zu 800 Lastzüge täglich insgesamt gut 26 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt hier ab, bis der Teufelsberg mit seinen genau 120,1 Metern zur damals höchsten Erhebung in Westberlin wurde. Der Name geht übrigens nicht auf diese verheerende Geschichte zurück, sondern stammt vom nahegelegenen Teufelssee.
Obwohl Amis und Briten die Kuppe des Hügels bald für ihre Spionage in Besitz nahmen, entwickelte sich der Schuttberg mit seinen rund eine Million frisch gepflanzten Bäumen bald zu einem beliebten Ausflugsziel. Bis heute gibt es einen Kletterfelsen und eine Rodelbahn. Die - für Berliner Verhältnisse - steile Straße ist ein Eldorado für Skateboarder.
Kürzlich nutzte sogar Ex-Radprofi Jens Voigt den Teufelsberg für eine Charity-Tour: 27 Stunden am Stück fuhr er rauf und runter, bis er rund 9000 Höhenmeter hinter sich gebracht hatte - mehr als die Höhe des Mount Everest (8848). Zur 750-Jahr-Feier Berlins hatte es 1986 hier sogar einen Weltcup-Slalom gegeben. Für einige Jahre wurde das „Wilmersdorfer Teufelströpfchen“ angebaut.
Der langsame Verfall
Doch als die Alliierten ihren Horchposten nach dem Ende des Kalten Kriegs 1992 verließen, begann der langsame Verfall. 1996 kaufte eine Investorengemeinschaft um den Architekten Hanfried Schütte aus Bad Pyrmont das Gelände vom Land Berlin.
Der Vater des heutigen Pächters wollte dort ein lukratives Freizeitareal errichten - mit Hotel, Luxuswohnungen und einem spektakulären Aussichtsturm. Doch das Projekt platzte, die Baugenehmigung verfiel. Seit 2006 ist das Areal wieder als Wald ausgewiesen. Unbebaubar.
Mehrere Vorhaben zur Nutzung gescheitert
Zwischenzeitlich gab es nochmal Hoffnung, als Hollywood-Regisseur David Lynch auf dem Plateau den Grundstein für eine Universität der Maharishi-Weltfriedens-Stiftung legte. 1000 Studenten sollten sich unter einem „Turm der Unbesiegbarkeit“ der transzendentalen Meditation widmen und yogisches Fliegen lernen. Doch auch dieses Vorhaben scheiterte.
Seit 2015 hat nun Marvin Schütte das Gelände für seinen erhofften „Kulturort“ gepachtet. „Er hat freie Hand, aber ich bin gedanklich dabei“, sagt der Vater. „Es wäre schön, wenn jetzt die nächste Generation dort etwas aufbaut - auch wenn es etwas ganz anderes ist, als wir uns vorgestellt hatten.“
Freilich: Längst nicht jeder ist begeistert. Das schon seit 20 Jahren engagierte Aktionsbündnis Teufelsberg, ein Zusammenschluss aus Naturschutzverbänden, Forstleuten und Anwohnern, misstraut den Eigentümern trotz des neuen Pächters. „Wir haben den Verdacht, dass es denen letztlich immer ums Geld geht. Und das ist nicht im Interesse Berlins“, sagt der Sprecher, Prof. Hartmut Kenneweg von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald.
Ein Rückkauf der Areals durch das Land, wie von der Aktionsgemeinschaft gefordert, ist derzeit allerdings Utopie. 15 Millionen Euro hatte die Investorengemeinschaft schon vor zwei Jahren vergeblich verlangt - etwa das Sechsfache des ursprünglich bezahlten Preises.
Der Senat strebe grundsätzlich eine Wiedereingliederung des Gebiets in den Grunewald an, heißt es in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zurückhaltend. „Da die Eigentümergemeinschaft aber eher gewinnorientierte Interessen verfolgt, ist eine Umsetzung der Vorstellungen Berlins derzeit nicht absehbar.“
Nutzung als Filmkulisse
Deshalb ist spannend, wie sich der Bezirk zu Schüttes Konzept stellen wird. Im vergangenen Jahr kamen rund 25.000 Menschen zur Besichtigung, acht Euro kostet der Eintritt. Zudem wird das spukige Gelände als Filmkulisse vermietet - zuletzt etwa für den ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“.
„Das zusammen sind unsere Einnahmen“, sagt Pächter Schütte, der bewusst nicht als „der Sohn von ...“ gehandelt werden will. „Unser Prinzip ist einfach. Wir machen Schritt für Schritt weiter - immer, solange wir Geld haben.“
Größte Attraktion für die Besucher ist neben dem spektakulären Blick bisher die Graffiti-Galerie im Hauptgebäude. Auf einer Fläche von 2400 Quadratmetern ragen zahllose nachträglich eingezogene Betonwände auf, auf denen renommierte Streetart-Künstler ihre Werke hinterlassen haben - grell, bunt, provokativ und auch mal obszön.
Eine Besucherin, die sich mit ihrer Kamera nicht sattsehen kann, fasst es so zusammen: „Es passt nichts zu nichts und doch alles gut zusammen.“ (Nada Weigelt, dpa)
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