Mittes Chefgärtner

Wenn er läuft, dann blüht er auf

Als Marathon-Läufer rannte Jürgen Götte durch London, Boston, New York und Havanna.

Florian Thalmann
Lesezeit 6 Min
Jürgen Götte im Garten hinter seinem Bürohaus im Tiergarten. Um den Hals trägt er einer seiner zahlreichen gesammelten Marathon-Medaillen.

Jürgen Götte im Garten hinter seinem Bürohaus im Tiergarten. Um den Hals trägt er einer seiner zahlreichen gesammelten Marathon-Medaillen.

© camcop media / Andreas Klug

„Na gut, ich kann nicht beweisen, ob es wirklich so stimmt“, sagt er und lächelt. „Vielleicht gibt es ja noch andere Gärtner, die schneller sind als ich.“ Es dürfte eher unwahrscheinlich sein: Seit Jahren bewältigt Götte in seiner Freizeit Marathonläufe in der ganzen Welt. Über 100 sind es, durch die seine Füße ihn gebracht haben. Rechnet man alle Strecken mit Trainingseinheiten zusammen, ist er um die Erde gerannt. Und zwar zweimal.

Am Berlin-Marathon nahm Götte inzwischen mehrere Male teil – seine Füße trugen den 60-Jährigen durch 100 Läufe. 

Am Berlin-Marathon nahm Götte inzwischen mehrere Male teil – seine Füße trugen den 60-Jährigen durch 100 Läufe. 

© Jürgen Götte

Seit sechs Jahren ist Jürgen Götte Chefgärtner in Mitte

Tagsüber sitzt Götte im Büro, kümmert sich um die Grünflächen von Mitte. Zum Job kam er „ganz klassisch“, wie er sagt. Zu DDR-Zeiten arbeitete der studierte Gartenbauingenieur in einer LPG, „wir versorgten die Hauptstadt der DDR und West-Berlin mit Obst und Gemüse“.

Nach der Wende wurde die Genossenschaft aufgelöst, Götte bewarb sich auf Zeitungsannoncen. Mitte 1990 bekam er eine Einladung aus dem Bezirksamt Tiergarten, das es damals noch gab, und stellte sich vor. Erst bekam er eine Meisterstelle, pflegte die Grünanlagen, später wurde er Fachbereichsleiter – seit sechs Jahren sitzt er nun sogar auf dem Chefsessel.

Der Hang zum Sport habe sich schon vorher nebenbei entwickelt, sagt er. Nach Lehrzeit und Wehrdienst stellte er mit etwa 20 Jahren fest, „dass man da schon etwas Speck ansetzt. Das wollte ich vermeiden, also begann ich während des Studiums mit dem Joggen“. Seine Eltern stammten beide aus einer Bauernfamilie, ernährten sich dementsprechend. „Ich selbst musste Essen nur angucken, um zuzunehmen. Und so wollte ich nicht enden.“ Also lief er los.

Nach zwölf Kilometern konnte Jürgen Götte nicht mehr

Irgendwann sah Götte, dass es auch Wettkämpfe gibt, meldete sich zum ersten Halbmarathon an. Es war 1984, der damalige Friedenslauf in Berlin, heute bekannt als Berliner Halbmarathon. Götte war trainiert, dennoch lief nicht alles glatt. „Ich war jung, noch unbedarft, bin unbefangen an die ganze Sache rangegangen“, sagt er.

„Und die Ausstattung in der DDR war natürlich nicht einfach. Funktionswäsche gab es keine, nur Baumwoll-Kleidung, die gegen Ende des Laufs immer schwerer wurde. Auch die Versorgung mit Wasser und Sport-Gels war noch nicht da – wenn überhaupt, gab es unterwegs mal einen halben Apfel.“ Nach zehn, zwölf Kilometern habe er am Straßenrand gestanden. Götte konnte nicht mehr. „Die letzten Kilometer habe ich gehend zurückgelegt. Als ich das überstanden hatte, dachte ich: Wahnsinn, dass es Idioten gibt, die sogar die doppelte Strecke rennen.“

2004 erreichte Jürgen Götte sein großes Ziel

Eine einschneidende Erfahrung – der erste richtige Marathon folgte erst 1994, zehn Jahre später. Es war der Rennsteiglauf, ein richtig harter Kampf durch unwegsames Gelände. „Trotzdem habe ich ihn geschafft, relativ unbeschadet, obwohl die Gegend bergig ist und das Wetter sehr schlecht war. Es gibt ein schönes Foto, auf dem man sieht, wie ich schlammverkrustet in Schmiedeberg ankam.“

Bei diesem Lauf habe er „Blut geleckt“, sagt er. „Ich habe gesehen, dass man mit Training tolle Leistungen erzielen kann. Nach zwei Jahren war ich schon bei einer Zeit unter drei Stunden angekommen.“ Sein großes Ziel sei es immer gewesen, in weniger als zwei Stunden und 40 Minuten ins Ziel zu gelangen. 2004 schaffte er es beim Berlin-Marathon, Endzeit: 2:39:56, sogar vier Sekunden schneller als geplant. „Das habe ich danach nie wieder geschafft.“

Jürgen Götte: „Die Strecke ist beleuchtet, ich habe Regenklamotten. Also los!“

Faszinierend für Götte vor allem: „Es ist eine Sportart, die man jederzeit überall auf der Welt ausüben kann – und man braucht nicht viel Ausrüstung. Passende Kleidung genügt. Man ist nicht abhängig von anderen Leuten. Wenn ich nach Feierabend eine Runde laufen will, laufe ich einfach los.“ Und das tut er tatsächlich: Jeden Abend schnappt sich Götte sein Fahrrad, fährt zum Bahnhof und nimmt den Zug nach Potsdam, wo er wohnt.

Mit dem Zweit-Fahrrad geht’s dort vom Bahnhof heim, wo schon die Laufschuhe warten. Dann geht es „um meinen geliebten Schwielowsee oder in den Wald“, sagt er. Eine Ausrede hat er nie. „Man sucht natürlich immer welche, wenn man mal keine Lust hat. Im Winter, zum Beispiel. Aber ich sage mir immer: Was hast du für ein Problem? Die Strecke ist beleuchtet, ich habe Regenklamotten. Also los!“

Jürgen Götte rannte in Kuba, New York, London und Boston

Zahlreiche Läufe hat er bereits hinter sich gebracht. Götte rannte auf Kuba, in New York, in London, in Boston, in deutschen Städten und natürlich mehrmals in Berlin. Einer der schwersten Läufe war der Havanna-Marathon. „Dort waren 35 Grad im Schatten, aber es gab keinen Schatten. Außerdem ist die Stadt sehr hügelig. Dort bin ich mit einem angerissenen Band im Fuß angekommen, trotzdem gerannt – und musste mich am Ende förmlich ins Ziel schleppen.“

Erst im vergangenen Jahr ging nahm er am Boston-Marathon teil. „Dort war es das komplette Gegenteil. Vier Grad, Schnee im Startbereich. Hinterher wurde diskutiert, ob es der härteste Boston-Marathon aller Zeiten war.“

Sorge um Berlins Grünanlagen: Vandalismus, Radfahr-Verstöße, Schwarzgrillen

Und natürlich: Ist Götte zu Gast in anderen Städten, schaut er sich auch die Grünanlagen an. Mit einem Ergebnis: „Berlin ist unvergleichbar. Besonders, wenn man sich den Großen Tiergarten anguckt. Wir haben eine tolle Mischung aus einem alten Baumbestand, die Wasserläufe, die eine große Vielfalt bringen.“ Doch etwas macht ihm Sorgen.

„Es wird immer gesagt, dass Grünanlagen eine große Bedeutung haben. Wenn man aber sieht, wie manche Bürger mit den Anlagen umgehen, kann die Bedeutung so groß nicht sein.“ Vandalismus, Radfahr-Verstöße, Missachtung der Hundeauslaufgebiete, Schwarzgrillen. „Es wäre einfach schön, wenn die Gesetze, die es schon gibt, besser eingehalten werden – und wenn es entsprechende Kontrollen gäbe“, sagt er. Damit es nicht nur privat, sondern auch in den Parks und Gärten richtig läuft.

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