Das Haus, in dem der 27-Jährige bis vor Jahren wohnte – es steht in Daraa in Syrien, einer Stadt, die Epizentrum einer Katastrophe ist. Hier begann der Syrien-Krieg. Und hier gab es ein finales Bombardement, das jenes Haus in Schutt und Asche legte. „Die Heimat, wie ich sie kenne, existiert heute nur noch in meiner Erinnerung“, sagt Faris.
In Berlin hat der junge Mann nach einer langen Flucht über die Balkanroute ein neues Zuhause gefunden – an seiner Seite: Gabriele Gérard (71) und Hans-Jürgen Siehl (69), ein Köpenicker Ehepaar. Manchmal passiert es, dass Menschen aufeinandertreffen, in deren Leben es auf den ersten Blick keine Überschneidungen gibt. Und die sich trotzdem verstehen und miteinander kämpfen. Gegen die Geister der Vergangenheit, für eine gute Zukunft.
Ein glänzendes Beispiel für gelungene Integration
Heute sitzen alle drei am Wohnzimmertisch, der Blick geht durch durch das Fenster in den Garten an der Dahme. In Tassen dampft Kaffee – und immer wieder greift Gabriele die Hand von Faris, voller Liebe. Ihre Geschichte steckt voller Leid. Und sie ist gleichzeitig ein glänzendes Beispiel für gelungene Integration.
Zum ersten Mal trafen die Gérards ihren Schützling, als sie sich in der Hoch-Zeit der Flüchtlingskrise ehrenamtlich engagieren wollten. „Als es sich zuspitzte, waren wir gerade in Irland und sahen im Fernsehen, was in Deutschland passierte“, sagt Gabriele. „Für mich stand gar nicht zur Debatte, dass wir etwas tun müssen.“
Sie meldeten sich in einer großen Flüchtlingsunterkunft in Karlshorst, betreuten die Menschen, die hier unterkamen. Am 20. Oktober 2015 waren sie dort – und trafen Faris. „Er fiel uns auf, weil er schon aufgrund seiner Größe alles überragte“, sagt Gabriele und lächelt. Und Faris: „Ich mochte die beiden sofort. Als Gabi mich umarmte, bekam ich richtige Gänsehaut.“
„Ich dachte nur: Wir müssen ihn da rausholen.“
Sie tauschten Nummern aus, doch dann verloren sie sich aus den Augen. Weihnachten 2015 sollten sich ihre Wege kreuzen. „Damals schrieb ich ihm eine Nachricht, wie es ihm geht“, sagt Gabriele. Es stellte sich heraus, dass Faris in die Turnhalle der HTW in der Treskowallee gezogen war, dort mit 120 anderen Flüchtlingen lebte. „Als wir ihn besuchten, waren wir entsetzt – er hatte sich einen Fuß verletzt, trug einen Verband, sah schrecklich aus. Ich dachte nur: Wir müssen ihn da rausholen.“
In ihrem Freundeskreis organisierten sie Zimmer für Faris und einen Freund. In ihrem Häuschen in Köpenick gaben sie den beiden Nachhilfe in Deutsch. In der ersten Zeit habe man sich nur mit Händen und Füßen verständigen können. Nach und nach lernten sie sich kennen. Im Hier und Jetzt, aber auch in Bezug auf ihre Vergangenheit. „Für uns ist schockierend, was Faris durchleben musste – und gleichzeitig haben wir uns vielleicht auch deshalb gefunden.“
Denn die Gérards verloren im Jahr 2000 ihren Sohn Florian. „Wir teilen ein schlimmes Schicksal und wissen, wie es ist, wenn man damit leben und weiterleben muss.“ Noch kennen sie nicht alle schrecklichen Details von Faris’ Geschichte. „Wir lernen immer wieder Neues. Es braucht Zeit, die Dinge zu ordnen“, sagt Gérard.
Faris wurde an der Grenze verhaftet und landete im Gefängnis
Faris wuchs in Daraa im Südwesten von Syrien auf, der Ort seiner Kindheit ist gleichzeitig der Ort, in dem die Syrien-Krise begann. 2011 sprühten Teenager „Das Volk will den Sturz des Regimes“ an eine Wand. Die Kinder wurden verhaftet und gefoltert. Es entstand eine Protestbewegung, zu der auch Faris gehörte. „Wir waren zuerst nur fünf, später etwa 50 Menschen.“
Über Facebook organisierten sie Demos gegen die Regierung. Was sie nicht wussten: Sie hatten auch einen Verräter in der Gruppe. Bei einer der Demos marschierte die Polizei auf und schoss. Viele wurden verletzt – und Faris musste fliehen. Zuerst setzte er sich nach Dubai ab. „Ich dachte, dort bleibe ich.“
Doch dann erkrankte seine Mutter in Daraa. Als er zu ihr reisen wollte, wurde er an der Grenze verhaftet und landete im Gefängnis. Folter und Unterdrückung gehörten dort zum Alltag. Die Wärter schnitten ihm einen Zeigefinger ab, weil sie wussten, dass er auf Facebook aktiv war. „Außerdem schossen sie mir in den Fuß.“ Faris lebte in einer Zelle mit vielen Häftlingen. „Ich erinnere mich, dass eines Tages vier starben. Die Wärter sagten nur: Schmeißt sie in die Ecke.“
„Mein Vater sagte: Du musst nach Europa.“
Sein Vater kaufte ihn frei. Doch bleiben konnte er nicht – der Krieg. Faris unterrichtete an einer Grundschule. Während die Kinder auf dem Hof spielten, schlugen ganz in der Nähe die Bomben ein. „Mein Vater sagte: Du musst nach Europa.“
Also begab er sich auf die gefährliche Route – als Vertreter der Familie. „Weil ich jung und stark bin.“ Mit der ganzen Familie über die Grenze zu flüchten wäre Selbstmord gewesen. Drei Monate brauchte er für die Strecke. Er reiste mit dem Auto, dem Motorrad und zu Fuß, er wurde verhaftet und freigelassen, an der Grenze zur Türkei nahmen Militärkräfte ihm alles weg. „Mir blieben nur mein Pass und meine Kleidung.“ Über die Balkanroute erreichte er nach drei Monaten Berlin.
Das Ende einer Reise – und der Beginn von etwas Neuem, denn hier lernte er die Gérards kennen. Sie bestreiten mit ihm den emotionalen Spagat, das neue Leben in Deutschland mit dem alten in Syrien zu vereinen. Faris hielt Kontakt zu seiner Familie und erfuhr so vom letzten Bombenangriff auf Daraa, der die Stadt in Schutt und Asche legte. „Meine Mutter bringt es bis heute nicht übers Herz, mir ein Bild meines Elternhauses zu schicken“, sagt er. „Sie sagte nur: Es war ein Haus – und jetzt ist es kein Haus mehr.“ Seine Schwester schickte ihm ein Foto ihres Hauses, das nur noch eine Ruine ist. Ein absurdes Stillleben aus einzelnen Wänden, großen Betonbrocken und Kindern, die vor dem Schutthaufen spielen.
„Wir mussten ihm erst viele Dinge beibringen, über unsere Kultur“
Die Gérards helfen ihm, das Trauma zu verarbeiten, mit der Situation umzugehen und sich an das neue Leben zu gewöhnen. „Wir mussten ihm erst viele Dinge beibringen, über unser Leben, unsere Kultur“, sagt Gabriele. So schlimm es ist, die tragischen Erlebnisse aufzuarbeiten – über manches können sie gemeinsam lachen. „Wir benutzten zum Beispiel den Ist-mir-egal-Werbefilm der BVG, um Faris zu zeigen, was es hier alles gibt.“
Homosexualität etwa kannte er nicht. „Ich finde es in Ordnung – aber ich wusste aus Syrien nicht, dass es so etwas gibt“, sagt er. „Ich liebe Berlin dafür, dass man hier frei leben darf. In Syrien musste ich mit meiner Familie in die Moschee – das mache ich hier nicht mehr.“
Die Gérards helfen ihm auch, mit dem Druck aus Syrien umzugehen. Damit, dass seine Eltern Geld für den Wiederaufbau des Hauses von ihm fordern, weil sie vergessen, dass Faris erst ein neues Leben beginnen muss. Die nötigen Deutschkurse hat er inzwischen absolviert, bald will er eine Ausbildung zum Krankenpfleger beginnen.
Faris’ Name steht auf dessen Todesliste, viermal
Vorerst sammeln sie im Freundeskreis und im Internet Spenden, 3.000 Euro konnten sie schon nach Syrien schicken, damit kauften Faris’ Eltern Sand und Steine. „Aber es wird noch Jahre dauern, bis die Stadt und das Haus wieder aufgebaut sind.“
Selbst wenn es wieder steht, wenn rundherum Olivenbäume wachsen, wenn die Familie wieder ins Haus ziehen kann – das Leben muss ohne Faris weitergehen. Denn zurück kann er zunächst nicht. Vielleicht irgendwann, wenn sich die Machtverhältnisse in Syrien geändert haben, wenn Präsident Baschar al-Assad nicht mehr regiert. Faris’ Name steht auf dessen Todesliste, viermal. „Ohne meine deutschen Eltern“, sagt er, Gabriele nimmt seine Hand, „wäre ich schon dort. Und dann wäre ich tot.“
* Name von der Redaktion geändert
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