KURIER Serie: Meine zweite Seite

Ich studiere Informatik und bin eine Manga-Heldin

Nika träumt von einer Karriere als Roboter-Expertin. Privat wird sie zur Anime-Figur.

Florian Thalmann
Lesezeit 6 Min
Nika vor dem Uni-Gebäude in Adlershof. Die junge Frau studiert technische Informatik, testet gerade neuartige Navigationssysteme.

Nika vor dem Uni-Gebäude in Adlershof. Die junge Frau studiert technische Informatik, testet gerade neuartige Navigationssysteme.

© Markus Wächter

Die Nika, die morgens das Gelände des DLR in Adlershof betritt, testet neuartige Navigationssysteme und will später Roboter entwickeln. Die Nika, die am Nachmittag die Uni verlässt, wird in ihrer Freizeit auch mal zum Pokémon – sie ist „Cosplayerin“, widmet ihre Zeit einer Verkleidungskunst aus Japan, die in unseren Breiten immer mehr Anhänger findet. Nika kommt ursprünglich aus dem weißrussischen Minsk, zog mit ihrer Familie aber bereits im Alter von vier Jahren nach Schöneiche bei Berlin.

Das Foto zeigt Nika als Ran Yakumo – das ist eine Figur des japanischen Spiele- Projektes „Touhou“.

Das Foto zeigt Nika als Ran Yakumo – das ist eine Figur des japanischen Spiele- Projektes „Touhou“.

© zVg/make.Photography

Schon in ihrer Schulzeit begeisterte sich die junge Frau für Technik. „Als ich in der neunten Klasse war, sah ich mir im Internet Videos von Robotern an“, erzählt sie. Sie war fasziniert von den Technologien. „Es ist doch verrückt, was alles möglich ist. Mich fasziniert, wie schwierig es ist, Menschen mit Hilfe von Technik nachzubauen – und dass es doch gelingt.“ 

Für Nika sind solche Maschinen die Zukunft. „Es gibt heute schon Serviceroboter, die eingesetzt werden, um Kunden zu bedienen. In Japan steht sogar ein Hotel, das nur auf Technik setzt – hier kann man am Eingang wählen, ob man von einer Frau oder einem T-Rex bedient werden möchte.“ Sie lacht. „Da hinzufahren wäre echt ein Traum.“

Nach dem rudimentären Informatikunterricht in der Schule entschied sie sich für das Studium, zog dafür von Berlin nach Rostock und lernte Programmiersprachen, Mathe, Elektronik, Elektrotechnik. Ein schweres Studium, das jeder beginnen kann, das aber nur wenige beenden. „Wir waren am Anfang 30 Studenten, jetzt sind wir noch drei oder vier. Viele schätzen das falsch ein und denken, sie können ein bisschen am PC herumspielen.“

Gerade arbeitet Nika am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum, testet Indoor-Navigationsgeräte. Es klingt nach Männerdomäne. „Ich bin tatsächlich die einzige Frau“, sagt sie. Dafür gab es schon argwöhnische Blicke und Kommentare. „Ich bekam auch zu hören, dass ich es im Berufsleben leicht haben werde, weil ich eine Frau bin und auch in solchen Berufen eine Quote erfüllt werden muss“, sagt sie.

In der bunten Szene der Kostüm-Fans gibt es so etwas nicht. „Dort ist es egal, wer man ist, was man trägt und worauf man steht“, sagt Nika. Es ist einer der Gründe, warum sich die junge Frau im Laufe der Jahre immer mehr für die Szene begeisterte. Dabei kam die Lust am Verkleiden schon in ihrer Kindheit auf. „Ich habe mich als kleines Mädchen gern kostümiert.

Nika als Pokémon „Psiana“.

Nika als Pokémon „Psiana“.

© zVg/acorea

Halloween und Fasching waren für mich besser als Weihnachts- und Geburtstagsfeste!“ Zum Grusel-Fest zog sie mit einer Freundin um die Häuser, wenn die Eltern es erlaubten – als Hexe oder Vampir-Frau. Als 16-Jährige stieß sie auf den „Cosplay“-Trend. „Es hörte sich interessant an. Was das genau war, wusste ich damals aber noch nicht.“

„Cosplay“ („Kostüm-Spiel“) ist ein Verkleidungstrend aus Japan. Schon 1990 erreichten erste Ausläufer Europa und die USA. Anhänger der Szene verkleiden sich in ihrer Freizeit als Figuren aus Mangas, Filmen oder Spielen, als Superhelden, Prinzessinnen und Bösewichter. Sie versuchen, die Vorbilder originalgetreu nachzuahmen, treffen sich auf Events. In Berlin tummeln sich die Anhänger beispielsweise auf dem Japan-Festival.

Aus dem Anime „Magi – The Labyrinth of Magic“ kommt dieses Kostüm – hier ist Nika die Kaiserin Kougyoku Ren.

Aus dem Anime „Magi – The Labyrinth of Magic“ kommt dieses Kostüm – hier ist Nika die Kaiserin Kougyoku Ren.

© zVg/Amapolchen

In der Hauptstadt kam Nika erstmals mit der Szene in Kontakt: Sie zog sich eine bunte Strickjacke an, setzte sich eine Perücke auf und besuchte die AniMaCo, die Anime- und Manga-Convention.

„Mir war das Konzept am Anfang nicht ganz klar, aber es machte Spaß“, sagt sie heute. Ihre Mutter meldete sie bei einem Nähkurs an – denn die meisten Cosplayer mache ihre Kostüme selbst. Spontan entschied sie dann, das erste Outfit zu basteln.

Sie breitete gelben Stoff auf dem Boden der Wohnung aus, legte sich darauf und ließ ihre Umrisse abzeichnen, schnitt alles aus und nähte es zusammen. So entstand ein Overall, der Pokemon-Figur „Pikachu“ nachempfunden. Sicher nicht professionell, aber es zeigte Wirkung. Auf einem Event, rannte plötzlich ein fremdes Mädchen auf sie zu. „Sie rief ,Oh mein Gott, du bist Pikachu‘ und umarmte mich, das war wirklich toll!“

Im Laufe der Zeit wurde Nika professioneller. „Richtig intensiv fing ich an, als ich für mein Studium nach Rostock zog. Ich nähte pro Jahr sechs, sieben Kostüme, 25 habe ich inzwischen angesammelt“, sagt sie. Die Ideen nimmt sie in den meisten Fällen aus Anime-Serien, manchmal auch aus dem Internet – hier gibt es viele Foren, in denen Hobby-Zeichner die Manga-Figuren vermenschlichen und damit Steilvorlagen für Kostüme liefern. Die fertigen Outfits sind kleine Meisterstücke.

Nika als Pokémon Vulnona.

Nika als Pokémon Vulnona.

© zVg/acorea

Für ein Kostüm brauchte sie mehrere Schweife. „Also kaufte ich Kunstfell für 170 Euro und färbte es ein.“ Für ein anderes Outfit baute sie eine riesige Sense als Waffe, sie ragte ihr noch einen halben Meter über den Kopf. „Auf Veranstaltungen sind diese Kostüme nicht immer praktisch. Einmal baute ich eine Rüstung, die so riesig war, dass ich für den Transport den größten Koffer brauchte, den ich fand. Da passte trotzdem nichts anderes mehr rein.“

Heute reist sie alle drei Monate zu Kostüm-Events. „Meine Motivation ist inzwischen eine andere. Ich habe erkannt, das es in der Szene nicht nur um die Kostüme geht, sondern auch darum, neue Leute zu treffen, Freundschaften zu schließen.“

Die Anime-Reihe „One Piece“ läuft seit 1997, Koala ist eine der weiblichen Figuren.

Die Anime-Reihe „One Piece“ läuft seit 1997, Koala ist eine der weiblichen Figuren.

© zVg/vwpic

Leider, sagt sie, zieht die Szene aber auch Verrückte an. „Viele Kostüme sind sehr sexy – es gibt Jungs, für die das leider eine Einladung ist, direkt zuzugreifen“, sagt sie. Dafür geben die Kostüme gerade jungen Frauen auch Selbstvertrauen. „Es gibt Leute, die kein Selbstbewusstsein haben, die dadurch sicherer werden, weil sie für ihre Kostüme bewundert werden. Dank Cosplay fühlen sie sich in ihrem Körper wohler.“

Auch sie habe bis jetzt nur positives Feedback bekommen, vor allem von Mama, die sie zum ersten Nähkurs anmeldete. „Heute schicke ich ihr immer Fotos meiner Kostüme, sie zeigt die Bilder auf der Arbeit stolz den Kollegen und prahlt, was für eine coole Tochter sie hat“, sagt Nika und lacht.

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