Der Gesamtschaden aller Ladendiebstähle ist riesig: Im vergangenen Jahr bezifferte die Polizei ihn allein in Berlin auf mehr als 266 Millionen Euro. Bundesweit sind es 3,7 Milliarden Euro – eine Steigerung von fast fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Trotzdem spielt Ladendiebstahl, den die Händler durch steigende Preise kompensieren, bei der Berliner Polizei nur eine untergeordnete Rolle. Sie hat schon genug mit dem Kampf gegen andere Phänomene der Organisierten Kriminalität, Clans und Islamismus zu tun. Entsprechend selten sind Fahndungserfolge.
Vor allem Rossmann-Filialen von Diebstählen betroffen
Der Krückenmann und seine beiden Kumpane – alle drei aus Georgien – wurden im November dennoch festgenommen. Die vermeintlichen kleinen Ladendiebe sind in Wirklichkeit eine Bande und Teil eines weltweit agierenden Netzwerks, das sich auf Diebstahl und Handel mit Milchpulver für Säuglinge spezialisiert hat. „Die Gewinnspannen sind größer als bei Rauschgift“, so ein Ermittler.
Ein Mann lässt Kosmetikartikel verschwinden.
© Polizei Berlin
Seit einigen Jahren beobachten Polizisten in ganz Deutschland einen zunehmenden Trend. Er wurde ausgelöst durch einen Milchpulverskandal, der vor etwa zehn Jahren den asiatischen Raum erschütterte. Chinesische Hersteller hatten das Pulver mit Melamin gestreckt, das eine Zutat für Klebstoff ist. Hunderttausende Babys bekamen davon schwere Nierenschäden, viele starben.
Seitdem ist das Vertrauen in chinesische Kindernahrung zerstört, Asiaten versorgen sich mit Milchpulver aus Europa und besonders gern aus Deutschland. Bei der Drogeriekette Rossmann kostet eine Packung Aptamil der Firma Milupa, je nach Sorte zwischen 15 und 20 Euro. In China bringt eine solche Packung ein Vielfaches.
Wie Überwachungsvideos, die dem KURIER vorliegen zeigen, sammeln Diebe die Milchpackungen in Drogerie-Märkten geradezu ein. Betroffen sind vor allem Rossmann-Filialen, in denen das Milchpulver nur wenige Meter vom Ausgang entfernt steht und das Detektiv-Büro mit den Überwachungskameras weit abseits liegt, so dass die Täter längst weg sind, wenn der Wachmann naht.
Von Zahnpasta bis Parfüm wird alles geklaut
Das Unternehmen Rossmann gibt nach Angaben einer Sprecherin mit Hinweis auf das „sensible Thema“ keine Auskunft, auch nicht zur Schadenshöhe. Wenn die Diebe das Milchpulver gestohlen haben, fahren sie nach Wilmersdorf. Nach Erkenntnissen von Polizisten ist der Preußenpark von Frühjahr bis Herbst der Umschlagplatz für das Diebesgut. Die Grünanlage ist bei Touristen bekannt als „Thaipark“, weil dort an Ständen asiatisches Essen zubereitet wird.
Der Preußenpark ist zur warmen Jahreszeit der Umschlagplatz für geklautes Milchpulver.
© Polizei Berlin
Polizisten beobachteten, wie immer dieselben Ankäuferinnen den ganzen Tag über auf Bänken sitzen, gestohlenes Milchpulver entgegennehmen, es dann in mitgebrachten Trolleys verstauen und den Dieben gefaltete Fünf-, Zehn-, und 20-Euro-Scheine als „Provision“ zustecken.
Jeden Tag sitzen auf den Bänken die gleichen Leute. Am Ende des Tages laden sie die Ware an der Westfälischen Straße in Autoanhänger. Im Winter befinden sich die Ankäuferinnen, meist Asiatinnen, im Umfeld des Parks – mitunter in den U-Bahnhöfen Konstanzer Straße und Fehrbelliner Platz, hinter einer Tankstelle, in einem Bistro.
Von Wilmersdorf wird die Ware laut Ermittlern offenbar unter anderem zu Händlern ins Dong-Xuan-Center in Lichtenberg gebracht. Es findet dann über verschiedene Routen den Weg nach China und Hongkong: über Tschechien mit dem Flugzeug, über Rotterdam per Schiff. Das Pulver wird dann in China verkauft – für 30 bis 150 Euro pro Packung.
Nicht nur Milchpulver sondern alles, was sich auf dem Hehlermarkt zu Geld machen lässt, wird geklaut – von Zahnpasta bis zu Parfüm. Die allermeisten Ladendiebstähle werden dezentral in den örtlichen Polizeiabschnitten bearbeitet. „Die Fälle werden in der Regel nicht zusammengeführt“, sagt Daniel Kretzschmar vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. „Wenn das mal einer in einem Abschnitt macht, dann kann er es nur, wenn er von der restlichen Arbeit frei gehalten wird, aber das passiert selten.“
Diebe kommen meist aus verschiedenen Ländern Osteuropas
Nach Kretzschmars Worten könnte man Schwerpunkte identifizieren und beispielsweise mit einer Ermittlungsgruppe tätig werden und den Tätern nachweisen, dass sie gewerbsmäßig vorgehen und damit ihren Lebensunterhalt verdienen. „Doch dafür fehlen die Ressourcen. Im Moment stehen andere Themen auf der politischen Agenda.“
2018 erfasste die Polizei in Berlin 35.310 Fälle von Ladendiebstahl – eine Steigerung um 1,5 Prozent. Bundesweit gingen dagegen die Fälle zurück auf 316.953. Allerdings steigen die Fälle von schwerem Ladendiebstahl seit Jahren an – bundesweit auf 22 068. In Berlin waren es 2236 Fälle. Schwerer Ladendiebstahl liegt vor, wenn zum Beispiel Sicherungssysteme überwunden werden oder die Täter in Banden agieren.
Die Diebe kommen meist aus verschiedenen Ländern Osteuropas. Laut Polizei traten besonders polnische und rumänische Staatsangehörige in Erscheinung, gefolgt von Tatverdächtigen aus der Republik Moldau. „Zahlenmäßig bedeutsame Anstiege im Vergleich zum Jahr 2017 sind zu Tatverdächtigen aus Georgien und der Ukraine festzustellen, zudem bei Tatverdächtigen mit afghanischer Staatsangehörigkeit“, sagt die Polizeisprecherin.
Nicht nur die Masche der georgischen Diebes-Trios ist beliebt. Manche verstauen zum Beispiel ihre Beute in so genannten Klautaschen, die sie anderem aus Tschechien beziehen. Diese sind innen mit Alufolie ausgeschlagen. So können die Täter mit ihrem Diebesgut ungehindert aus dem Laden spazieren, ohne dass der Alarm am Ausgang auslöst.
Aufklärungsquote von 86,5 Prozent
Berlins Polizei verweist darauf, dass sie im vergangenen Jahr 31.575 Fälle aufklärte. Davon seien 27.300 Fälle von „alleinhandelnden Tatverdächtigen“ begangen worden. Jedoch sagt das nichts darüber, wie hoch der Anteil von Banden ist. Oder ob versäumt wurde, Zusammenhänge zu anderen „Einzeltätern“ herzustellen und darüber, wie oft ein Täter schon gefasst wurde.
Oben: Ein Dieb verstaut Waren in einer Tasche, die mit Alu-Folie ausgeschlagen ist.
© Polizei Berlin
Die hohe Aufklärungsquote von 86,5 Prozent, auf die die Polizei verweist, ist dem Umstand geschuldet, dass Wachmänner die Diebe schnappen und der Polizei übergeben. Können sich Einzelhändler keine Ladendetektive leisten, verzichten sie auf eine Strafanzeige, weil ohnehin nicht ermittelt werde. Laut Handelsverband Deutschland (HDE) ergibt sich so eine hohe Dunkelziffer von rund 98 Prozent. In der Realität liege die Aufklärungsquote daher bei unter zwei Prozent der vollendeten Taten.
Nach Angaben des EHI Retail-Instituts gab es im 2018 Verluste durch Diebstahl in Höhe von 3,75 Milliarden Euro. Davon entfielen 2,38 Millionen auf Kunden, der Rest verteilte sich auf Mitarbeiter und Lieferanten. Die drei Georgier, die im November festgenommen wurden, sind übrigens inzwischen wieder auf freiem Fuß.
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