Der Raum ist abgedunkelt, und er muss seine Sachen um sich haben: den alten Schrank mit Großmutters Schätzen, den wuchtigen Schreibtisch mit der Glaskugel, das Kartenlegertischchen. Malkiel Rouven Marx (32) setzt sich in den ägyptischen Armsessel und wartet lächelnd, wo sein Gast Platz nehmen wird. Zwei identische Stühle im Leopardenlook. "Der linke steht für Intuition, der rechte für Rationalität", erklärt Berlins berühmtester Wahrsager, der das mediale Geschäft in 7. Generation (seit 1800) betreibt.Zu ihm finden Schauspieler und Bundestagsabgeordnete, Firmenchefs und Geldanleger und ganz normale Menschen. Ratsuchende in einer turbulenten Welt. Nicht nach Liebesdingen wird zuhauf gefragt, sondern nach Beruf, Karriere. Die Kugel aus lupenreinem Bergkristall berührt er nur kurz, legt die Karten aus. Zügig erst, dann langsamer. Wie im Trance. Mit den Kartenbildern beginnt ein Film vor seinen Augen abzulaufen. "Wie Daumenkino", beschreibt er schlicht seine übersinnliche Gabe, von der er sagt, er habe sie vererbt bekommen.Zuerst verkündet Malkiel die unangenehmen Dinge vom kurzen Ausflug in die Zukunft. Gebrechen, die sein Gegenüber plagen, Wendepunkte im Leben, die schmerzten. "Das Beste kommt zum Schluss."Was ist mit dem Tod? Auch ihn hat er schon vorausgesagt. "Eine Dame, Mitte 50, wollte die Wahrheit: Endstation Krebs. Sie machte für den Rest der Zeit Pläne, ging auf Reisen." Er sah den Sterbetag seiner Großmutter eineinhalb Jahre zuvor - es war der 17. August. Was die einen als Hokuspokus abtun, andere als Wunder preisen, nennt er eine besondere Gabe: "Ein Talent, wie andere ein musisches haben, die ein Instrument spielen, malen. Ich sehe Dinge." Wer das erste Mal zu ihm kommt, dem entfährt nach der Sitzung meist ein Wort: "Unglaublich."Das erste übersinnliche Erlebnis habe er mit 4 beim Seifenkistenrennen im Viktoriapark in Kreuzberg gehabt. "Ich stand auf einem Berg, sagte zu meinem Freund: ,Wenn du da jetzt runter fährst, brichst du dir deinen rechten Arm.' Er brauste los und brach sich den rechten Arm." Mit Stefan habe er heute noch Kontakt, nur dass der jetzt auf ihn höre. Eine Diva, bekannt von Film und Fernsehen, warf dem studierten Astrologen das Honorar vor die Füße, rauschte wütend ab. "Die Dame kam wieder. Ich hatte recht."Vieles lernte er von seiner jüdischen Großmutter. Deren Mutter Ruth betrieb einen Wahrsagersalon in der Knesebeckstraße, in den auch Erich Kästner ging. "In den goldenen 20ern gab es 300 registrierte Wahrsager in der Stadt, sie gehörten zur Berliner Bohème." Nach Hitlers Machtergreifung retteten ihre arischen Ehemänner das Leben der beiden Frauen. Zum Schluss versteckten sie sich auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee, überlebten in einer Gruft. "Meine Großmutter hat den Friedhof nie mehr betreten." Die meisten jüdischen Verwandten flohen nach Amerika.Malkiel ist hebräisch und bedeutet "mein König Gott". Er ist Sohn eines GIs, dem die Mutter nach Heidelberg folgte. Die Ehe zerbrach. Mit 12 ging Malkiel zum Vater nach New York, hatte Bar Mizwa in einer Synagoge in Manhattan, lernte Friseur, dann Visagist beim berühmten Kevin Aucoin. Er schminkte Models bei Shows auf aller Welt, lebte aus dem Koffer. 2002 der Wendepunkt. "Ich kehrte zu meinen Wurzeln zurück."In New York hatte er bei NBC in Wahrsager-Shows mitgemacht. Nun half er Großmutter Emma in der Wahrsagerpraxis in ihrem Haus in der Knesebeckstraße. Horst Buchholz, Heinz Erhardt und Hildegard Knef zählten zu ihren Kunden.In einer Remise auf einem Hinterhof am Kollwitzplatz eröffnete er seine erste Praxis: "Viele meiner Freunde wohnten damals in Prenzlberg." Nicht New York, Berlin sei seine Stadt. "Ich muss mich nicht verstellen, mag die Berliner Schnauze." Hier fand er auch sein privates Glück: Cedric M., ein französischer Chansonsänger. Letzten Februar streiften sie in der Promi-Eheschmiede Schmargendorf einander die Platinringe von Tiffany über. Malkiel kocht für ihn Dampfnudeln, Cedric räumt auf. Ob sein Mann Probleme mit seinen wahrsagerischen Fähigkeiten hat? "Nee, der findet es praktisch. Man belügt den anderen nicht", sagt Malkiel und lacht.Am liebsten arbeitet er nach 14 Uhr. "Vorher sehe ich nicht so viel. Wer das Maximum will, kommt am Nachmittag." Man nennt seinen Namen, sein Alter (nicht das Geburtsdatum). Man kann Fotos jener mitbringen, über die man etwas erfahren möchte, doch sie sollten auf Papier sein, "damit ich die Aura spüre". Seine Kartei fasst 16 000 Kunden. Am Fenster steht eine Tafel für die Seminare, die er gibt.Es ist 17 Uhr. Teatime. Malkiel gießt eine Kräutermischung auf: Schlechtwetter-Tee. Er geht zum Schränkchen der Großmutter, holt ein rotes Kästchen mit 54 Karten. Er breitet sie auf dem Tisch aus, erzählt dazu die Geschichte. Sie stammen aus dem Jahr 1870 und gehörten einer berühmten Wahrsagerin in Paris. In der Französischen Revolution legte sie die Karten nach dem System der Windrose, um Fluchtwege für die Menschen zu finden. Im Nazi-Deutschland legte Malkiels Großmutter diese Karten für ihre jüdischen Freunde, um sie aus dem Land zu bringen. "Das sind Karten, die Leben retteten", sagt Malkiel, legt sie behutsam an den Platz zurück.------------------------------Zwischenzeile: ER SAGTE DEN STERBETAG SEINER OMA EMMA VORAUSZwischenzeile: MALKIELS SCHATZ: KARTEN, DIE LEBEN RETTETEN
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