Der KURIER-Reporter passiert ein türkisches Restaurant an der Adalbertstraße. Eine Frau schaut ihm auf das T-Shirt mit der Israel-Flagge.
© michael koerner Lizenz
Der KURIER-Reporter am Rathaus Neukölln: Sein Israel-Shirt erregt Aufmerksamkeit. Dieses Paar schaut dem Reporter hinterher.
© michael koerner Lizenz
Auch in Neukölln wagt sich der Reporter mit dem Israel-Shirt auf die Straße. Irgendwann hört er, wie ein Junge etwas hinter ihm her ruft.
© michael koerner Lizenz
Der KURIER-Reporter am Rathaus Neukölln: Sein Israel-Shirt erregt Aufmerksamkeit. Dieses Paar schaut dem Reporter hinterher.
© michael koerner Lizenz
Diese Idee war für mich, den Reporter, ziemlich naheliegend. Meine Frau trägt seit wenigen Wochen einen Davidstern als Tattoo. Aus Solidarität mit Israel und Interesse am Judentum. Das führte sie mehrfach in hässliche Situationen. Ein Beispiel: Ein Döner-Verkäufer beendete abrupt das Gespräch mit ihr, als er ihr Tattoo sah.
Für meinen Shirt-Test fahre ich nach Kreuzberg und Neukölln. Da sind wohl die Risiko-Bezirke. Oranienstraße: Mir ist schon recht flau im Magen, als ich am Auto das Israel-Shirt überziehe. Ich gehe auf die Adalbertstraße Richtung Kotti – Dönerbuden, türkische Läden.
Mein Fotograf ist mit Foto- und Videokamera in der Nähe postiert. Er beobachtet, ist aber selbst nicht zu sehen. Einige typische Blicke, die ich auf mich ziehe, lerne ich schon in den ersten Testminuten kennen: ablehnend (eine Frau mit Kopf-Tuch), gezielt ignorierend (ein junger Szene-Typ), skeptisch bis verblüfft (Migranten-Jungs vor einem Laden). Oft sehe ich Neugier, aber auch Desinteresse.
Hermannplatz: Ich gehe über eine Ampel zum U-Bahnhof und schaue mir die Marktstände auf dem Platz an. Ein dicker Typ im Neuköllner HipHop-Chic guckt böse – blickt aber gleich wieder weg. Ich sitze auf dem Sockel des Denkmals („Das tanzende Paar“) und zünde mir eine Zigarette an. Mir gegenüber hockt ein älterer Mann, der ebenfalls raucht. Ich denke mir: Womöglich ist er ja Palästinenser? Aber ihn juckt es nicht, dass ich zu ihm schaue.
Und dann passiert etwas: Eine Frau im mittleren Alter spricht mich und meinen Fotografen an, als wir am Bahnhof das weitere Vorgehen überdenken. Sie sieht T-Shirt und Kameras, sagt: „Sie machen doch einen Test für die Zeitung? Passen Sie bloß auf sich auf!“ Die Frau berichtet, dass sie im Westjordanland lebte und Arabisch spricht. „So bekomme ich mit, wie radikal die Leute sind. Kürzlich sagte ein Mann im Internet-Café, er sei froh, dass der Dschihad endlich losgehe.“
Doch weder am Hermannplatz noch wenig später am Rathaus Neukölln werde ich angepöbelt. Ein Paar, die Frau trägt Kopftuch, blickt sich ungläubig um. Ein Junge ruft mir mit verstellter Stimme etwas hinterher.
Mein T-Shirt ist offenbar durchaus eine Provokation. Vielen gelingt es nicht, sich neutral zu verhalten. Es gibt böse Blicke. Aber ich habe nie das Gefühl, dass ein Konflikt droht. Nicht an diesem Tag.
Gleichwohl muss man die Warnungen ernst nehmen, wie sie jetzt etwa von Charlotte Knobloch kommen, der Ex-Präsidentin des Zentralrats der Juden. Sie rät, sich derzeit „nicht als Jude erkennbar zu machen“. Das Risiko eines Angriffs sei zu groß. Mir ist glasklar: Mein Test hätte anders ausgehen können – etwa im Dunkeln oder vor Moscheen.
Nun wollte ich die Gefahr nicht heraufbeschwören. Aber die Berliner Polizei nahm innerhalb von 20 Tagen bis zum 1. August insgesamt 133 Anzeigen wegen Antisemitismus auf. Im ganzen Vorjahr waren es 195. Ein junger Mann (19) wurde im Juli an der Passauer Straße angegriffen – nur weil er seine Kippa (jüdische Kopfbedeckung) trug.
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com