Nach Busen-Rauswurf in Plötzensee

Oben ohne ist beim Senat unten durch

Der Fall im Strandbad ist nun ein Politikum.

Mike Wilms
Lesezeit 4 Min
Kristina K. wurde im Strandbad Plötzensee aufgefordert, ihr Bikini-Oberteil anzuziehen.  

Kristina K. wurde im Strandbad Plötzensee aufgefordert, ihr Bikini-Oberteil anzuziehen.  

© Benjamin Pritzkuleit

Eine Frau bekommt Ärger, weil sie sich oben ohne sonnt. Kristina K. (28) erging es im Strandbad Plötzensee so. Die Security forderte sie auf, ihr Oberteil anzuziehen. Eine Familie habe sich über ihre Freizügigkeit beschwert. Ein Einzelfall? Nein, Berlin streitet im Jahr 2019 wieder über Sitte und Ordnung. Auch der Senat passt sich der neuen Prüderie an: Bedeckte Brüste seien nicht zu viel verlangt. 

Badegast Kristina K. fühlt sich gedemütigt. Vor die Wahl gestellt, sich anzuziehen oder zu gehen, verließ sie das Freibad. Ihr Hinweis, in Deutschland gebe es gleiche Rechte für Mann und Frau, hatte den Sicherheitsmitarbeiter nicht beeindruckt. Was Kristina nicht ahnte: Die Berliner Spielregeln fürs Oben-ohne-Baden sind keineswegs eindeutig. Über sie wird in der Politik heftig gestritten. Der Senat und der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe lieferten sich bereits 2018 ein Duell über die Nackt-Frage.

Haus-und-Badeordnung der Berliner Bäder

Der Zoff entzündete sich an der Haus-und-Badeordnung der Berliner Bäder. Sie legt fest, dass „von allen Badegästen handelsübliche Badekleidung zu tragen“ ist. Dazu zählen „z. B. Badehose, Badeshorts, Bikini, Badeanzug, Burkini“. Von verschiedenen Vorschriften für Mann und Frau steht dort nichts. Im toleranten Berlin sollte es also kein Skandal sein, wenn eine Frau nur Badehose und ein Mann Badeanzug trägt. Das jedenfalls dachte Politiker Luthe. Doch auf Nachfrage beim Senat bekam er eine andere Interpretation vorgelegt.

Zwar nehme man „keine ausdrücklichen Festlegungen vor, welcher Gast sich für welche Art der Bekleidung zu entscheiden hat“, heißt es in der Antwort der Innenverwaltung von  Herbst 2018. Jedoch würden die Regeln nicht im luftleeren Raum existieren. Sie seien im Rahmen unserer kulturellen Tradition zu verstehen. Im Wortlaut: „Durch langjähriges Praktizieren haben sich allgemeine Gepflogenheiten hinsichtlich der Badebekleidung gesellschaftlich etabliert, wonach ein Mann beim Baden/Schwimmen in öffentlichen Bädern eine Badehose trägt und eine Frau einen Badeanzug oder Bikini, die jeweils die weibliche Brust bedecken.“

Der Berliner Senat steckt in der Zwickmühle

Diese Senatsantwort klingt, als könne man es von Oben-ohne-Baderinnen wie Kristina K. verlangen, dass sie sich obenherum bedeckt halten. Das macht Marcel Luthe fassungslos. Er sagt: „Der Senat vertritt, wenn er bei der Auslegung der Badeordnung mit kultureller Tradition argumentiert, eine paternalistisch-konservative Position. Es war auch einmal Tradition, dass Frauen nicht wählen und nicht mit dem Auto fahren.“ Aber diese Sitten habe die Emanzipation zum Glück überwunden.

Luthe vermutet, dass es auch gar nicht so sehr deutsche Traditionen sind, die dem Senat am Herzen liegen. Berlin steht vor der Herausforderung, dass immer mehr Menschen aus anderen Kulturen und mit anderen Moralvorstellungen in die Stadt kommen. Das betrifft nicht nur Muslime, auch in katholischen Ländern und in den USA gibt es eine prüdere Sexualmoral.

Marcel Luthe (FDP): „Ich möchte keine Sittenwächter, die im Freibad patrouillieren“

Im Fall Kristina K. hatte das Strandbad Plötzensee zunächst mitgeteilt, dass die Oben-ohne-Beschwerde von einer „Familie migrantischer Herkunft“ stamme. Der private Badbetreiber zog diese Aussage zwar zurück – aber FDP-Mann Luthe sieht in der Einwandererfrage einen Kernpunkt der Brust-Debatte. Er betont: „Ich möchte keine Sittenwächter, die im Freibad patrouillieren, nur weil eine kleine, aber lautstarke Minderheit mit einem offenbar paternalistischen Kulturverständnis das Rad der Zeit vor die Aufklärung zurückdrehen will.“

Der Senat steckt in der Zwickmühle. Er muss allen Einwohnern Berlins, egal woher sie stammen, ein erträgliches Leben ermöglichen. Aber das ist schwer, wenn die Menschen so verschieden ticken. Und: In Zukunft wird es eher noch mehr Neu-Berliner aus aller Welt geben. Luthe mahnt, die Emanzipation der Frau dürfe nicht Opfer dieser Entwicklung werden

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