Letzte Tournee

Ein Kiss zum Abschied

Sänger Paul Stanley (66) zieht Bilanz – mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Olaf Neumann
Lesezeit 6 Min
Paul Stanley bei einem Konzert vor drei Jahren. Da feierten Kiss ihr 40-jähriges Bestehen. 

Paul Stanley bei einem Konzert vor drei Jahren. Da feierten Kiss ihr 40-jähriges Bestehen. 

© imago/Future Image

Kiss zählen zu den weltweit erfolgreichsten Bands. Nach den Rolling Stones und Beatles heimsten die Rocker die meisten goldenen Schallplatten ein. Das Quartett geht 2019 letztmalig auf Tour, es tritt am 4. Juni in der Waldbühne auf. Ein Interview mit Frontmann Paul Stanley (66).

KURIER: Die Abschiedstournee von Kiss steht unter dem Motto „The One Last Kiss: End of the Road World Tour“. Fällt es Ihnen leicht, goodbye zu sagen?

Paul Stanley: Ich denke, ja. Ich möchte aber nicht so weit gehen und es als Befreiungsschlag bezeichnen. Es war natürlich eine große Entscheidung zu sagen, dass wir ein letztes Mal auf Welttour gehen wollen mit allen Hits und weiteren Songs, die wir in unserer Karriere gemacht haben. Wir möchten uns bei unseren Fans bedanken mit der fettesten Show überhaupt. Die Alternative wäre gewesen, ganz normal weiterzumachen und langsam dahinzuschwinden. Kiss ist aber keine Band, die einfach verrauscht, sondern wir wollen uns mit der explosivsten Show aller Zeiten verabschieden, damit wir so in Erinnerung bleiben, wie wir immer waren.

Was genau meinen Sie mit der größten Show aller Zeiten?

Es ist eine komplett neue Show. Sie hat nichts mit den Bühnen aus der Vergangenheit zu tun; sie ist bombastisch! Es gibt noch mehr von allem. Wir werden auch länger spielen als sonst – ein großer Unterschied zu den Tourneen in den letzten Jahren.

Die Band Kiss wurde 1973 in New York gegründet.

Die Band Kiss wurde 1973 in New York gegründet.

© (Promo)

Haben Sie vor, sich ganz von der Musik zurückzuziehen und nur noch zu malen oder designen?

Ich will alles machen! Für mich gibt es viele Möglichkeiten, kreativ zu sein. Ich will auf jeden Fall weitermachen. Musik ist mir natürlich sehr wichtig, aber die Kunst nimmt auch einen großen Teil meines Lebens ein. Ich designe gerne Kleidung, meine beiden Schuhmodelle für Puma haben sich weltweit sehr gut verkauft. Davon wird es auf jeden Fall mehr geben. Ich habe nicht vor, von der Bildfläche zu verschwinden. Aber nach dieser Tour werden Kiss nie wieder in Ihrer Stadt spielen.

"Manchmal glaube ich, den Verstand zu verlieren."

Werden Sie noch gelegentlich in Ihrer Heimatstadt Los Angeles spielen?

Nein. Nach dieser Welttour wird es keine weiteren Tourneen geben.
Ein deutscher Schlager behauptet, das Leben fange mit 66 Jahren erst an.

Wie fühlen Sie sich als Mann in diesem Alter?

Manchmal glaube ich, den Verstand zu verlieren, weil ich mich immer noch wie 26 fühle. Wenn das Leben wirklich erst mit 66 beginnt, dann habe ich noch einen langen Weg vor mir.


Zur Person

Paul Stanley alias Stanley Bert Eisen wurde 1952 in New York als Sohn eines polnisch-deutschen Ehepaars geboren, das vor den Nazis in die USA geflohen war. Obwohl von Geburt an auf einem Ohr taub, schloss er sich 1970 der Band Wicked Lester an, aus der Kiss hervorging. Die fast immer geschminkt auftretenden Hardrocker wurden 2014 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen und verkauften bis heute über 100 Millionen Platten.

Nach mehreren Tausend Konzerten auf Plateausohlen musste Stanley sich 2004 eine neue Hüfte einsetzen lassen; sieben Jahre später wurde er an den Stimmbändern operiert. Im Dezember 2016 lehnten Kiss die Einladung von Donald Trump ab, bei der Zeremonie zu seiner Amtseinführung aufzutreten. Paul Stanley lebt mit seiner zweiten Ehefrau Eva Shane in New York; er hat vier Kinder.  


Wenn ist man zu alt für Rock’n’Roll?

Jeder Mensch hat das Recht, das weiterzuverfolgen, was ihm Freude bereitet. Das kann einem niemand verbieten. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie lange er etwas macht. Manchmal sagen Leute über Künstler oder Sportler: „Ich habe ihn noch erlebt, als er wirklich groß war. Ich wünschte, er würde aufhören, weil ich ihn so nicht in Erinnerung behalten möchte.“ Aber man muss da ja nicht hingehen.

Kiss ist heute einer der bekanntesten Markennamen der Welt. Haben Sie noch Visionen für die Marke Kiss?

Natürlich. Kiss ist mehr als nur eine Liveband, Kiss ist eine Lebenseinstellung. Die Vorstellung, dass nach uns niemand mehr ein Kiss-T-Shirt tragen wird, wäre naiv. All das geht ja weiter.

"Ich plane meinen Tod nicht."

Sie verkaufen sogar Kiss-Särge.

Es gibt sie, ja, aber wir zwingen niemand, sich da hineinzulegen. Ich sage aber auch: Warum sollte es diese Dinge nicht geben?

Möchten Sie in einem Kiss-Sarg bestattet werden?

Ich plane meinen Tod nicht.

Für viele Ihrer Fans sind Sie mehr als ein Idol – ein Rock-Gott. Wie fühlt sich das an?

Wenn ich jemanden inspiriere oder für ihn ein Idol bin, dann finde ich das okay. Ich bin aber kein Prediger, der auf einem Sockel oder Altar steht und Leuten sagt, was sie tun oder lassen sollen. Mir hören Leute zu, weil ich nicht viel anders bin als sie selbst. Vielleicht habe ich in meinem Leben ein paar weise Entscheidungen getroffen und habe ein tolles Leben, aber ich sage niemandem, wie man das erreichen kann. Meine letzte Rolle ist, Menschen zu sagen, dass sie alles erreichen können, wenn sie nur hart genug arbeiten. Ich bin eher hier, um Stimmung zu machen und Menschen anzuschubsen.

Sie leben den amerikanischen Traum. Was ist vom „American Dream“ geblieben?

Alles! Trotz des Aufruhrs, der in meinem Land zurzeit herrscht und in der Vergangenheit des Öfteren geherrscht hat, gibt es diesen Traum noch. Das Leben hier kann sein wie eine Fahrt auf der Achterbahn, aber es geht sehr oft gut aus.

"Ich fühle mich immer noch wie 26", sagt Paul Stanley.

"Ich fühle mich immer noch wie 26", sagt Paul Stanley.

© (imago)

Was würden Sie als erstes tun, wenn Sie Präsident der Vereinigten Staaten wären?

Zurücktreten!

"Mein Verhältnis zu Deutschland ist fabelhaft."

Warum?

Weil es ganz wichtig ist zu wissen, zu was man persönlich fähig ist und zu was nicht. Wir müssen unsere Stärken und Schwächen kennen. Ich wünschte, mehr Menschen könnten ihre Fähigkeiten besser beurteilen. Dann wäre die Lage viel entspannter.

Ihre Mutter wurde in Berlin geboren, Ihr Vater in Polen. Viele Ihrer jüdischen Vorfahren wurden von den Nazis ermordet. Mit welchen Gefühlen kamen Sie anfangs nach Deutschland?

Viele der Freunde meiner Eltern hatten eintätowierte Nummern auf dem Unterarm. So brutal tätowierte die SS KZ-Häftlinge. Meine Mutter ist mit ihren Eltern aus Berlin nach Amsterdam geflohen, sie konnten damals nur ihr nacktes Leben retten. Aber sie mussten auch aus Amsterdam fliehen. Mein Verhältnis zu Deutschland war geprägt von Geschichtsbüchern und anfangs ganz sicher nicht positiv. Mit der Zeit musste ich aber die Erfahrung machen, dass es in Deutschland eine neue Generation gibt. Die Dinge haben sich von Grund auf geändert. Dadurch konnten die Gräueltaten der Nazis zwar nicht ausradiert werden, aber ich finde, dass man Menschen an ihren eigenen Handlungen beurteilen sollte und nicht an denen ihrer Eltern. Mein Verhältnis zum heutigen Deutschland ist fabelhaft. Die Leute, mit denen ich zu tun habe, sind großartig.

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