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Der Stundenplan der Angst an Berlins Schulen

Die Gewalt nimmt zu – immer häufiger sind Messer und Knüppel im Spiel.

Martin Klesmann Sophia Kräge
Lesezeit 4 Min
Die Zahl der schweren Gewaltvorfälle stieg – immer häufiger sind dabei Messer und Knüppel im Spiel.

Die Zahl der schweren Gewaltvorfälle stieg – immer häufiger sind dabei Messer und Knüppel im Spiel.

© Getty Images/iStockphoto

Mehr brutale Prügeleien, mehr Schüler, die mit einem Messer zur Schule kommen. Und auch mehr Schüler, die Opfer sexueller Übergriffe werden. An Berliner Schulen geht es zunehmend gefährlich zu. Das geht aus der aktuellen Statistik der Bildungsverwaltung für das vergangene Schulhalbjahr hervor.

Demnach stieg die Zahl der gemeldeten schweren Gewaltvorfälle auf 430. Das sind deutlich mehr Fälle als in den Vorjahren für das gesamte Schuljahr registriert wurden. In 40 Fällen fielen Schüler durch Waffenbesitz auf, meist Messer, aber auch Knüppel oder Pfefferspray. Ein Wert, der noch vor einigen Jahren nur während des gesamten Schuljahres erreicht wurde.

Zudem wurden im ersten Schulhalbjahr 45 sexuelle Übergriffe gemeldet – auch dieses eine deutliche Steigerung. „Hier sind auch Übergriffe im Internet berücksichtigt“, betonte Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung. Besorgniserregend ist auch der Waffengebrauch: Hier wurden 13 Fälle gemeldet, meist Messerstechereien. 

"Heute erfolgten die Angriffe oft gezielter und härter"

Es gab Brandstiftung auf dem Schulklo, Prügeleien von Schülergruppen unterschiedlicher Herkunft und Faustschläge und üble Beschimpfungen gegen einen Lehrer. Ein besonderes Problem für viele Schüler: Das Cybermobbing wird immer härter. Chatportale wie Whatsapp, Instagram, Snapchat und auch Youtube werden deshalb gerne von Jugendlichen und Kindern genutzt, um miese Gerüchte oder verstörende Hasskommentare im Internet zu verstreuen.

Rund 1,4 Millionen Kinder-und Jugendliche werden in Deutschland laut einer neuen Studie vom Bündnis gegen Cybermobbing im Internet gemobbt. „An Berliner Schulen ist es zirka jeder dritte. Und der Terror beginnt heute schon in der Grundschule“, sagt Uwe Leest, Vorstand des Bündnisses.

Im Vergleich zur ersten Studie 2013 sei der Anteil zwar von 16,6 Prozent auf 13 Prozent leicht gesunken. Heute erfolgten die Angriffe aber oft gezielter und härter. Fast zwei Drittel der Opfer (62 Prozent) fühlen sich von Cybermobbing verletzt, knapp die Hälfte reagiert „wütend“ (47 Prozent).


Prügeleien und Cybermobbing

Gewalt und Mobbing hat an den Berliner Schulen im vergangenen Schulhalbjahr deutlich zugenommen. Das haben die Schulleiter der Bildungsverwaltung gemeldet. Besonders nach oben schnellten Fälle von Cybermobbing. Das sind miese Gerüchte oder Hasskommentare, die im Internet gepostet werden. Oft anonym. Viele Jugendliche leiden darunter, körperlich und seelisch.
 


Über die Folgen für die Opfer, sind sich die Täter oft nicht im klaren 

Rund ein Drittel verspürt Angst (36 Prozent). Lehrer und Eltern beobachten bei den Betroffenen über einen längeren Zeitraum eine Verhaltensveränderung, gedrückte Stimmung, Leistungsabfall und einen persönlichen Rückzug zum Beispiel von Freizeitgewohnheiten und von Freundschaften. 

„Den Tätern ist dabei oft nicht klar, welche Folgen ihr Verhalten für die Opfer haben kann“, sagt Michael Retzlaff vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Lisum) zum KURIER. „Manche Opfer reagieren mit körperlichen Symptomen, wie Kopf- und Bauchschmerzen. Andere reagieren mit seelischen Beschwerden wie Depressionen und können sich nicht mehr konzentrieren.

Wichtig für Eltern und Lehrer: Beim einmaligen Auftreten nicht gleich in Panik verfallen. „Verhaltensänderungen sollten aber genau beobachtet werden“, sagt Retzlaff. Im schlimmsten Fall kann eine scheinbare aussichtslose Situation sogar zu Suizid oder -Versuchen führen. 

"Cyber-Mobbing ist nicht cool“

„Es ist wichtig, sensibel auf die Betroffenen zuzugehen und sie zu konsequent zu unterstützen“, sagt Retzlaff. „Für den Bereich Schule bedeutet das, im Vorfeld das Thema im Unterricht zu behandeln. Es ist sehr hilfreich, wenn es gelingt, mit den Jugendlichen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen“.

An der Bettina-von-Arnim-Oberschule in Reinickendorf etwa gab es schon die Projektgruppe „Cyber-Mobbing ist nicht cool“. Experten haben dabei das Thema Respekt im Netz gemeinsam mit Eltern, Schülern, Lehrern, Sozialarbeitern und der Schulleitung aufgearbeitet und die Ergebnisse in die Klassen- und Schulordnung aufgenommen.

Wie bekommt man die Gewalt in den Griff

Auch der Landesschülerausschuss reagiert: „Wir nehmen das Thema sehr ernst. Es ist wichtig, dass Schüler Ansprechpartner haben. Dafür wurden sogenannte Krisenteams und Beratungszentren gebildet“, sagt Pressesprecher Franz Kloth. „Mir ist ein Fall bekannt, wo ein Mädchen im Klassenraum wegen Cybermobbing zusammengebrochen ist.“

Schwierig: Schüler entwickeln immer wieder neue Strategien, um zu mobben. „Während das Mobbing früher zwischen den Personen stattfand, funktioniert heute alles digital“, so Kloth. „Wir dürfen nicht wegschauen“. Wie bekommt man die zunehmende Gewalt in den Griff?

In einem Positionspapier des Landesschülerauschusses wird ein Konflikttraining für Lehrer gefordert. Experten der Studie gegen Cybermobbing setzen auf ein Schulfach Medienerziehung und mehr Selbstkontrolle der Online-Anbieter. 

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