Patient Ernst hat einen Verdacht: Losartan könnte knapp sein, weil ein verwandtes Medikament, Valsartan, praktisch ausgefallen ist. 2018 war in den Wirkstoffen eines chinesischen und eines indischen Werks, die sie an die Tabletten-Hersteller lieferten, eine potenziell krebserregende Substanz gefunden worden. Vermutlich, so sagt es der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, hat ein Lösungsmittel bei der Produktion eine ungewünschte Reaktion gezeigt.
Medikamenten-Liste: Die Bestellungen der Apothekerin Kerstin Kemmritz gehen ins Leere.
© camcop media / Andreas Klug
Die Hersteller durften nicht mehr liefern, Chargen mussten zurückgerufen werden. Die Konsequenz: Knappheit. In einer Liste des Bundesamts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die aktuell 469 Präparate als nicht lieferbar ausweist, sind 116 Valsartan-Arzneien. Ob das alle sind, ist unklar. Die Meldungen durch die Pharmafirmen sind freiwillig.
Texas liefert keine Medikamente
Dr. Kerstin Kemmritz, Präsidentin der Berliner Apothekerkammer, gibt Antworten: „Wegen des Ausfalls von Valsartan verschreiben die Ärzte Losartan, Irbesartan oder Candesartan. Valsartan-Produzenten, die auf nicht verunreinigte Wirkstoffe zurückgreifen können, schafften es nicht, die Kapazitäten schnell ausbauen, so dass es zu einer Kettenreaktion kommt. Auch die Ersatzpräparate werden knapp.“ Ähnlich sieht es beim Schmerzmittel Ibuprofen aus. Die verschreibungspflichtige Stärke 800 fällt immer wieder aus, zuletzt auch Ibuprofensaft für Kinder. Das BASF-Werk in Texas, eine von weltweit nur sechs Ibuprofen-Produktionsstätten, ist wegen technischer Probleme seit dem 3. Juni außer Betrieb.
Dr. Kemmritz schätzt, dass rund 30 Prozent der weltweiten Produktion weggefallen sind. Ärgerlich für die Patienten, weil sie sich ein Rezept für ein anderes Mittel besorgen müssen. BASF will dieser Tage mitteilen, wann die Herstellung wieder anläuft.
Die Situation erinnert die Weißenseer Apothekerin Kemmritz an die DDR-Planwirtschaft: „Es ist wie damals mit den Bananen. Man wusste nie, wann und wie viel geliefert wird.“ So bestelle sie 50 Tablettenschachteln und bekomme zwei, müsse häufig versuchen, bei Herstellern direkt fündig zu werden.
Selbst Impfstoffe fehlen
Knapp seien immer wieder Arzneien wie Duotrav gegen Grauen Star, Cephalosporin-Antibiotika, Impfstoffe gegen Hepatitis A und B wie Twinrix oder Rabipur gegen Tollwut, Panthenol-Salben oder Antiallergika wie Livocab.
Wegen des Wunschs, billig zu produzieren, werden Wirkstoffe vielfach nur noch in Asien in wenigen Fabriken hergestellt. Kemmritz: „Es haben sich Oligopole, in manchen Bereichen sogar Monopole gebildet.“
Die schrumpfende Zahl von Fabriken liegt auch daran, dass sich die Produktion für die Unternehmen nicht mehr lohnt, wenn der Patentschutz ausgelaufen ist, der hohe Preise garantiert. Schlimm wirkte sich das 2014 bis 2017 aus: Ein italienisches Werk, weltweit einziger Hersteller, konnte Melphalan, das bei Knochenmarkkrebs eingesetzt wird, mehrmals monatelang nicht liefern.
Nach einer Untersuchung des Apotheker-Bundesverbands ABDA verbringt jeder europäische Apotheker 5,6 Stunden in der Woche mit Telefonaten oder Mails, um Medikamente zu erjagen. 60 Prozent der öffentlichen und rund 55 Prozent der Krankenhausapotheken gaben an, dass sie binnen drei Monaten mindestens fünf Mal Versorgungsengpässe hatten, die für Patienten gefährlich werden können oder wurden. Jede fünfte Apotheke hatte über 15 Fälle.
Sind die Rabatte schuld?
Apotheker und Pharmaindustrie machen auch das Rabattsystem der Krankenkassen für die Malaise mitverantwortlich. Die Kassen schreiben Verträge für zwei Jahre aus, an deren Ende manchmal nur ein oder zwei Hersteller ein Mittel an Kassenpatienten verkaufen dürfen. Die Gegenleistung: Die Medikamente werden billiger.
Doch das macht ein Problem: die unterlegenen Firmen stellen die Präparate nicht her. Fällt ein Lieferant aus, gibt es zu wenig oder gar nichts mehr von einem Medikament.
Das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) teilt zwar weitgehend die Analyse der Apotheker, wie Knappheit entsteht, und bezweifelt, dass ein Gesetz die Ursachen beseitigen kann. Es relativierte gegenüber dem Berliner KURIER, dass ein Lieferengpass nicht zwangsläufig zu einem medizinisch bedeutsamen Versorgungsengpass führe. Oft stünden Alternativen zur Verfügung.
Das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV), das voraussichtlich noch im Juli in Kraft tritt, führe zu mehr Transparenz darüber, wer die Wirkstoffe herstellt. Die Kassen würden darin aufgefordert, bei ihren Rabattverträgen darauf zu achten, dass es eine Vielfalt von Angeboten gibt.
Bei regelmäßigen Treffen würden Industrie, Handel, Behörden, Ärzte- und Apothekervertreter sowie das Ministerium daran arbeiten, Ursachen für Engpässe zu besprechen. Eine Sprecherin: "Zu den bereits umgesetzten Maßnahmen gehört eine Liste versorgungsrelevanter, engpassgefährdeter Arzneimittel, die auf der Basis der Vorschläge der medizinischen Fachgesellschaften und der WHO-Liste der unentbehrlichen Arzneimittel entwickelt wurde. Sie soll dabei helfen, die Versorgung mit Arzneimitteln durch frühzeitige Kommunikation und Transparenz sicherzustellen."
Kritik am Gesetz
Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) gießt Wasser in den Wein des Ministeriums: "Leider hat der Gesetzgeber es versäumt, im GSAV eindeutige Regelungen zu treffen, dass Rabattverträge konsequent mehrfach und nicht mehr exklusiv vergeben werden können." Bei Arzneimitteln gegen lebensbedrohende, schwere und seltene Krankheiten sollte ganz auf Ausschreibungen für Rabattverträge verzichtet werden, um den Preisdruck zu verringern. "Das Risiko für Lieferengpässe wäre zudem sehr viel geringer, wenn es grundsätzlich erst dann Ausschreibungen für Arzneimittel geben dürfte, wenn weiterhin mindestens vier Anbieter im Markt sind." Weitere Bedingungen müssten eingeführt werden: Die Krankenkassen hätten an mindestens drei Anbieter Zuschläge zu erteilen, "von denen mindestens einer den Standort seiner Produktionsstätte in der EU nachweisen muss."
In der Masse träten Lieferengpässe nur kurzfristig auf. Meist fehlten nur einzelne Packungsgrößen eines Medikaments, oder manche seiner "Darreichungsformen" wie Tropfen, Tabletten oder Lösungen fielen aus.
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com