Eine ganz normale Kindheit und Jugend in Nordrhein-Westfalen. Lorenz Völker wuchs in einer Akademikerfamilie auf. Offene Gespräche über alles, ein stets liebevoller Umgang miteinander. „Uns war bekannt, dass mein Großvater im Dritten Reich Staatsanwalt am Landgericht Potsdam war.“ Wie er dort damals arbeitete, diese Frage beantwortete Hans Dombois später.
Großvater mit Enkel Lorenz (damals 16 Jahre).
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Lorenz Völker fand nach seinem Tod einen Bericht, in dem er über die Zeit im Dritten Reich geschrieben hatte. „Er machte klar, dass man bei schikanösen politischen Verfahren stets das Ziel gehabt habe, das Verfahren einzustellen.“
In schwierigen Situationen hatte Hans Dombois auch geholfen, wie er in dem Bericht aufschrieb. „Ich las darin über die Jüdin Susanne Busse, die als 17-Jährige von einem NSDAP-Mitglied fast vergewaltigt wurde. Trotz öffentlicher Hetze sorgte mein Großvater mit dafür, dass der Beschuldigte bestraft wurde.“
Als jemand, der für Recht und Ordnung gesorgt hatte, wollte der Großvater wohl wahrgenommen werden. „Wir hatten als Familie stets das gute Gefühl, in der Nazizeit auf der richtigen Seite gestanden zu haben.“ Neugierde trieb Lorenz Völker dazu, seine Familiengeschichte zu erforschen. Da war der Großvater bereits 13 Jahre tot.
Was folgte, waren jahrelange Recherchen im Internet, auf Ämtern, in Archiven. „Ich war erstaunt, wie viel ich fand.“ Daraus hat Lorenz Völker ein Buch gemacht: „War mein Großvater ein Nazi?“ (Arete Verlag, 16,95 Euro). Dafür sammelte er Urteile, Aufzeichnungen, Adressen, Namen. Die ihn zu Menschen führten, deren Schicksal der Großvater mitbestimmt hatte. „Als ausführendes Werkzeug der Verfolgung der Juden in Deutschland.“
Die traurigste Geschichte ist die von Alfred Lehmann, einem Juristen, der wegen „Rassenschande“ zu 2,5 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Er kam später im KZ um. Der Jude hatte eine nicht-jüdische Freundin gehabt. „Mein Großvater sorgte mit dafür, dass dieser Mensch verurteilt wurde.“
Für das würdige Gedenken an Alfred Lehmann und dessen Eltern haben Lorenz Völker und seine Mutter gesorgt. „Auch Margarete und Siegfried, die während der Deportation und im KZ Auschwitz umkamen, sind Opfer des Nationalsozialismus.“ An ihr Leid und ihren Tod zu erinnern, dafür setzte Familie Völker drei Stolpersteine in der Weinbergstraße 36 in Potsdam. Bei der Feier war ein Nachfahre der Familie Lehmann dabei. „Ich fand ihn in den USA.“ Ohne Groll standen Täter- und Opfer-Nachfahren beisammen. „Wir sind froh, es gemeinsam erlebt zu haben.“
Sein Bild des Großvaters hat sich verändert. „Er war weder Widerstandskämpfer noch Verbrecher. Er war ein ganz normaler Mensch. Wie viele hat er versucht, irgendwie durchzukommen und sich dabei doch schuldig gemacht.“
Hans Dombois im Jahr 1937. Da war der Jurist Mitglied der Nationalsozialistischen Partei.
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Lorenz Völker möchte jetzt seine Erfahrungen weitergeben. Mit den 15-jährigen Schülern am Albrecht-Dürer-Gymnasium arbeitet er Geschichte auf. Knapp neunzig Prozent der Schüler sind – Problembezirk Neukölln - nichtdeutscher Herkunftssprache. „Sie kommen aus dem türkisch-arabischen Kulturraum, Nordafrika, dem Balkan.“
Lorenz Völker hat mit ihnen zusammen ein weiteres Buch geschrieben. „Gesichter der VDO“, Interviews mit ehemaligen Schülern. Eine große Aufgabe für die Zehntklässler. Megastolz sind sie auf ihr Werk und haben erlebt, was sich ihr Lehrer für sie wünscht: „Sie sollen verstehen – wir alle sind ein Teil von einer gemeinsamen Sache. Wir alle haben Verantwortung füreinander.“
Wie fremde Menschen einander Freund und Helfer sein können, erlebte Lorenz Völker häufig während der Recherche.
„Besonders eine Amtsmitarbeiterin bleibt mir im Gedächtnis. Sie missachtete Vorschriften, gab mir entscheidende Informationen aus verschlossenen Akten. Ohne sie wäre ich nicht weitergekommen.“
Das Suchen und Finden hat Lorenz Völkers Leben reicher gemacht. Er weiß heute, es tut gut, Fragen an die eigene Geschichte zu stellen. „Denn es ist wichtig, zu den positiven und negativen Seiten einer Biografie zu stehen.“
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