„Der Auftritt an diesem Ort ist etwas ganz Außerordentliches“, sagt Wolf Biermann, kurz bevor er die Bühne im Hof des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Hohenschönhausen betritt. Der 82-jährige Liedermacher ist selbst jahrelang bespitzelt worden, bevor er 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde. Jetzt singt er erstmals vor den vergitterten Fenstern der Gedenkstätte, hinter denen einst Regimekritiker gefangen gehalten wurden.
Prominentester DDR-Dissident spielt vor 700 Menschen
Rund 700 Menschen sind diesen Sonntag gekommen, um den prominentesten DDR-Dissidenten zu hören. Sein Repertoire hat Biermann dem Ort angepasst. Er spielt auf dem einstündigen Konzert die „Stasi-Ballade“, in der er ironisch-bitter mit den Menschen abrechnet, die ihn jahrelang verfolgten und die an diesem Ort Gefangene körperlich und seelisch traktierten.
Es ist der Tag der offenen Tür und der Sonderausstellung „Stasi in Berlin“. Aus diesem Anlass singt Biermann. 40 Führungen ziehen Menschen durch die Gebäude. Den 38-jährigen Dennis, der mit Frau und seinen beiden Söhnen in die Gedenkstätte kam, beeindrucken die Erzählungen eines Zeitzeugen. „Er war erst 17 Jahre alt, als er hierher gebracht wurde.“ Dennis lebt ganz in der Nähe der Gedenkstätte. „Von einem vergitterten Fenster konnte ich unser Haus sehen.“ Dieser Anblick habe ihn getroffen.
Stelle und Existenz des Stasi-Gefängnisses zu DDR-Zeiten unbekannt
Dass diese „geheimste Herzkammer der Staatssicherheit“, wie der Zeitzeuge Mike Fröhnel (54) den Ort nennt, mitten in Berlin lag, wussten zu DDR-Zeiten nur Eingeweihte. Auf den Landkarten war an der Stelle des Stasi-Gefängnisses ein weißer Fleck. Auch die Menschen, die hierher transportiert wurden, erfuhren nicht, wo sie sich befanden. „Ich dachte, ich sei in Ahrensfelde“, sagt Fröhnel, der als junger Mann sechseinhalb Jahre inhaftiert war.
(MH)
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