Letzter SED-Generalsekretär wird am Sonntag 80

Hat Krenz DDR-Demenz?

In dem Land seiner Erinnerung sei nicht alles marode und schlecht gewesen

Norbert Koch-Klaucke
Lesezeit 3 Min
Egon Krenz bei einem Spaziergang durch seine Heimatstadt Ribnitz-Damgarten (Mecklenburg-Vorpommern)

Egon Krenz bei einem Spaziergang durch seine Heimatstadt Ribnitz-Damgarten (Mecklenburg-Vorpommern)

© dpa

Er war einer der Mächtigen in der DDR. Wegen seiner Mitverantwortung für die tödlichen Schüsse an der Mauer saß er sogar im Gefängnis. Doch Mauertote und Stasi hat Egon Krenz jetzt wohl vergessen. Denn kurz vorm 80. Geburtstag, den er am Sonntag feiert, lässt er die DDR wieder mächtig hochleben.

Die Deutsche-Presse-Agentur traf Krenz in Ribnitz-Damgarten, wo er lebt. Er wirkt rüstig und agil. „Ich jogge nicht mehr zehn Kilometer wie früher. Mit schnellem Gehen und Fahrradfahren halte ich mich fit.“ Und er ärgert sich. Zum Beispiel, wenn Krenz über die DDR liest, meint er oft, dass über ein anderes Land berichtet wird. Nicht über das Land, an dessen Spitze Krenz in der Wendezeit als Generalsekretär des ZK der SED und als Staatsratsvorsitzender stand. „Ich erwarte keine Loblieder. Die Wahrheit aber schon.“

Egon Krenz suchte gerne die Nähe zu DDR-Promis wie Eis-Star Kati Witt.

Egon Krenz suchte gerne die Nähe zu DDR-Promis wie Eis-Star Kati Witt.

© IMAGO

Seine Wahrheit über die DDR geht so: „Es hat nicht nur Widerständler gegeben, sondern Millionen Menschen, die das Land aus Ruinen aufgebaut und gerne in ihm gelebt haben“, sagt Krenz. Oft treffe er Leute, die sagten, dass es schade sei, dass es die DDR nicht mehr gibt.

Krenz fordert, dass die DDR nicht darauf reduziert werden darf, dass ein Millionenvölkchen hinter einer Mauer mit einer schrottreifen Wirtschaft und der Stasi gelebt hat. Die DDR sei doch nicht nur marode gewesen.

„Warum sind Politiker und Konzernchefs zur Leipziger Messe gekommen, und wollten mit uns Geschäfte machen?“ Der Westen hätte die DDR als ein stabiles Land betrachtet, mit dem man gute Geschäfte machen konnte. Die Abschlussbilanz habe bei einem Minus von 19,9 Milliarden D-Mark gelegen. „Davon geht doch kein Staat bankrott?“, so Krenz. Experten sehen das anders. Nach ihrer Meinung war die DDR-Wirtschaft in großen Teilen hoffnungslos veraltet und heruntergewirtschaftet.

Und die Stasi, unter denen laut Historikern eine siebenstellige Zahl von politisch Verfolgten zu leiden hatte? Krenz streitet nicht ab, dass es beim MfS Dinge gab, die nicht gutzuheißen sind. „Aber wir haben doch auch heute Geheimdienst-Probleme in Deutschland“, sagt er. Auch die DDR habe selbstverständlich ein Sicherheitsbedürfnis gehabt.
„Damit verkennt Krenz den gravierenden Unterschied zwischen der Geheimpolizei von Diktaturen und den Geheimdiensten in Demokratien“, sagt der Chef der Rostocker Stasi-Unterlagenbehörde, Volker Höffer.

Das entscheidende Augenmerk einer Geheimpolizei wie der Stasi liege auf der politisch motivierten Überwachung und Verfolgung der eigenen Bevölkerung. Höffer kritisiert, dass Krenz eine differenzierte Sichtweise auf die DDR fordert, selbst aber dazu nicht fähig sei.

Honecker verleiht seinem Kronprinzen den Karl-Marx-Orden.

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© Berliner Verlag

Wie beim Thema Bildung. Es werde immer gesagt, Kinder aus Oppositionsfamilien wurden von einer höheren Bildung ausgeschlossen. „Es war nicht so, dass jeder, der eine andere Meinung hatte, nicht zur Oberschule gehen konnte“, bestreitet Krenz solche Thesen.

Als Beweis müssen der Noch-Bundespräsident und die Kanzlerin herhalten. „Das sind alles studierte Leute, die haben nicht im Himmel studiert. Wie konnten Herr Gauck oder Frau Merkel zur Oberschule gehen und studieren?“ Dabei verkennt Krenz nach Ansicht von Historikern die vielen abgebrochenen und zerstörten DDR-Biografien wegen mangelnder Bildungschancen, weil die politische Haltung nicht konform war.

Egon Krenz fordert dagegen von Historikern eine gerechte Aufarbeitung der DDR. Er bedauert, dass das Ziel vieler Menschen im Osten 1989 gescheitert ist. Sie wollten nicht den Anschluss an den Westen, sondern den Sozialismus in der DDR verbessern, glaubt Krenz.

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