Massaker am Wounded Knee

Makoshika, die Geister der Badlands

Ein Rückblick, ein Besuch, ein Bild aus vielen Ausschnitten

Jan Schmidt Holger Determeyer
Lesezeit 9 Min
Soldaten der 7. US Kavallerie eröffnen das Feuer auf die Lakota, der Beginn des Massakers am Wounded Knee Creek.

Soldaten der 7. US Kavallerie eröffnen das Feuer auf die Lakota, der Beginn des Massakers am Wounded Knee Creek.

© Fotofinder

Es weht ein leichter Wind, der Himmel ist grau wie die Landschaft. Ausgetrocknetes Weideland, Felsenformationen mal schroff, mal wundgerieben. „Makoshika“, schlechtes Land, so heißt die Gegend in der Sprache der Lakota. Was soll hier schon wachsen außer der Verzweiflung, hier in den Badlands von South Dakota. Die letzten Träume hat der Wind davongetragen. Was bleibt sind ferne Erinnerungen an kalte, bitterkalte Tage.

Es war der 28. Dezember, als Spotted Elk (auch bekannt als Big Foot) mit 350 Lakota, meist Frauen und Kinder, auf Kavalleristen trafen. Sie waren schon fünf Tage unterwegs, um bei Häuptling Red Cloud Schutz zu suchen. Gegen Spotted Elk lag ein Haftbefehl des Kriegsministeriums vor. Mit aller Macht versuchte die US-Regierung unter dem 23. Präsidenten Benjamin Harrison gegen die Geistertanz-Bewegung der Ureinwohner Amerikas vorzugehen und deren Widerstand zu brechen.

Eine Aufnahme der Miniconjou-Lakota. Die meisten starben am Wounded Knee Creek. 

Eine Aufnahme der Miniconjou-Lakota. Die meisten starben am Wounded Knee Creek. 

© privat

Die entsandten Truppen hatten die Lakota-Lager bei Pine Ridge und Rosebud besetzt, in den Reservations herrschte höchste Alarmbereitschaft. Die Geistertanzführer sollten von ihren Anhängern isoliert werden, nahm man doch an, dass es sich hierbei einen Kriegstanz handelte, um einen Aufstand gegen die Weißen. Die Häuptlinge Sitting Bull und Spotted Elk sollten verhaftet werden.

Die Erde werde bedeckt von Staub, eine neue Erde wird geboren. Alle toten Ureinwohner und die Bisons würden wieder auferstehen und der Weiße Mann verschwinden. Dies war die Vision des Paiute-Propheten Wovoka aus Nevada. Es war der Beginn der zweiten Geistertanzbewegung. Diese Worte ließen viele Lakota aufhorchen, die 1890 unter besonders schlechten Bedingungen lebten.

Alkohol und Hunger waren Alltag in den Reservaten. Die Kriege hatten viele Witwen und Waisen hinterlassen. Viele tanzten den Geistertanz. Es nutzte nichts, dass Wovoka, Sohn eines Medizinmanns, der nach dem frühen Tod seines Vaters bei einer strenggläubigen Farmerfamilie, den Wilsons, aufwuchs, die Friedfertigkeit als oberstes Gebot ausgegeben hatte.

Der Westen Nordamerikas war zwar vollkommen „erschlossen“ für die Weißen, die Ureinwohner wurden in Reservate verbannt. Die Büffelherden, Lebensgrundlage vieler Indianervölker, waren von den neuen Machthabern fast komplett abgeschlachtet worden. Und mit aller Härte war die US-Regierung gegen die Indianer vorgegangen nach der Niederlage am Little-Bighorn-Fluss am 25. Juni 1876, als Krieger der Lakota, Arapaho und Cheyenne, angeführt von Sitting Bull und anderen Häuptlingen, Oberstleutnant George Armstrong Custers mehr als 200 Mann starke Kavallerie-Einheit vernichteten, die ein Lager der Indianer angegriffen hatte.

Henry Red Cloud. Auf Vortragsreihen wirbt er um Hilfe für die Reservate

Henry Red Cloud. Auf Vortragsreihen wirbt er um Hilfe für die Reservate

© Privat

Es war die größte Niederlage der US-Army überhaupt im Krieg gegen die Ureinwohner. Als die Kunde die Hauptstadt Washington erreichte, feierte die Nation gerade den 100. Jahrestag ihrer „glorreichen Geburt“. Ein Schock. Der indianische Sieg wurde gerächt. Der US-Kongress stimmte zügig für die Aufrüstung im Westen, Präsident Ulysses Grant ließ neue Forts bauen. Binnen weniger Jahre nach Little Bighorn hatten sich alle bedeutenden Stammesführer in den Indianerreservaten niedergelassen. Alle - bis auf Sitting Bull.

Der Beginn des Reservats wird von einem Schild markiert: „The land of great war-chief Crazy Horse - hunting only with tribal permit“. Auf dem Weg zwischen Rapid City und Pine Ridge durchbrechen nur verrostete Chevys und andere Autowracks die Eintönigkeit der kargen Hügellandschaft. Abseits der Straße ein Indianer, der mit Stativ und Kamera Landschaftsaufnahmen fertigt. Die „Tourist- Information“: ein schlichtes Holzhaus, billiger, weinroter Teppich, auf Leder gespannte, gemalte Konterfeis der großen Häuptlinge, Schmuck, ein paar Fotos aus alten Zeiten. Weiter geht es Richtung Wounded Knee.

Kurz vor dem Ort winken drei Indianer von ihrem aus Baumstämmen erbauten Unterstand. Die Lakota suchen das Gespräch, wollen einen Eintrag in ihr spärlich gefülltes Gästebuch, Touristen aus Deutschland hatten sie noch nicht.

Eine ältere Frau nähert sich und begrüßt freundlich die „weißen Besucher“. Sie zeigt ein abgegriffenes Fotoalbum, darin Schwarzweiß-Fotos von Ureinwohnern, der US-Kavallerie, toten Indianern. Sie verliert nur wenige Worte, lässt die Wucht der Bilder für sich sprechen, bis sie von einem Mann unterbrochen wird. Er heiße Norman und sei ein Lakota stellt er sich vor. Und jetzt sollten wir erstmal ein paar gemeinsame Fotos machen. Nach einem kurzen Wortwechsel deutet Norman auf einen Weg den Hügel hinauf. „Schaut den Friedhof an, besucht unsere Vorfahren, dann reden wir weiter.“ Ein Sheriff der „Tribal Police“ fährt in seinem Streifenwagen langsam vorbei, die Hand zum Gruß ausgestreckt.

Es war die Kugel eines Polizisten, die das Leben des Kriegers Sitting Bull beendete, eines Indianerpolizisten vom gleichen Stamme wie Sitting Bull. Was genau passierte, davon gibt es verschiedene Versionen. Eine geht so: Die Polizisten erschienen nachts im Zelt des alten Häuptlings. „Schnell, steh auf“, rief ihr Anführer und packte Sitting Bull am Arm. Der wehrt sich. „Das könnt ihr mir nicht antun.“ Der Lärm weckte die Schlafenden in den umliegenden Zelten. Erst flogen Worte, dann Fäuste, Schüsse fielen. Gleich der erste beendete am 15. Dezember 1890, vor 125 Jahren, das Leben von Tatanka Yotanka, „Sitting Bull“, wie die Weißen den legendären Anführer der Hunkpapa-Lakota nannten.

Ernie LaPointe blickt auf ein Porträt seines Urgroßvaters Häuptling Sitting Bull.

Ernie LaPointe blickt auf ein Porträt seines Urgroßvaters Häuptling Sitting Bull.

© dpa

Eine andere Version besagt, Sitting Bull wollte sich auf den Weg machen zum Treffen mit Anführern der neuen Bewegung. Polizisten sollten ihn festnehmen und an der Reise hindern. Im Schusswechsel wurde der Häuptling getötet.

Aber zwei Sachen stehen fest: Die Weißen hatten Sitting Bull nie die Niederlage von Little Bighorn verziehen. Und man hatte Angst vor ihm. Wenige Wochen vor der siegreichen Schlacht gegen Custer hatten damals die Lakota einen Sonnentanz gefeiert. Dabei soll Sitting Bull eine Vision verkündet haben: Er sehe fallende Soldaten. Es wurde als Zeichen eines bevorstehenden großen Sieges gedeutet. 

Und vor seinem Tod stand Sitting Bull wieder an der Spitze einer Bewegung …

Die Ureinwohner Nordamerikas wehrten sich 400 Jahre gegen die Verdrängung durch den Weißen Mann. Wie viele Menschen hier lebten, als Kolumbus 1492 die karibischen Inseln erreichte, da schwanken die Zahlen. Zwischen 3,5 und 18 Millionen sollen es gewesen sein. Die Millionen Einwanderer verdrängten die Stämme immer weiter. Die Indianer starben an eingeschleppten Krankheiten, verloren Land an europäische Siedler oder wurden getötet.

„Die frühe Vertreibung ist ganz stark auf politische und ökonomische Motive gegründet“, sagt Martin Klepper, Professor für amerikanische Kulturgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität. Die Europäer brauchten mehr Land, bauten die Infrastruktur auf wie Eisenbahnstrecken. Es folgten die Indianerkriege, die systematische Vertreibung.

1890 gab es noch 250.000 Indianer, ganze Völker waren verschwunden wie der Stamm der Shawnee, die Apachen lebten in Reservaten, ebenso wie die Sioux, ein Name, der von den Ureinwohnern abgelehnt wird. Häuptling Noble Red Man sagte in einem Interview 1987: „Nennt uns nicht Sioux, das ist der Name, den uns der Weiße Mann gegeben hat. Wir sind Lakota.“ Sioux sei die französische Kurzform des Wortes „Nadouessioux“ aus der Sprache der Anishinabe. Feinde wurden so abgewertet als „kleine Schlangen“.

Ein Bild des erschossenen Häuptlings Spotted Elk im Schnee. 

Ein Bild des erschossenen Häuptlings Spotted Elk im Schnee. 

© INTERFOTO

Die Kavalleristen geleiten die 350 Lakota mit ihrem kranken Häuptling Spotted Elk zum Lager am Wounded Knee Creek, in dem Colonel James W. Forsyth das Kommando über 500 Soldaten hat. Forsyth hatte den Befehl erhalten, die Gruppe in ein Militärlager nach Omaha zu deportieren. Bei Tagesanbruch soll es losgehen.

Es ist der 29. Dezember 1890.

Vier Hotchkiss-Gebirgskanonen vom Typ M1875 werden positioniert. Die Indianer erhalten die Aufforderung, ihre Waffen abzugeben. Misstrauisch durchsuchen die Soldaten die Zelte, beginnen mit Leibesvisitationen. Die Lakota lassen alles über sich ergehen. 

Was die Katastrophe auslöst, ist bis heute ungeklärt. Eine Version besagt, Yellowbird, ein Medizinmann, habe begonnen den Geistertanz zu tanzen, woraufhin die Soldaten äußerst beunruhigt und alarmiert die Waffensuche fortsetzen, bis sie zu Black Coyote kommen. Ob er, wie es in einigen Überlieferungen heißt, protestiert und seine Winchester nicht abgeben will, weil er schließlich viel dafür bezahlt hatte, oder schlichtweg taub ist, wie es in anderen Belegen heißt, es folgt ein Gerangel, ein Schuss löst sich aus dem Gewehr …

Am Ende des Weges, auf den Lakota Norman zeigte, liegt die Wounded-Knee-Gedenkstätte. Ein verwahrlost wirkender Friedhof mit einem Massengrab für Lakota-Männer, -Frauen und -Kinder. Eine verfallene Betontreppe führt zum Eingangsbogen. Bonbons liegen auf Grabsteinen, Plastikblumen stecken in Colaflaschen. Der Friedhof thront auf einer Kuppe inmitten sanfter Hügel. Ab und zu rauscht ein Auto vorbei. Schwer vorzustellen, dass dieser Ort Schauplatz eines Blutbades war, als Soldaten des 7. US-Kavallerieregiments das Feuer auf in Decken gehüllte, zum Großteil unbewaffnete Indianer eröffnen.

An dieser Stelle ist heute die Wounded-Knee-Gedenkstätte. 

An dieser Stelle ist heute die Wounded-Knee-Gedenkstätte. 

© IMAGO

Ein aufziehender Schneesturm rettet die letzten Indianer. Als er sich verzogen hatte, liegen die Leichen ihrer Stammesbrüder gefroren in der weißen Weite South Dakotas: von Kugeln durchsiebt, erschlagen, erfroren, getötet von den Hotchkiss-Kanonen. Ob es 150 oder sogar bis zu 300 Frauen, Kinder, Männer, unter ihnen Spotted Elk, waren, ändert nichts an dem, was es war: ein Massaker. Der blutige Tiefpunkt dessen, was viele Historiker als Genozid bezeichnen.

Auch 25 Kavalleristen waren unter den Opfern, zumeist getötet von den Kugeln der eigenen Männer. Colonel Forsyth wird von jeder Schuld freigesprochen. Der Kongress verleiht der Truppe 20 Ehrenmedaillen für Tapferkeit.

Lyman Frank Baum, später bekannt geworden als Autor von „Der Zauberer von Oz“, kommentierte die Schlacht von Wounded Knee in einer Tageszeitung mit den Worten: „Die edlen Vertreter der Rothäute sind erloschen, und übrig ist nur ein Rudel heulender Köter, die die Hand lecken, die sie quält. Die Weißen sind durch das Gesetz der Eroberung und das Recht der Zivilisation Herren des amerikanischen Kontinents, und die größte Sicherheit für die Siedlungen im Westen erreichen wir durch die vollständige Vernichtung der wenigen verbliebenen Indianer.“

Es war ein Wunder. An einem Morgen nach dem Massaker wurde auf dem Schlachtfeld unter der Leiche einer Lakota ein wenige Monate altes Baby entdeckt. Das Mädchen lebte.  

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