Mord-Anschlag im Spätkauf

Um Mitternacht kamen die Killer

Laden-Chef Nezar M. (35) soll junge Kurden-Kämpfer in Syrien ausgebildet haben.

Philippe Debionne_richtig Eric Richard
Lesezeit 3 Min
In diesem Spätkauf in der Goethestraße kam es in der Nacht zu Mittwoch zu dem Attentat.

In diesem Spätkauf in der Goethestraße kam es in der Nacht zu Mittwoch zu dem Attentat.

© Eric Richard

In der Nacht zu Mittwoch sitzt der 35-jährige Nezar M., ein syrischer Kurde, in seinem kleinen Späti in Charlottenburg, der Mann ist über seinen Laptop in eine live im Internet übertragene Videokonferenz eingeloggt. Dabei geht es um die Forderung der Kurden nach einem eigenen Staat sowie die damit verbundenen Konflikte.

Um kurz vor Mitternacht hebt Nezar M., nachdem er mehrere Minuten eine flammende Rede gehalten hat, den Kopf und blickt verblüfft zu einigen Personen, die das Geschäft betreten. Wie viele es sind, ist nicht zu sehen. Dann geht alles ganz schnell.

Video zeichnete die schreckliche Tat auf

Die Kamera wackelt, man hört eine arabische Stimme zweimal sagen: „Drück jetzt ab, drück jetzt ab!“ Dann hört man es zweimal fürchterlich krachen, vermutlich sind es zwei Schüsse. Nezar M. brüllt in Todesangst laut um Hilfe, immer und immer wieder. Die Kamera fährt kurz über sein schmerzverzerrtes Gesicht, dann sind mehrere Blutflecken zu sehen. Wenig später bricht das Video ab. Die Polizei bestätigte am Mittwoch, „dass ein Mann in einem Spätkauf in Charlottenburg eine lebensgefährliche Schussverletzung erlitt“. Der Schwerverletzte sei noch in der Nacht notoperiert worden. Mittlerweile sei sein Zustand „stabil“, so ein Sprecher.

Ein Neffe des Niedergeschossenen sagte gegenüber dieser Zeitung, dass Nezar M. am Leben, aber ins künstliche Koma versetzt worden sei. Zu den möglichen Tätern wollte der Mann nichts sagen. Aus dem weiteren Umfeld des Opfers hieß es hingegen, man vermute „eine politisch motivierte Tat“.

Opfer Nezar M. ist im Internet politisch sehr aktiv

Nach KURIER-Recherchen soll das Anschlagsopfer bis vor zehn Jahren junge kurdische Kämpfer in Syrien militärisch ausgebildet haben. Bilder, die das belegen, gibt es bislang aber nicht. Allerdings zeigt sich Nezar M. im Internet politisch sehr aktiv, vor allem die Kurdenfrage taucht in den diversen Beiträgen des Mannes auf unterschiedlichen Seiten immer wieder auf.

Türkische Artillerie schießt an der Grenze zu Syrien auf kurdische Kämpfer. 

Türkische Artillerie schießt an der Grenze zu Syrien auf kurdische Kämpfer. 

© AP

Zudem finden sich mehrere Bilder und Verweise auf den seit 1999 in türkischer Haft sitzenden ehemaligen PKK-Chef Abdullah Öcalan, der bis zu seiner Festnahme durch den Geheimdienst einen blutigen Krieg gegen die türkische Regierung und das türkische Militär führte.

Die Berliner Polizei sagte am Mittwoch, die Hintergründe der Tat seien „noch unklar“. Die Ermittlungen unter Federführung der fünften Mordkommission und der Staatsanwaltschaft würden derzeit „in alle Richtungen“ gehen.

Fakt ist jedoch: Die bislang unbekannten Täter betraten den Laden, schossen Nezar M. ohne Vorwarnung nieder und flüchteten dann. Ohne Geld oder andere Wertgegenstände zu rauben.

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