Wie feierten MfSler Pioniergeburtstag? Warum fuhren die Ost-Agenten stundenlang West-Berliner Straßen ab, filmten Sehenswürdigkeiten mit einer Super-8-Kamera? Und wie nannte Stasi-Chef Mielke ausreisewillige DDR-Bürger auf einer internen Dienstberatung? Die Antworten gibt es im neuen Internetangebot der Jahn-Behörde. Zum Start sind 2500 Dokumentenseiten, 250 Bilder, sechs Stunden Tonaufzeichnungen und 15 Stunden Filme abrufbar – nur ein winziger Ausschnitt aus Millionen von Infoschnipseln, die seit 25 Jahren im Archiv an der Lichtenberger Normannenstraße lagern. „Die Seite ist ein Schaufenster, ein kleiner Ausschnitt, der das Potenzial des Stasi-Unterlagenarchivs deutlich macht“, sagte Stasi-Beauftragter Roland Jahn bei der Präsentation der Website. Das einfach zugängliche Angebot sei für Schüler, Studenten und Normalos gedacht, die sich in die Materie einfuchsen wollen. Und so surft man per Mausklick durch Original-Schriftstücke zum Lindenberg-Auftritt im Ostberliner Palast der Republik, Observationsfotos, Flugblätter, konfiszierte Aufzeichnungen einer Gefangenen, Original-Reden von Mielke und Co. Auf den folgenden Seiten zeigen wir einen Ausschnitt. Einblick in personenbezogene Akten gibt es aber weiter nur auf Antrag. SHI
Gescheiterte Flucht
Die Bilderserie der Stasi zeigt eine junge Frau mit Kind, die um 1970 die DDR verlassen wollte. Sie versuchte, im Fahrzeug eines Fluchthelfers über die Grenze zu gelangen. Frau und Kind versteckten sich im Kofferraum des Autos und hofften, so unerkannt fliehen zu können. Doch die Stasi entdeckte die beiden, nahm die „Republikflüchtlinge" fest. Zu allem Überfluss mussten die junge Frau, ihr Kind und ihre Helfer die Flucht für eine Dokumentation nachstellen und dafür ihre Plätze im Wagen wieder einnehmen. Diese Methode wurde von der DDR-Kriminalpolizei entwickelt und war für die Menschen auf den Bildern ausgesprochen herabwürdigend.
Stasi auf der Freiheitsdemo
Die Stasi knipste auch auf der ersten offiziell genehmigten Kundgebung während der friedlichen Revolution am 4. November 1989 in Mitte. Unter den Rednern befanden sich die Politiker Manfred Gerlach und Günter Schabowski, Stasi-Generaloberst a.D. Markus Wolf, der Theologe Friedrich Schorlemmer, Rechtsanwalt Gregor Gysi, Hochschulrektor Lothar Bisky, die Schriftsteller Christoph Hein, Stefan Heym und Christa Wolf, die Schauspieler Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers sowie Vertreter der Bürgerbewegung Neues Forum. Das Bild zeigt Transparente vor dem Eingang zur Volkskammer am Palast der Republik.
Udo Lindenberg im Palast der Republik
Am 25. Oktober 1983 spielte Udo Lindenberg zum ersten und vor dem Mauerfall einzigen Mal in der DDR. 15 Minuten dauerte der Auftritt des westdeutschen Rockers beim so genannten "Friedenskonzert" der Freien Deutschen Jugend (FDJ) im Palast der Republik in Ost-Berlin. In der Veranstaltung trat auch der für sein Engagement bekannte US-Sänger Harry Belafonte auf. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der beiden Künstler am Tag des Konzertes waren zahlreiche Journalisten aus der Bundesrepublik anwesend. Detailreich protokollierte die Stasi den Ablauf der Pressekonferenz und notierte "provozierende" Fragen der Pressevertreter sowie die Antworten der Musiker. Dabei entstand auch dieses Foto.
Erich Mielke kommt auf einer Dienstkonferenz ins Plaudern, spricht vor den Leitern der operativen Diensteinheiten zum Vorgehen gegen Ausreisewillige
Im Frühjahr 1989 beobachtete das MfS die Entwicklung in der DDR mit zunehmender Sorge. Die "politisch-operative Lage" war kompliziert: Viele DDR-Bürger stellten Anträge auf ständige Ausreise aus der DDR, in den Kirchen kamen Oppositionelle und Ausreisewillige zusammen. Die Botschaften der Bundesrepublik Deutschland in Prag und Warschau sowie die Ständige Vertretung der BRD in Ostberlin waren von DDR-Bürgern besetzt. Sie wollten so ihre Ausreise in den Westen erzwingen. Dennoch wähnte sich Stasi-Minister Erich Mielke noch ganz als Herr der Lage. Auf einer der regelmäßig stattfindenden Dienstkonferenzen erklärte er am 28. April 1989 den Leitern der MfS-Diensteinheiten seine Sicht der Dinge.
In einem vorbereiteten Referat, das er dann vom Blatt ablas, fasste er die wichtigsten Themen der Stunde zusammen und gab Anweisungen, wie seine Offiziere mit der Lage umgehen sollten. Im vorliegenden Tonbandmitschnitt des Referats gleitet Mielke zwischen den vorbereiteten Sätzen jedoch immer wieder ins freie Reden – und zeigt sich erstaunlich offen. Ausreisewillige bezeichnet er als "Strolche", die er am liebsten alle abschieben würde. Leider gäbe es dann einen "großen Lärm", weshalb das eine schlechte Idee sei. Bei Fluchtversuchen empfiehlt er, wenn schon die Waffe zum Einsatz komme, so zu schießen "dass der Betreffende eben da bleibt, bei uns."
Schlusswort Manfred Smolkas beim Strafprozess vor dem Bezirksgericht Erfurt
Nichts weniger als die Todesstrafe forderte die Anklage im Prozess gegen den republikflüchtigen, ehemaligen Grenzoffizier Manfred Smolka. Der Angeklagte nutzte die Möglichkeit, um in seinem Schlusswort seine Sicht der Dinge darzulegen und um sein Leben zu bitten.
Manfred Smolka stand jahrelang im Dienst der DDR-Grenzpolizei. Während dieser Tätigkeit geriet er immer wieder in Konflikt mit den politischen Vorgaben der SED. Die Situation eskalierte, als er einen Befehl ignorierte und in Folge dessen schließlich entlassen wurde. Der Ex-Grenzer entschloss sich, die DDR zu verlassen und seine Familie nachzuholen.
Ein Freund verriet die Aktion jedoch an die Stasi. Die Geheimpolizei verhaftete Smolka und seine Ehefrau im August 1959. Anfang 1960, nach langwierigen Verhören und Folter in der Untersuchungshaft muss sich Smolka in einem Schauprozess wegen angeblicher Militärspionage verantworten. Einem Stasi-Vorschlag folgend, forderte die Anklage die Todesstrafe. In seinem Schlusswort schildert Manfred Smolka seine Sicht der Dinge, versucht einzelne Anklagepunkte zu entkräften und bittet um sein Leben. Das Gericht verhängte am 5. Mai 1960 die Todesstrafe gegen Smolka, ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Manfred Smolka wurde am 12. Juli in Leipzig mittels einer Guillotine hingerichtet.
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