„Verlorene Ehre – der Irrweg der Familie Sürücü“ heißt die WDR/RBB-Dokumentation. Den Autoren Matthias Deiß und Jo Goll ist es erstmals gelungen mit Ayhan Sürücü über den Mord an seiner Schwester zu sprechen: „Ja, es war ein Ehrenmord. Ich war damals wie besessen.“ Ayhan sagt das ruhig, seine Augen scheinen ausdruckslos, aber vielleicht will er einfach nur jede Regung verbergen. „Ich bin mit ihrem Lebensstil nicht klar gekommen, konnte das damals nicht einfach tolerieren.“
Seine Schwester Hatun war aus einer Zwangsehe geflüchtet und gleichzeitig aus der streng konservativen und gläubigen Familie. Sie lebte zeitweise bei einer Freundin, später mit ihrem damals fünfjährigen Sohn in einer tristen Mietskaserne in Tempelhof. Dort geschah auch die Tragödie.
Es ist 20.15 Uhr, der 7. Februar 2005. Ayhan ist, wie in letzter Zeit oft, bei seiner Schwester Hatun. Er ist wütend auf sie, kritisiert ihren Lebensstil als zu freizügig, zu westlich. „Ich wollte nicht, dass sie ein schlechtes Vorbild wird.“
Nach 30 Minuten will er gehen, sich mit seinen Brüdern treffen. Hatun begleitet ihn zur Bushaltestelle, 300 Meter weit weg vom Haus. Es ist ein klarer, kalter Abend. Sie hat eine rote Kaffeetasse in der Hand, raucht eine Zigarette. Der Streit geht weiter, eskaliert und Hatun sagt: „Ich schlafe mit jedem, den ich will. Das geht dich nichts an.“ Ayhan: „Da habe ich ausgeschaltet.“ Aber es ist nicht so, dass er erst da den Entschluss traf, die Schwester zu töten. Er spricht von einem Gedanken „ ...den ich schon lange mit mir trug“.
Plötzlich zieht Ayhan eine Pistole aus der Jacke. Hatun fragt: „Was soll das?“ Dann fragt er sie: „Bereust du deine Sünden?“ Das ist der Moment in dem Hatun begreift, was er vor hat. Sie sagt „Ja“ und fleht „Bitte, tu es nicht!“
Ayhan schießt. Die erste Kugel trifft Hatun an der Stirnseite. Er feuert noch zwei weitere Schüsse auf Hatuns Kopf ab. Die rote Kaffeetasse zerbricht am Boden. Hatun taumelt, fällt um – sie stirbt mit der erloschenen Zigarette in der Hand.
„Ich habe meine Schwester getötet, ohne jede Hilfe“, sagt Ayhan noch heute. Die Staatsanwaltschaft dagegen ist überzeugt, dass sein ältester Bruder Mutlu (damals 25) die Waffe besorgt hatte, sein weiterer Bruder Alpaslan (damals 24) Schmiere stand. Während Ayhan zu neun Jahren und drei Monaten Haft wegen Mordes verurteilt wird, kommen Mutlu und Alpaslan frei – aus Mangel an Beweisen. Sie setzen sich in die Türkei nach Istanbul ab. Heute werden sie mit internationalem Haftbefehl gesucht, weil der Bundesgerichtshof ihre Freilassung aufhob.
Matthias Deiß und Jo Goll gelang es mit Mutlu Sürücü zu sprechen. „Haben sie Hatun gehasst“, fragen ihn die Autoren. Er schweigt kurz, sagt dann: „Ja!“ Und weiter: „Selbstjustiz ist in Deutschland verboten. Wenn hier vier Zeugen das bestätigen, würde sie zum Tode verurteilt – durch Steinigung.“
Als Hatun starb, hatte sie ihre Flucht von der Familie schon lang geplant. Autor Jo Goll: „Sie hatte einen Job in Freiburg. Drei Wochen später und sie wäre weg gewesen.“
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