Vor 65 Jahren

Trotz BND-Warnungen: Wie der Westen den Mauerbau verpennte

Vor 65 Jahren riegelte die DDR über Nacht Berlin ab. Der Westen wollte davon nichts gewusst haben. Geheime BND-Akten erzählen jetzt eine andere Geschichte.

Foto von Autor/Autorin: Norbert Koch-Klaucke
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Der Mauerbau vor 65 Jahren. West-Berliner Polizisten auf ihren Motorrädern schauen im August 1961 überrascht auf die Mauer, die dort plötzlich an der Bernauer Straße entsteht.

Der Mauerbau vor 65 Jahren. West-Berliner Polizisten auf ihren Motorrädern schauen im August 1961 überrascht auf die Mauer, die dort plötzlich an der Bernauer Straße entsteht.

© DB dpa

Vor 65 Jahren baute die DDR am 13. August 1961 eine Mauer zwischen Ost- und West-Berlin. Dabei war der Westen gewarnt – entgegen der jahrzehntelangen Annahme, der BND habe von der Grenzschließung nichts gewusst. Bundesregierung und Westmächte verpennten die Warnung trotzdem.

Schon am 10. August 1961 wusste der BND vom Mauerbau

Trotz der Vorwarnung zeigten sich der West-Berliner Senat, die Bundesregierung und die Westmächte USA, Großbritannien und Frankreich überrascht. In der Nacht zum 13. August riegelten NVA-Soldaten und Grenzpolizisten die Berliner Sektorengrenze ab, kappten Straßenzüge und S-Bahn-Verbindungen.

Dabei hätte der Westen es wissen müssen. Man hätte der Meldung des BND-Informanten „Norman“ nur mehr Glauben schenken müssen. Seine Meldung und viele andere Akten aus jenem August 1961 gehören zu den geheimen Unterlagen des Bundesnachrichtendienstes, die der BND erst vor Jahren veröffentlicht hat.

Die besagte Meldung ging als Fernschreiben Nummer 90712 am 11. August 1961 im Nachrichtenraum der BND-Zentrale in Pullach (Bayern) ein. Die Brisanz stand bereits in der Betreffzeile: „Schließung der Sektorengrenzen“.

Der Eingang zur damaligen BND-Zentrale in Pullach (Bayern) in den 70er-Jahren.

Der Eingang zur damaligen BND-Zentrale in Pullach (Bayern) in den 70er-Jahren.

© Sepp Spiegl/imago

Auch die restlichen Zeilen des Fernschreibens ließen aufhorchen. „Norman rief am 10.8.61 gegen 11.45 Uhr Quelle telefonisch an und teilte mit, er habe soeben aus Ostberliner SED-Quelle erfahren, dass Maßnahmen vorbereitet werden, die Sektorengrenzen zwischen dem 12. und 18.8.1961 zu schließen, um den nicht mehr kontrollierbaren Flüchtlingsstrom zu unterbinden.“

Das alles passte zu den vorangegangenen Meldungen über geplante Truppenverlegungen der NVA oder der Bereitschaftspolizei auf Ost-Berliner Gebiet. Sie stammten bereits aus dem Juni 1961.

DDR-Polizist verplapperte sich

In dieser als „streng geheim“ eingestuften Meldung heißt es, ein Kommandeur einer Bereitschaftspolizei-Einheit in Basdorf (bei Berlin) habe bei einem Appell erklärt, die DDR-Regierung wolle mehr Volkspolizisten in Berlin.

Der BND-Informant teilte mit: „Aus der Truppe wurde hierzu bemerkt, diese Äußerungen hätte der Kommandeur nicht machen dürfen, da die angeführten Maßnahmen unter besonderer Geheimhaltung stünden.“

West-Berliner schauen auf die Mauer am Brandenburger Tor. Ihr Bau kam nicht so überraschend, wie man im Westen glaubte.

West-Berliner schauen auf die Mauer am Brandenburger Tor. Ihr Bau kam nicht so überraschend, wie man im Westen glaubte.

© United Archives / imago

Wie weit die BND-Informationen in die Regierungskreise der Bundesrepublik und die verbündeten Westmächte gelangten, ist unklar. Noch nach dem Mauerfall 1989 behaupteten Politiker wie SPD-Mann Egon Bahr (damals Sprecher des Regierenden West-Berliner Bürgermeisters Willy Brandt): „Die berühmten Dienste haben weder den Bau noch den Fall der Mauer vorausgesehen.“

So ahnungslos, wie die westlichen Politiker sich gaben, waren die westlichen Geheimdienste keinesfalls. Den Mauerbau haben sie vorausgesehen. Und nicht nur der BND wusste Bescheid. Das beweist ein Dokument aus dem BND-Archiv.

Brisanter Aktenfund aus dem Kabinett

Darin steht: „In der Sitzung des Bundeskabinetts am 17.8.1961 berichtete ein Bundesminister aus ‚einwandfreier Quelle‘, mindestens die Berliner Stadtkommandanten der USA und Großbritanniens hätten bereits vor dem 13.8.1961, spätestens am 12.8.1961 mittags, Kenntnis von den beabsichtigten Sperrmaßnahmen Pankows gehabt.“

Und weiter heißt es in dem Dokument: „Das Bundeskabinett beschloss daraufhin strengste Geheimhaltung dieses Tatbestandes.“ Der Regierung von Kanzler Konrad Adenauer (CDU) muss es peinlich gewesen sein, den Mauerbau so verpennt zu haben.

DDR-Staatschef Walter Ulbricht bei der Eröffnung der Ostsee-Woche im Juli 1961. Zu dem Zeitpunkt behauptete er, dass niemand vorhätte, in Berlin eine Mauer zu bauen.

DDR-Staatschef Walter Ulbricht bei der Eröffnung der Ostsee-Woche im Juli 1961. Zu dem Zeitpunkt behauptete er, dass niemand vorhätte, in Berlin eine Mauer zu bauen.

© Harald Lange/imago

Das Dokument zeigt aber noch mehr: Dank der westlichen Geheimdienste wussten die Berliner Stadtkommandanten der USA und Großbritanniens den Termin des Mauerbaus sogar eher als hohe Offiziere der Staatssicherheit und die meisten Mitglieder der DDR-Regierung.

Staatschef Walter Ulbricht hatte erst Stunden davor Politbüromitglieder, Minister und Vorsitzende der Blockparteien zu einem Beisammensein im SED-Gästehaus in der Schorfheide am Großen Döllnsee eingeladen.

Dort ließ er am 12. August 1961 gegen 22 Uhr die Bombe platzen: „Aufgrund der Volkskammerbeschlüsse werden heute Nacht zuverlässige Sicherungen an der Grenze vorgenommen.“

BND-Warnungen: Doch der Westen handelte nicht

Warum handelte der Westen trotz der Warnungen seiner Geheimdienste nicht gegen den Mauerbau? Schon vor dem 13. August 1961 erklärte US-Präsident John F. Kennedy einem Berater angesichts der hohen Flüchtlingswelle von DDR-Bürgern in Richtung Westen: Der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow „verliert Ostdeutschland“. „Das kann er nicht zulassen. Vielleicht eine Mauer, und wir werden nicht in der Lage sein, sie zu verhindern.“

Kurz nach dem Mauerbau erklärte Kennedy: „Es ist keine sehr schöne Lösung, aber eine Mauer ist verdammt viel besser als ein Krieg.“

West-Berlin 1963. US-Präsident John F. Kennedy besucht die Mauerstadt. Im offenen Wagen fährt er durch die City. Neben ihm der Regierende Bürgermeister Willy Brandt und der deutsche Kanzler Konrad Adenauer (v. li.).

West-Berlin 1963. US-Präsident John F. Kennedy besucht die Mauerstadt. Im offenen Wagen fährt er durch die City. Neben ihm der Regierende Bürgermeister Willy Brandt und der deutsche Kanzler Konrad Adenauer (v. li.).

© Circa Images/imago

Die BND-Dokumente lassen keinen Zweifel: Auch Kanzler Konrad Adenauer wusste von den Informationen über den bevorstehenden Mauerbau. Warum handelte er nicht? Auch wenn er der deutsche Bundeskanzler war, war er in seinen Entscheidungen immer von den West-Alliierten abhängig.

Und es gab noch einen anderen Grund. Adenauer lehnte am 3. August 1961 einen Vorschlag von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) ab, drei Bundeswehr-Divisionen für einen militärischen Notfall in Bereitschaft zu setzen. Er erklärte, er wolle „deutsche Soldaten in einem Bruderkrieg“ verhindern.

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