Neue Bauplätze?

Die Wohnungsnot und der Tod

Die evangelische Kirche will Friedhöfe bebauen, aber der Senat gibt sein Amen nicht.

Stefan Strauss
Lesezeit 3 Min
Am Rande des St.-Thomas-Friedhofs in Neukölln entsteht ein neues Verwaltungsgebäude.

Am Rande des St.-Thomas-Friedhofs in Neukölln entsteht ein neues Verwaltungsgebäude.

© Bernd Friedel

Bestatten und bauen – die Berliner Friedhöfe sind im Wandel. Heute werden weniger Flächen für Bestattungen gebraucht. In den vergangenen Jahren sind 38 Friedhöfe geschlossen worden, auf 22 weiteren gibt es Bereiche, auf denen keine Bestattungen mehr stattfinden. Die überflüssigen Flächen bleiben meist als Grünanlagen erhalten, nur ein geringer Teil darf bebaut werden. 

Einen Teil des Neuköllner Jerusalem-Friedhofes an der Hermannstraße nutzen ein Kreuzberger Kindergarten und Jugendprojekte für einen Experimentiergarten mit einem Insektenhotel.

Einen Teil des Neuköllner Jerusalem-Friedhofes an der Hermannstraße nutzen ein Kreuzberger Kindergarten und Jugendprojekte für einen Experimentiergarten mit einem Insektenhotel.

© Bernd Friedel

An der Hermannstraße sieht man diesen Wandel ganz deutlich. An der Straße baut der evangelische Friedhofsverband Stadtmitte ein neues Verwaltungsgebäude. Auf der anderen Seite wurde der ehemalige St.-Thomas-II-Kirchhof zur Grünanlage. Und diese heißt jetzt Anita-Berber-Park.
Jürgen Quandt hat viele Ideen, was man mit den ungenutzten Flächen der Friedhöfe machen könnte. Der 74-Jährige ist Pfarrer und Geschäftsführer des evangelischen Friedhofsverbandes Stadtmitte. Er verwaltet 45 Friedhöfe in der Stadt. 250 Hektar gehören dem Verband, 70 Hektar sind schon geschlossen. Quandt würde einige dieser Flächen gern an das Land Berlin verkaufen. Dann könnte der Senat dort dringend benötigte Wohnungen errichten. 

Im Senat fehlt die Bereitschaft, über die Bebauung zu diskutieren

Und so bietet Quandt dem Senat schon seit einigen Jahren Randflächen auf Friedhöfen zur Bebauung an. „Der Senat könnte diese Flächen im Sinne der Bewohner für den sozialen Wohnungsbau nutzen“, sagt Quandt. Doch „im Senat fehlt die Bereitschaft, über die Bebauung dieser Flächen zu diskutieren. Dabei müsste der Senat dankbar sein über unsere Bereitschaft, Friedhofsflächen für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen“, sagt der Pfarrer. „Da gibt es Bauland in bester Lage, und Berlin nutzt es nicht.“

Jürgen Quandt, (74), Geschäftsführer des evangelischen Friedhofsverbandes Stadtmitte.

Jürgen Quandt, (74), Geschäftsführer des evangelischen Friedhofsverbandes Stadtmitte.

© Ev. Friedhofsverband Berlin Stad

Traditionelle Beisetzungen im Sarg sind in Berlin selten geworden, ein Großteil der Verstorbenen wird heutzutage in einem Gemeinschaftsurnengrab beigesetzt. Die Zahl der Begräbnisse sinkt, ebenso die Zahl der Erdbestattungen. „Diese Entwicklung führt zu einem stetigen Einnahmeverlust“, sagt Pfarrer Quandt. Eine Erdbestattung kostet im Durchschnitt etwa 1.500 Euro, ein Urnenplatz 500 Euro, ein Gemeinschaftsurnengrab ist noch günstiger zu haben. 

Ein Drittel aller Flächen sind für eine Bebauung geeignet

Und so versucht Pfarrer Quandt, überflüssig gewordene Flächen zu verkaufen. Die Nachfrage ist groß, Investoren erkennen lukratives Bauland für neue Wohnungen in bester Lage. Doch Quandt verkauft nicht an die meistbietenden Investoren. Baugruppen und soziale Projekte werden bevorzugt. 

Immer mehr Friedhöfe werden nicht für Grabstellen gebraucht. Die Kirche gibt sie für soziale Projekte frei. So können Kinder im Garten und im Gewächshaus arbeiten.

Immer mehr Friedhöfe werden nicht für Grabstellen gebraucht. Die Kirche gibt sie für soziale Projekte frei. So können Kinder im Garten und im Gewächshaus arbeiten.

© Bernd Friedel

Vor zwölf Jahren hat der Senat prognostiziert, dass es in der Stadt langfristig nur noch 93 Friedhöfe für Bestattungen geben wird. Im Jahr 2006 legte er die künftige Nutzung im Friedhofsentwicklungsplan fest. Darin steht, dass der Großteil der ungenutzten Flächen als Grünfläche erhalten bleiben muss. Dieser Plan gilt bis heute. Und so heißt es aus der Senatsumweltverwaltung, dass Friedhofsflächen nach Ablauf von Ruhe- und Pietätsflächen „grundsätzlich als Grünfläche“ genutzt werden.

In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will man ehemalige Friedhofsflächen im Stadtentwicklungsplan 2030 berücksichtigen.
Pfarrer Quandt sagt, der Friedhofsentwicklungsplan sei in Fragen der Bebauung noch „viel zu rückhaltend“. Etwa ein Drittel aller Flächen sei für eine Bebauung geeignet. Die anderen zwei Drittel, vor allem historische Grabanlagen, sollten erhalten bleiben. „Friedhöfe sind entstanden, weil der Tod zum Leben gehört. Und es werden immer Orte sein, um von geliebten Menschen Abschied zu nehmen.“  

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