Muammar al-Gaddafi: Trotz seines Staatsterrorismus hofierten ihn Politiker aus aller Welt. Jeder hatte triftige Gründe

Der unheimliche Freund

Irina Schrecker
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Heute sagt man, er hätte sich getarnt. Als wäre er ein Chamäleon, das seine Farbe den Tönen der Bäume anpasst. Es stimmt: Muammar al-Gaddafi wechselte seine Kleider häufig, trug merkwürdige Kreationen am Leib. Ausdruck von Exzentrik. Mal König, mal General.Zuletzt sah man ihn in Braun gewandet, ein zorniger alter Wüstensohn, der von seinem aufbegehrenden Volk als "Ratten" sprach. Da ließ er die Maske fallen, von der jeder hätte wissen müssen, dass der Diktator sie trug.Nichts bedeuteten ihm die Menschen, die er 41 Jahre lang unterjochte. Gefangene im Land, das Libyen heißt. Ein reiches Land, in dessen Schoß die achtgrößten Ölreserven der Welt schlummern, was für die Betrachtungsweise westlicher Staatschefs nicht unerheblich war. Vielleicht verachteten sie den Diktator, aber sie begehrten sein schwarzes Gold.In Rom wurde der Syrer noch letztes Jahr wie ein Popstar gefeiert. In Paris wurden die Brücken gesperrt, als er über die Seine schipperte. Ein hofierter Gast, der selbstgefällig über rote Teppiche stolzierte, nachdem er sich vom Terror verabschiedet hatte.In den sozialistischen Bruderstaaten war der "Revolutionsführer" allzeit willkommen. Der Tarnmantel, unter dem auch schmutzige Waffengeschäfte eingefädelt wurden, trug ein wohlklingendes Etikett: brüderliche Solidarität.Gaddafi war 28 und trug Soldatenuniform, als er sich an die Macht putschte, verkündete: "Ich bin der König der Könige Afrikas." Er fand sich unter Gleichgesinnten wieder. Sie hießen Mao, Breschnew, Ulbricht und träumten vom afrikanischen Weg zum Sozialismus. Eine weitere Sonderweg-Variante zur "Glückseligkeit" neben Castros Kuba war geboren: ein Vorzeigerevolutionär auf dem Schwarzen Kontinent!Dass der Sohn einer Beduinenfamilie Israel verabscheute, die Palästinenser stützte und sich mit PLO-Chef Arafat verbündete, war ganz nach dem Geschmack der sozialistischen Parteifürsten. So wurde ein Mann, klein von Wuchs (1,70 m), behaftet mit dem Größenwahn aller Diktatoren, zur Ikone erhoben.Erich Honecker zeigte sich gern mit ihm, ließ die Ossietzkystraße zum Gästehaus in Pankow abriegeln, Pioniere und FDJler mit libyschen Fähnchen winken. Honeckers Leibwächter Bernd Brückner beschrieb in seinem Memoiren eine Szene, die sich bei einer Gaddafi-Visite 1979 ereignete: "Strahlend schloss der libysche Staatschef seinen ostdeutschen Besuch zum Empfang in die Arme. Doch der Wüsten-Diktator hielt in Wahrheit wenig von seinem Gast. Bei dem anschließenden Gespräch sprang Gaddafi plötzlich auf, um sich auf einem Gebetsteppich immer wieder gen Mekka zu verneigen. Reine Schikane."Honecker hatte Politbüromitglied Werner Lamberz zum "Sonderbotschafter des ZK der SED" für Libyen ernannt. Am 12. Dezember 1977 traf der Abgesandte in Tripolis ein. Die DDR brauchte Geld, Gaddafi Waffen. Doch noch einen heiklen Auftrag hatte Lamberz im Gepäck. Fidel Castro hatte die DDR darum ersucht, die von ihm unterstützten Guerillas in Afrika mit Waffen zu beliefern. "Stellen Sie mir Kontakt zuden Befreiungsbewegungen in Tschad, Oman und Dhofar und zur Polisario in der Westsahara her!", soll daraufhin der DDR-Mann gebeten haben. Ein Jahr später stürzte Lamberz in einem Hubschrauber über Libyen ab. Ob es ein Unfall oder ein Attentat war, das Gaddafi galt, wurde nie geklärt.Ans Licht dagegen kamen andere Machenschaften, die Gaddafi als Drahtzieher des internationalen Terrors entlarvten. Eine kleine Tafel an der Hauptstraße 78 in Berlin-Friedenau erzählt von drei jungen Leuten, die 1986 in der Diskothek "La Belle" von einer Bombe zerfetzt wurden. Das Attentat auf die Bar, die bei US-Soldaten beliebt war, wurde vom so enannten libyschen "Volksbüro" in Ost-Berlin ausgeheckt - der Botschaft.Zwei Jahre später explodierte über dem schottischen Lockerbie ein PanAm-Jumbo mit 259 Menschen an Bord - blutiges Werk libyscher Agenten. US-Präsident Ronald Reagan beschimpfte Gaddafi als "tollwütigen Hund". Libyen landete auf der Liste der "Schurkenstaaten".Als hätte der Wolf plötzlich Kreide gefressen, räumte Gaddafi später die Schuld an beiden Attentaten ein, zahlte brav Blutgeld. Belohnung: Vor fünf Jahren strich Washington Libyen von der Terrorliste. 2009 schaffte es Gaddafi bis vor das Mikro der UN-Vollversammlung. Er nutzte die Gunst der Stunde und beleidigte die ganze Welt, beschimpfte den UN-Sicherheitsrat, zerfetzte die UNO-Charta.Doch erst als sich sein Volk erhob, wandten sich die Mächtigen der Welt von ihm ab. Am 23. Februar um 14.29 Uhr ging in Berlin die Meldung über den Ticker: Die Bundesregierung lässt Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi endgültig fallen. Er habe "jegliche Legitimation" verspielt.------------------------------BU: Freundlicher Händedruck zwischen dem libyschen Revolutionsführer und US-Präsident Barack Obama auf dem G-8-Gipfel 2009 in ItalienBU: Italiens Premier Silvio Berlusconi erweist dem Diktator 2009 alle Ehren.BU: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy tut das 2007 in Tripolis.BU: Die Trümmer des PanAm-Jumbos auf einem Feld in LockerbieZwischenzeile: DEN DIKTATOR VERACHTET, DOCH DAS ERDÖL BEGEHRTZwischenzeile: WAFFENGESCHÄFTE UNTERM MANTEL DER "SOLIDARITÄT"Zwischenzeile: DIE DDR BRAUCHTE GELD, LIBYEN WOLLTE PANZER

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