Zum 15. Mal haben Anwohner und ehrenamtliche Helfer das Myfest rund um die Oranien- und Mariannenstraße organisiert. Und immer noch zieht dieses Straßenfest mit seinen Imbissständen, Musikbühnen und politischen Debatten zehntausende Besucher an.
Akrobaten zeigen ihr Können.
© dpa
Anwohner dürfen auf der Straße eigene Stände errichten, sie verkaufen Köfte, Börek, Bier und Bratwurst. Restaurants und Bars bieten Cocktails an und haben Boxen rausgestellt. An diesem Tag wittert jeder ein gutes Geschäft. Zwei Teenager haben eine alte Leiter auf die Oranienstraße gestellt. Viele steigen hinauf und fotografieren die volle Oranienstraße. Ein Euro kostet der Spaß.
Eine lange Warteschlange hat sich am Stand von Haydar Bahceli gebildet. Mit seinen Kollegen verkauft er gegrillte Hähnchenteile mit Salat und Soße im Brot. 250 Kilogramm Hühnerfleisch und 700 Fladenbrote hat Bahceli eingekauft. Er wird sicher alles verkaufen.
Bestaunt: Auf ein Bier (3 Euro) mit dem Einhorn.
© dpa
Am Nachmittag wird die Zahl der Besucher auf etwa 25.000 Besucher geschätzt, das Fest hat fast seine Kapazitätsgrenze erreicht. Bis zum Abend gibt es keine Zwischenfälle, als „angenehm störungsfrei und entspannt“ bezeichnet ein Polizeisprecher die Lage in Kreuzberg.
Auch die Veranstalter sind zufrieden. „Alles top, die Stimmung ist toll“, sagt Soner Ipekcioglu. Der 43-Jährige ist der Versammlungsleiter, er gehört auch zum Vorstand des Myfest-Vereins. Er sagt, er sei sehr erleichtert, denn wieder mal war lange Zeit nicht geklärt, ob das Myfest dieses Jahr überhaupt stattfinden könne. Erst vor zwei Wochen kamen die letzten Genehmigungen. „Alles stand auf der Kippe. So wie jedes Jahr“, sagt Ipekcioglu.
Ein Tag für Straßenkünstler: Musiker treten beim Myfest an vielen Orten auf.
© Christian Schulz
In den vergangenen Jahren hatte sich das Straßenfest am 1. Mai immer mehr zur Ballermann-Party entwickelt. Anwohner klagten dagegen, für sie war das Straßenfest eine Zumutung, nicht nur wegen der Urinlachen in den Hausfluren.
In diesem Jahr legte die Polizei ein strenges Sicherheitskonzept fest, vor allem im Hinblick auf mögliche Terrorattacken, wie zu Weihnachten auf dem Breitscheidplatz. Weniger Stände wurden genehmigt, breitere Fluchtwege und Rettungskorridore wurden angelegt, die Zahl der Bühnen wurde von 18 auf 8 reduziert. Und mit Rücksicht auf die Nachbarn wurden auch mehr Toilettenwagen aufgestellt, auf den Bühnen werden längere Pausen eingelegt. Das Fest endet erstmals um 22 Uhr, nicht erst um Mitternacht.
Ausprobiert: Türkische Leckereien gibt es an vielen Ständen.
© dpa
In ihrer inhaltlichen Ausrichtung besannen sich viele Anwohner wieder mehr auf den politischen Charakter. Überall hängen Transparente: Gegen Verdrängung, gegen Abschiebung von Flüchtlingen, gegen Rassismus, gegen Sexismus und auch gegen die Schließung eines Spätis in der Oranienstraße 35.
Am Mariannenplatz feiert die Linke ihr Maifest mit politischen Liedern des Chores „Rotkehlchen“, mit einer Gesprächsrunde „Keine Rendite mit der Miete“ und mit Flüchtlingen und ihren Unterstützern aus Kreuzberg.„Jede Veranstaltung auf dem Myfest ist politisch, wenn es darum geht, Gewalt zu verhindern“, sagt Soner Ipekcioglu.
Ein Straßentänzer macht einen Salto.
© dpa
Aus diesem Grund wurde das Myfest 2003 erstmals durchgeführt, als Signal gegen Krawall und Randale. Bis heute finanziert der Senat einen Großteil der Kosten, etwa für den Sicherheitsdienst und die mobilen Toiletten.
Und auch im 15. Jahr des Myfestes wird über den Sinn und Anspruch diskutiert. „Das Myfest soll uns ruhig stellen“, kritisiert ein junger Mann, der vor seinem Wohnhaus in der Mariannenstraße Bratwurst im Brötchen verkauft. „So wird aus einem Protesttag ein Volksfest.“ Am Abend wollen die Teilnehmer der „Revolutionären 1.-Mai-Demo“ vom Oranienplatz aus durch das Myfest ziehen. Dann könnte es mit der Ruhe vorbei sein.
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com