Lust an der politischen Debatte
Er sprach über das Leben in der DDR, damals, vor 15 Jahren. Sie war Zeitungsredakteurin und schrieb über den offiziellen Termin.
Daniela Schadt (55) war sofort beeindruckt von Joachim Gauck (75), damals Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Bewunderung klingt noch heute in ihrer Stimme, wenn sie erzählt, wie der charismatische Redner den Zuhörern die SED-Diktatur erklärte.
Seine Liebeserklärung an sie ist direkter: Der heutige Bundespräsident schätzt ihre Herzlichkeit und „eine ganz natürliche, ungekünstelte Menschenfreundlichkeit“. Das sei „ein großer Schatz“.
Daniela Schadt und ein Kollege sowie Joachim Gauck gingen damals noch etwas trinken. Gauck lud sie daraufhin nach Berlin ein. Es hat dann aber noch einige Treffen gedauert, bis sich die Herzen fanden.
Die behütet aufgewachsene Daniela Schadt war nie in der DDR. Der Vater von Joachim Gauck war politisch Verfolgter. Politik ist beiden wichtig, aber bei ihr Leidenschaft, bei ihm schon früh Aufgabe. Die Lust an der Debatte eint sie. „Ich kritisiere ihn auch und widerspreche ihm, es wäre ja äußerst langweilig, wenn wir immer einer Meinung wären“ sagt sie selbstbewusst. Nur weil ihr Lebensgefährte das höchste Amt im Staat hat, erstarrt sie nicht vor Ehrfurcht.
Mit dem Finger auf Missstände zeigen
Ganz unspektakulär lernten sich die Schauspieler Yvonne Catterfeld (35) aus Erfurt und Oliver Wnuk (39), geboren in Konstanz am Bodensee, bei einem Dreh kennen. Vor einem Jahr kam ihr Söhnchen zur Welt. Heute lebt die Familie im Ostteil von Berlin.
Das Thema „Ost-West“ war für beide nie wichtig. Aber: „In unserem gemeinsamen Berlin kommen wir beim Anblick der Mauerreste regelmäßig ins Sinnieren“, erzählten sie in einem Interview. „Denn jeder von uns hat zumindest einen Bekannten, der eine unfassbare Familiengeschichte erleben musste. Das sind Familien, die in der Entstehungszeit der DDR auseinander- gerissen wurden und nach deren Zusammenfall nur schwerlich wieder zusammenwachsen konnten.“
Noch immer sehen sie nicht alles zusammengewachsen, was zusammengehört. „Auf gesellschaftliche Missstände wie unterschiedliche Bezahlung in Ost und West sollten wir mit dem Finger zeigen, nicht auf angeblich charakterliche Unterschiedlichkeiten.“
Von Tomatensoßen, einem Frusturlaub und Märchenfilmen
An der Tomatensoße lassen sich Ost-West-Unterschiede erkennen. Maria (32) mag sie aus Mehl, Zucker, Ketchup. Ihr Mann Marco (41) bevorzugt eine Bolognese mit Hackfleisch. Und wie lieben ihre gemeinsamen Kinder Mathilda (5) und Matthäus (3) ihre Spaghetti? Maria und Marco Löhe lachen: „Nach Ost-Manier!“ Also Mehl, Zucker, Ketchup.
Maria aus Pasewalk, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, und Marco aus Berlin (West) lernten sich vor zehn Jahren kennen. Da machte sie gerade ihre Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte. Er erinnert sich noch ganz genau, weil sie ihm schon vorher aufgefallen war. „Als sie zu mir in die IT-Abteilung kam, erkannte ich sie gleich wieder.“ Verliebt hat er sich „in ihr einnehmend offenes Gesicht, so dass ich da nicht wegschauen konnte“.
Als sie das erste Mal gemeinsam verreisten, an die Nordsee, wo Marco mit seinen Eltern immer Urlaub gemacht hatte, da war Maria enttäuscht – über Ebbe und Flut. „Das kannte ich nicht von der Ostsee, an der ich mein bisheriges Leben lang Urlaub gemacht hatte. Dass das Meer weg war, gehörte für mich einfach nicht dazu.“ Ohne das ständige Wellenrauschen wurde sie ein wenig traurig.
Maria und Marco haben inzwischen viele Urlaube an beiden Meeren verbracht, je nach Laune. „Es sind wirklich verschiedene Landschaften“, sagt sie. „Immer Wasser oder Wattspaziergänge, da liegt die Entscheidung.“
Das Meer ist eine große Gemeinsamkeit der zwei. „Wir lieben die Freikörperkultur“, sagt Marco Löhe. Mit seinen Eltern war er im ehemaligen West-Berlin Mitglied eines FKK-Clubs. Eher ungewöhnlich für westdeutsche Verhältnisse.
„Nackt war im Westen schwierig, weil es nur an extra ausgeschilderten Plätzen erlaubt war“, erzählt Marco. In der DDR war es normal gelebte Freizeitkultur. „Noch heute mischen sich im Osten ,nackt’ und ,angezogen’ ganz ungezwungen.“
Dies war auch für Maria Löhe eine Selbstverständlichkeit. Ihre Eltern haben einen Wohnwagen auf Usedom. „Auf dem Zeltplatz leben wir mit unseren Kindern auch heute unkompliziert Nacktheit.“
Stichwort unkompliziert. Marco gibt zu, dass seine Sicht auf die DDR lange Zeit getrübt war. Früher machte er sich gerne mal über die „so komisch mit den unmodernen Jeans angezogenen Ossis“ lustig. Er sagt heute: „Man wusste nicht wirklich, was ,da drüben’ war.“
Im Bücherregal der Familie Löhe stehen viele Filmkassetten. Die von Maria bereits als Kind so innig geliebten Defa-Märchenfilme waren Marco unbekannt. „Inzwischen habe ich sie lieben gelernt. Die Darsteller sind Menschen, keine Animationen – das ist viel einfach schöner gemacht.“ Zu Weihnachten flimmern sie bei der jungen Familie über den Bildschirm.
Maria Löhe brachte noch mehr Kindheitserinnerungen in die Ehe. Pittiplatsch und Schnatterinchen, die (auch im Westen) beliebten Stars aus dem „Sandmännchen“-Programm im Fernsehen der DDR, sind die vielgeliebten Kuscheltiere von Mathilda und Matthäus. „Für die Kinder wie für mich sind sie einfach zum Knuddeln.“
Andere Rest-Erinnerungen von Maria Löhe an die DDR sind die Milchflaschen mit den bunten Metalldeckeln aus dem Konsum und Ananas aus der Dose. „Das war ein sehr außergewöhnlicher Geschmack.“
Außergewöhnlich geht es auch in der Küche der Familie Löhe zu. „Mein Mann kocht gerne exotisch, ist experimentierfreudig“, sagt Maria. „Für mich ist das lecker, aber eigentlich mag ich lieber Hausmannskost wie in meiner Kindheit.“
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