Auf der Seite sotchi.de, die vor den Olympischen Winterspielen eingerichtet und danach nicht mehr aktualisiert worden ist, steht ein Satz von wunderbar verstörender Ehrlichkeit: „An die russische Riviera fährt jeder, der es sich leisten kann.“ Die meisten Russen können das nicht. Die wenigsten dafür umso mehr.
Nach fünf Tagen in Sotschi komme ich mir vor wie Franz Beckenbauer. Der war vor drei Jahren auf einer Inspektionsreise durch Katar und sagte: „Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven gesehen.“ Ich könnte sagen: „Ich habe noch nicht einen einzigen Armen gesehen.“ Und müsste mich selbst ins Gewissen beißen.
Es kommt immer auf den Standpunkt an. Will man den verändern und der Wahrheit näher kommen, muss man sich bewegen. Doch je länger meine Wege werden, desto beklemmender ist der Eindruck: Ich sehe nur den Ausschnitt eines Ausschnitts eines Zuschnitts. Sotschi ist Disney Land, ein Potemkinsches Dorf, alles nur Fassade. Eine Himbeerverkäuferin am Straßenrand zuckt mit der Schulter und sagt: „Wenn Putin kommt, dann scheint immer die Sonne.“ Heute ist es bewölkt.
Auf den Straßen jagen die dicken Porsches, an der Strandpromenade die kleinen. Armani tragende Kinder sitzen in ferngesteuerten Elektroautos, Väter tragen Rolex, Mütter lassen sich bei „Doctor Fish Spa“ Hautschuppen von den Beinen knabbern. Für Fußball interessiert sich kaum jemand.
Als Russland den Confed Cup gegen Neuseeland eröffnete, standen zehn Minuten vor dem Anpfiff zwanzig Fans, vier Polizisten und zwei Autos vor einer Leinwand im Jachthafen von Sotschi. Es war ein offizielles Public Viewing.
Mittwoch soll es übrigens wieder regnen.
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