"Es war aufregend und immer was los"
Tuncay, heute Ingenieur und Unternehmer in Kreuzberg, erzählt eine andere Geschichte. Er gehörte zum Kern der Gang, von Anfang an. Mit 13 zog er ans Kottbusser Tor, „in die Höhle des Löwen“. Er fand bald seine „Kernfreundschaft“ aus Türken, Jugoslawen, Griechen, Albanern, Palästinensern. Fast 20 Leute waren sie, die nach der Schule am Kotti, Ecke Reichenberger, abhingen, HipHop hörten, tanzten.
Ihr Name, 36Boys, war unspektakulär, hatte etwas mit dem damaligen Postbezirk SO36 zu tun. Gang-Anführer wurde Tuncays Freund Muci. Der war der Lustigste und Angesehenste, sagt Tuncay. Aber auch „eine Kampfmaschine“, so wie er selbst. Man trainierte Kampfsport. Aber das Wichtigste: „Es war sehr aufregend, immer was los.“
Schlägereien entstanden meist spontan
Wie war das nun mit den Schlägereien? „Das kam meist spontan, keine Organisation, keine höhere Idee“, sagt Tuncay. „Junge Leute haben eben Energie, wollen sich mit anderen messen.“ So sei es auch im Fall einer Aktion gewesen, die durch die Medien ging. Da habe einer erzählt, in Lichtenrade gebe es gute Ziele: Nazis. Also hin, 60 bis 70 Leute schlossen sich an. Doch die Polizei hielt das Aufgebot der 36Boys auf, schickte es zurück. Tuncay weiß nichts von anderen Aktionen. In einem Buch über Jugend-Gangs wurde 1991 der Vorfall dagegen so beschrieben: Die Jugendlichen trafen nicht auf Nazis, aber auf eine Bürgerwehr, die mit Gaspistolen und Holzprügeln für ein ausländerfreies Viertel kämpfte. Laden-Scheiben splitterten.
Street-Gang Black Panthers war der Gegner der 36Boys
Die 36Boys hatten laut Tuncays einen anderen Gegner: Die Street-Gang Black Panthers, die in Bomberjacken gekleidet den Wedding beherrschten. „Die haben uns herausgefordert, uns ‚Kinder‘ genannt.“ Man fühlte sich provoziert. „Wir hörten, dass die in einer Disco am Kudamm sind. Da sind wir hin.“ Tatsächlich ging dort 1990 ein Pubertätstraum in Erfüllung: Massenschlägerei, Polizei-Großaufgebot, Fernsehen – maximale Aufmerksamkeit.
Brutales Aufnahmeritual
Immer mehr Jungs wollten zu den 36Boys. Das Aufnahmeritual war hart. Der Kandidat stellte sich freiwillig der Prügel von zwei Boys, zur Probe der Standhaftigkeit. Tuncay erinnert sich, mit Gang-Chef Muci das Ritual am heutigen Star-Koch Tim Raue vollzogen zu haben. „Wir waren verrückt“, so Tuncay. Mädchen kamen scharenweise, fanden die harten Jungs attraktiv.
Ehrenkodex: keine Gewalt gegen Alte und am Boden Liegende
„Wir waren keine benachteiligten Migranten-Kids. Wir waren in der Gesellschaft gut aufgehoben, hatten Bildungschancen“, so Tuncay. Dass sie gegen Nazis kämpften, sei „Quatsch, ein Mythos“. Medien und Historiker hätten ihr Tun zu einem politischen Kampf gemacht. Tuncay sagt: „Wir liebten den Reiz des Berühmtseins.“ Er räumt aber ein: „Ja, wir waren gefährlich.“ Aber es galt der Ehrenkodex: Gewalt gegen alte Leute war tabu, am Boden Liegende schlagen ebenso. Das klingt, als sei die Gang ganz lieb gewesen. Fakt ist, dass die 36Boys Teil jener Szene waren, die Berlinern Angst einjagte. In West-Berlin vor dem Mauerfall gehörten nach Polizei-Schätzung über 4000 Jugendliche zu Gruppen, die aufeinander einschlugen, zum Beispiel auch Hooligans. Es gab Schwerverletzte, Tote.
Tuncay machte nach seiner Gang-Zeit Abitur, studierte. Bildung war immer wichtig. Unter den alten Freunden sind ein Chirurg, ein Regisseur, Sozialarbeiter. Bandenchef Muci wurde Kickbox-Weltmeister.
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