Es gibt nur wenige deutsche Schauspielerinnen, die auch international so gefragt sind wie Martina Gedeck. Ihre größte Stärke ist es, Figuren mit Ecken und Kanten zu spielen. Die stellt sie jetzt erneut unter Beweis – im dreiteiligen Fernsehfilm „Tannbach“
KURIER: Frau Gedeck, Filme über Nazi-Deutschland oder die Zeit danach gibt es zuhauf. „Tannbach“ reiht sich jetzt in diese Reihe ein.
Martina Gedeck: Ja, und das ist auch gut so. Ich glaube, dass wir noch viele Jahre über diese Themen Filme machen werden. Sowohl über die Kriegs- als auch die Nachkriegszeit. In „Tannbach“ konzentriert sich alles auf die Teilung eines Dorfes. Das fand ich sehr interessant, dass eine Mauer-Geschichte mal nicht in Berlin spielt. Die Teilung fand eben in ganz Deutschland statt. Plötzlich standen dort Zäune, später Bretter und 1961 die Mauer. Die jüngere Generation kann sich das gar nicht mehr vorstellen.
Ist es gut, dass wir selbst inzwischen immer mehr dieser Filme drehen? Früher kamen diese ja eher aus den USA.
Ich finde das ganz entscheidend, dass wir das machen. Gut, wir haben oft nicht die Mittel wie die Amerikaner. Wenn ein Steven Spielberg bei uns „Schindlers Liste“ dreht, gibt er Millionen aus. Bei uns gibt es meistens viel kleinere Budgets und auch weniger Drehtage. Wir haben „Tannbach“ im Sommer in 70 Drehtagen gefilmt. Das sind wir in Deutschland gewohnt. Doch wir haben mehr Authentizität, wenn wir sie selbst erzählen. Hollywood-Produktionen wie „Der Vorleser“ oder „Die Bücherdiebin“ wirken oft aufgesetzt.
Sie sind 1961 geboren. Ab wann ist Ihnen bewusstgeworden, dass Deutschland geteilt ist?
Ich bin in Bayern großgeworden. Die Mauer war für uns ziemlich weit weg. In der Schule sollten wir sie malen. Meine hatte rote Backsteine, war schmal und unglaublich hoch. Oben war ganz viel Stacheldraht. So habe ich mir die Mauer vorgestellt. Als einen hohen Turm, der auf einem Platz steht, aber sich nicht durch die Stadt schlängelt. Fotos hatten wir ja nicht gesehen. Erst als wir nach Berlin gezogen sind, da war ich neun Jahre alt, habe ich realisiert, was die Teilung bedeutet.
Haben Ihre Großeltern über den Krieg und die Zeit danach geredet?
Ich habe wenig mitbekommen. Sie waren positiv eingestellt dem Leben gegenüber. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie über irgendetwas gejammert hätten. Meine Großmutter sagte immer: Man muss es nehmen, wie es ist. Es herrschte bei uns eher eine Art Aufbruchsstimmung, und es wurde sehr viel auf den Zusammenhalt der Familie geachtet. Alle waren jederzeit willkommen. Das Bedürfnis, dass man als Familie zusammen war, war groß. Das war für mich auch ein Akt der Liebe, dass man sein eigenes Leben, das für diese Generation nicht unbedingt einfach und schön war, nicht einfach aufgibt. Und zwar auch im Sinne der Kinder. Für uns war das sehr wichtig. Es war so ein kleiner Startschubs ins Leben. Mich hat das geprägt und beeindruckt. Es ist eine kluge Lebenshaltung.
Auch die Figur Hilde Vöckler ist eine, die nicht aufgibt …
Ja, sie ist eine Unbeugsame. Es hat mir gefallen, sie zu spielen, auch um zu zeigen, dass man weitermachen sollte. Dass man sich nicht unterkriegen lässt. Die Figur Hilde ist ein Mensch, wie es sie in Kriegs- und Nachkriegszeiten viele gab. Sie muss von vorne anfangen, immer wieder. Sie tut das still und mit einer gewissen Wut. Sie erlebt den Zusammenbruch Nazideutschlands als persönliches Schicksal, dem sie sich stellt. Und sie kommt nicht zur Ruhe: Sie putzt, räumt auf, legt Hand an und schafft sich eine neue Lebensgrundlage. Gleichzeitig ist sie misstrauisch und voll Abscheu jeglicher Art von System gegenüber und glaubt nicht an den „Neuen Menschen“ in der jungen DDR. Ihr höchstes Gut ist ihre innere Unabhängigkeit.
Sie brauchen meistens nicht viele Worte, um eine Person darzustellen, oder?
Man versucht halt, Menschenbilder zu zeichnen. Ich kann mich ganz gut in andere reinversetzen. Ich suche bei Figuren immer nach einer Haltung. Möglichst ohne großen Kitsch und Pathos. Hilde aus Tannbach ist – wie gesagt – eine Unbeugsame. Sie spricht mehr durch Gestik und Mimik. Dafür braucht man nicht viele Worte. Vieles wäre sowieso gelogen.
Seit wann werden Sie vor allem für Charakterrollen besetzt?
Es hat sich so ergeben. Ich fand es aber auch schon immer spannend, wenn Figuren ihre Ecken und Kanten haben. Wenn es Charaktere sind, bei denen es sich lohnt, noch einmal hinzuschauen. Die glatten Charaktere haben mich nie angezogen. Ich weiß, das sagen alle Schauspieler (sie lacht), aber bei mir ist es in der Tat so. Außerdem bin ich ja auch nicht gerade die glatte Beauty.
Aber gefragter denn je – vor allem auch im Ausland …
Ich habe 15 Jahre lang sehr beständig alles, was mir aus dem Ausland angeboten worden ist, angenommen. Das waren anfangs nicht immer die grandiosen, fantastischen Rollen oder die besseren Arbeitsbedingungen. Inzwischen hat sich das entwickelt, und ich spiele sehr interessante Rollen, oft mit wunderbaren Kollegen und Regisseuren. Für mich ist das sehr schön, ich habe von den internationalen Drehs sehr profitiert – auch als Mensch.
Inwiefern?
Man verliert Vorbehalte und Unsicherheiten. Es erweitert den Horizont. Und ich hatte große künstlerische Begegnungen. Es hat natürlich auch seine Schattenseiten: Man ist viel weg; und in einer fremden Sprache zu spielen, ist nicht einfach. Ich habe Italienisch und Spanisch gelernt, Französisch und Englisch konnte ich schon. Aber letztendlich bin ich wirklich froh darüber. Es lässt mir auch ein bisschen Luft, weil ich nicht nur auf deutsche Filmangebote angewiesen bin.
Hier ist es ja auch nicht einfach, ein Star zu sein …
Man möchte nicht, dass jemand herausragt. Das ist aber nicht nur in unserem Beruf so. Ehrlich gesagt: Mir liegt das auch gar nicht so. Ich finde, diese Selbstfeierei darf nicht das Eigentliche in unserem Beruf sein. Viele Stars entfernen sich vollkommen von ihrem eigenen Selbst, auch weil sie eigentlich nur noch Projektionsfläche für andere sind.
Was machen Sie, um bei sich zu bleiben?
Ich mache Pausen. Wenn man eine Rolle spielt, geht sie schon durch einen durch. Man muss die Gefühle empfinden, die die Figur empfindet. Es ist jedes Mal ein emotionales Hingeben. Danach muss ich immer wieder einen freien Kopf bekommen.
Gibt es auch Tage, an denen Sie nichts machen?
Aber ja, das wäre ja schlimm, wenn ich das nicht machen würde. Ich faulenze gerne (lacht).
Sind Sie jemand, der oft aneckt?
Ich sage schon meine Meinung. Man kann nicht nur aus der Defensive leben. Wenn wir drehen, sind wir oft 30 Menschen an einem Set, und wir müssen uns miteinander arrangieren und zusammenarbeiten, auch wenn wir ganz unterschiedlich sind. Da gibt es auch Querelen. Ich mag es beispielsweise nicht, wenn in meinem Beisein über andere schlecht geredet wird. Ich bin meistens zu dem besonders nett, der ausgeschlossen wird. Man muss die Menschen integrieren, sonst geht es nicht. Das ist das Besondere und auch Schöne an unserem Beruf. Ich finde es gut, wenn Menschen offen sind und sich sagen, was sie denken. Das ist einfacher für alle.
Sie sind mit dem Regisseur Markus Imboden liiert, drehen oft gemeinsam. Gibt es ein neues Projekt?
Ja, aber das ist noch nicht spruchreif.
Dann könnten Sie sich immerhin öfter sehen …
Wir sind es ja gewohnt, ein Nomadenleben zu führen. Wir besuchen uns immer gegenseitig bei den Dreharbeiten.
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