KURIER-Serie: Meine zweite Seite

Mein Name ist Tomasz ...und ich bin 'ne echte Diva

Berliner Tomasz Reichelt (54) steht als Damen-Imitator auf den Bühnen der Welt.

Florian Thalmann
Lesezeit 6 Min
Tomasz als rothaariger Bühnenstar

Tomasz als rothaariger Bühnenstar

© Privatarchiv Tomasz Reichelt/Hoffotografen

Bild aus der Kindheit: Tomasz Reichelt, als Rotkäppchen verkleidet.

Bild aus der Kindheit: Tomasz Reichelt, als Rotkäppchen verkleidet.

© privat

Zwei lange, blonde Flecht-Zöpfe fallen links und rechts über seine Schultern. So fing alles an: mit Rotkäppchen.

Noch heute erinnert er sich gut daran – „das Tragen dieses Kostüms war ein einschneidender Moment in meinem Leben“, sagt er. Tomasz sitzt in einem Café im Wedding, seinem Kiez, und lächelt. Im zarten Alter von fünf Jahren habe er sich gern verkleidet. „Ich war mal Cowboy, mal Prinzessin, mal Prinz.“ Doch dieses eine Mal, als er zum Fasching ging, war er Rotkäppchen. „Meine Mutter brachte meinen Bruder und mich zur Schule. Auf dem Weg trafen wir eine Arbeitskollegin. Sie sah mich an und sagte zu Mama: ,Mensch, du hast ja eine Tochter – ich dachte bisher, du hast zwei Söhne‘.“

Dem kleinen Tomasz wurde klar: Es ist so leicht und schön, für andere Menschen eine Illusion zu erzeugen, sie mit einer Rolle zu verzaubern.

Die Leidenschaft aus seiner Kindheit machte Tomasz zum Beruf – heute ist er als Damen-Imitator auf den Bühnen der Welt unterwegs und schlüpft in die Rolle einer rothaarigen Diva. „Ich trug schon als Kind lieber Röcke als Hosen, wenn ich mich verkleidete. Meine Mutter schimpfte immer, wenn ich ihre High Heels ruinierte, weil ich mit meinen kleinen Füßen kein Gleichgewicht fand. Und nun habe ich für die Frau, die in mir schlummerte, auf der Bühne eine Nische gefunden“, sagt er.

Tomasz Reichelt (54) ganz privat

Tomasz Reichelt (54) ganz privat

© Thomas Uhlemann

Andere würden Tomasz einen „Travestie-Künstler“ nennen – doch den Begriff mag der Berliner nicht. Er wolle die märchenhafte Karikatur einer Frau zeichnen, eine „mobile Großraumillusion“ sein. Wenn Diva, dann richtig.
Die Bühne hatte für Tomasz immer einen faszinierenden Zauber. Schon früher begeisterte er sich für Bauchtanz, trat ab 1985 damit auf. „Da war ich als Mann eine Rarität.“ Später sang er, stand mit klassischer Travestie auf der Bühne, unter anderem im Staatstheater Kassel. „Damals imitierte ich Monroe und Minelli, machte die Diven nach. Bis ich dachte: Eigentlich ist es nur ein Film, der abläuft.“

Tomasz schlug einen anderen Weg ein. Er ging zur Fachoberschule für Gestaltung, hatte Lust, beruflich in die grafische Richtung zu gehen, „noch heute male ich in meiner Freizeit Aquarelle“, sagt er. Auch die Fotografie faszinierte ihn – er lernte die Kunst, arbeitete sechs Jahre als Fotograf. Wegen einer Beziehung ging er 1993 von Kassel nach Berlin, doch die Liebe hielt nur zwei Monate. „Also stand ich in Berlin, allein, ohne Job, ohne alles.“ Er besann sich auf seine Erfahrung im Varieté.

Auftritte im „Schwuz“ und im Nachtsalon der Bar jeder Vernunft folgten. Und nach und nach erblickte seine heutige Figur das Licht der Welt, eine befreundete Maskenbildnerin half. Seine Diva ist eine rothaarige Dame, inspiriert von einer Rolle in „La Cage aux Folles“, dem Käfig voller Narren. Sie hat ein reifes Alter, ist moralisch, kann allerdings auch schlüpfrig sein. Sie spielt mit der Phantasie der Zuschauer, lässt schmutzige Gedanken zu, aber spricht sie nicht aus. „Sie redet weniger als ich, ist etwas geordneter“, sagt er. Kurze Pause. „Ich liebe sie.“ Ohne Liebe geht es nicht, wenn man so lange gemeinsam durchs Leben geht. Er lacht. „Wir sind inzwischen ein altes Ehepaar.“

Auf der nächsten Seite: Böse Kommentare - „Du bist zu fett dafür‘.“

Er wolle eine Figur erzeugen, die es für die Zuschauer wirklich geben kann. Tatsächlich ist die Verwandlung nur schwer zu begreifen: Beim Interview sitzt Tomasz im Café, wer ihn sieht, sieht einen gestandenen Kerl. Blaue Hose, dunkles Sakko, Glatze. Dann zeigt er Bühnenfotos.

Eine Dame mit Glitzer-Corsage und schwarzer Federboa, die roten Locken fallen auf die Schultern, der Blick: lasziv. Es ist Tomasz, auch wenn es kaum zu glauben ist. Eine perfekte Illusion, für die der Künstler immer wieder weite Wege geht. „Ich entwerfe und schneidere meine Kostüme meistens selbst.“ Auch ein perfektes Make-up gehört dazu – eine Kunst, die er erst lernen musste.

„So ist es bei jedem Handwerk. Je älter ich werde, desto länger brauche ich dafür. Ein junges, glattes Gesicht kann man besser schminken.“ Nur einmal im Leben habe er mit der Verwandlung bisher Schwierigkeiten gehabt – als seine Mutter starb. „Wenn ich mich damals schminkte, fiel mir auf, wie ähnlich ich ihr sah, ich erkannte mich nicht wieder.“ Gänsehaut vor dem Spiegel.

Beim Schminken passiert die Verwandlung zur rothaarigen Diva.

Beim Schminken passiert die Verwandlung zur rothaarigen Diva.

© Privatarchiv Tomasz Reichelt/Hoffotografen

Heute singt und tanzt er sich über die Bühnen Deutschlands und der Welt, ist als „Diva Tomasz“ oder als Tänzer in Varietés zu sehen. Einer der Höhepunkte seiner Karriere: Tomasz trat als Tänzer in der britischen Show „The Royal Variety Performance“ auf, Queen Elizabeth nannte ihn einen „brillianten Tänzer“. „Darauf bin ich stolz.“ Ob Queen oder kleines Theater – vor Auftritten als Lady hat er Lampenfieber, klar, doch irgendwann legt sich der Schalter um. „Dann ist sie plötzlich da.“ Sie, die Diva.

Auch ein Leben im Rampenlicht ist aber nicht immer glitzernd. Einmal trat Tomasz in Pforzheim auf, im Rahmen einer Silvester-Show. Eine Zeitung schrieb danach: „Artistik und laue Travestie“. „Ich weinte bitterlich, fühlte mich persönlich angegriffen“, sagt er. Auch die Zuschauer sind nicht immer offen für diese Art des Schauspiels. „In Dinner-Varietés gibt es auch mal böse Kommentare. Einmal rief eine betrunkene Zuschauerin: ,Du bist zu fett dafür‘.“ Viele haben aber eher Angst, sagt er. „Wenn ich ins Publikum gehe, fangen manche an, aus heiterem Himmel ihr Silber zu polieren.“ 

Doch Tomasz lehnt es grundsätzlich ab, Witze auf Kosten des Publikums zu reißen. Andere tun das. „Sie sind auf Schenkelklopfer und Zoten aus. Aber warum soll ich die Menschen verspotten, die mir mein Brot finanzieren?“ Wichtig ist ihm auch das Verständnis für Frauen. „Durch die Rolle weiß ich, was sie durchmachen. Nach einer Stunde auf Stöckelschuhen möchte man am liebsten ein Bad nehmen.“
Am 15. Juli tritt die Diva auf dem schwul-lesbischen Straßenfest in Berlin auf, dann glitzert die rote Mähne auf der Bühne am Nollendorfplatz. Interessant übrigens: Die reife Bühnen-Lady scheint tatsächlich Wurzeln in Tomaszs Kindheit zu haben. Denn ein Rotkäppchen ist er geblieben.

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