Mit Kaufhalle, Intershop und „Guter Rat“

Altenheim lässt DDR aufleben

BK
Lesezeit 3 Min
In Schubladen finden die Heimbewohner auch DDR-Zeitschriften wie ,Guter Rat’.

In Schubladen finden die Heimbewohner auch DDR-Zeitschriften wie ,Guter Rat’.

© AP

An ihren Vornamen kann sich Helene Petersen nicht erinnern. Doch bei Fragen nach ihrem früheren Leben fallen der 95-Jährigen sogar Details ein. Etwa aus der Dresdner Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945. „Da saßen wir im Keller unseres Hauses in Dresden-Trachau“, erzählt die rüstige Dame, die früher Tänzerin war.
Nun sitzt sie mit Bewohnern der Dresdner Seniorenresidenz AlexA in einem Raum, der einer Küche aus den 1960er Jahren nachempfunden ist. Draußen laufen Passanten vorbei, drinnen sieht es aus wie in der DDR.

Bewohner können sich alte DEFA-Streifen wie „Schwester Agnes“  anschauen.

Bewohner können sich alte DEFA-Streifen wie „Schwester Agnes“  anschauen.

© AP

Die kleine DDR-Welt entstand vor etwa eineinhalb Jahren eher zufällig. Damals wollte Leiter Gunter Wolfram im Erdgeschoss ein Kino einrichten. Zur Deko stellte er einen Motorroller der Marke „Troll“ auf: „Bei der Premiere war gar nicht der Film das Entscheidende. Manche erzählten, dass sie auch einen ,Troll’ gefahren sind, die erste Freundin auf dem Motorroller mitnahmen.“ Selbst die gut 20 schwer von Demenz Betroffenen unter den 130 Pflegebedürftigen hätten plötzlich gewusst, wo der Zündschlüssel hin muss und der Ständer ausgeklappt wird.

Ein echtes Telefon aus der DDR plus Vinyl-Plattenspieler.

Ein echtes Telefon aus der DDR plus Vinyl-Plattenspieler.

© AP

Auf das „Troll“-Beispiel hin richtete das Team einen speziellen Raum mit DDR-Devotionalien der 60er Jahre ein – mit Küchenbuffet, Geschirr, einem Ofen und vielen Accessoires. Selbst das Honecker-Bild fehlt nicht, auch wenn es nur in einem Stapel mit anderen steht. Politische Botschaften sind hier tabu.

Tempobohnen wecken bei den Alzheimer-Patienten Erinnerungen.

Tempobohnen wecken bei den Alzheimer-Patienten Erinnerungen.

© AP

Tagsüber werden die Heimbewohner von je einer Ergotherapeutin und einer Pflegefachkraft betreut. „In Schubladen finden die Leute Küchengeräte und DDR-Zeitschriften wie ,Guter Rat’“, berichtet Wolfram. An einer Seite des Raumes wird das Einkaufen simuliert. Hier finden die Senioren Waren aus der DDR und sogar Westprodukte in einem „Intershop“. Wolfram hat das alles bei Ebay oder auf dem Trödel erstanden. Manches steuerten Angehörige bei.

In der „Einkaufsecke“ gibt’s DDR-Waren und Westprodukte in einem „Intershop“. 

In der „Einkaufsecke“ gibt’s DDR-Waren und Westprodukte in einem „Intershop“. 

© AP

Mit sonstigen Betreuungsprogrammen seien Alzheimer-Patienten nur schwer zu erreichen, so Wolfram. Doch durch die Erinnerungen, die mit Emotionen verbunden ist, seien bei vielen Patienten verloren gegangene Fähigkeiten zurückgekehrt, beschreibt er die erstaunliche Wirkung des DDR-Flairs.

Die schrillen Tapeten sind aus den 70ern.

Die schrillen Tapeten sind aus den 70ern.

© AP

„Die Leute essen wieder selber, sprechen miteinander und singen die alten Lieder – das geht bis zur DDR-Nationalhymne.“ Selbst manche Bettlägerige hätten sich wieder aufgerafft und nähmen am Alltag in der Gruppe teil: „Die sagen uns genau, was früher ein Mischbrot oder Bier kostete. Nur was es am gleichen Tag zum Mittag gab, das wissen sie nicht mehr.“

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com

Lesen Sie mehr zum Thema