So geht es wahrscheinlich vielen, deren Arbeitsgerät ein Plattenteller ist. Der Unterschied ist: Mittanzen – das kann Mike Ruppert nicht. „Moment“, sagt er. „Klar kann ich das. Letztens habe ich bei einer Feier in Braunschweig aufgelegt. Da hatte ich meinen Falt-Rolli dabei. Mit dem bin ich so beweglich, dass die Leute immer Angst haben, dass ich aus dem Rollstuhl fliege.“ Er lacht. „Mit dem elektrischen bin ich langsamer, aber mit dem faltbaren hab’ ich ordentlich Schwung! Geht nicht gibt’s bei mir nicht.“
Das geflügelte Wort – bei Mike Ruppert trifft es zu. Seit seiner Geburt ist der heute 35-Jährige an den Rollstuhl gefesselt. Und dennoch tut er alles für seinen großen Traum: Er kämpft dafür, ein richtig bekannter DJ zu werden.
Schon sein ganzes Leben lang kämpft sich Ruppert durch seinen Alltag
Ruppert leidet an sogenannter Tetraspastik – der Mediziner versteht darunter eine Lähmung aller vier Gliedmaßen. Sie wird hervorgerufen durch eine Schädigung der Pyramidenbahn, die zwischen Gehirn und Rückenmark verläuft und die Motorik des Körpers steuert. „Bei mir wurde das durch Sauerstoffmangel ausgelöst“, sagt Ruppert. „Aber weil es seit meiner Geburt so ist, kenne ich es nicht anders.“
Schon sein ganzes Leben lang kämpft sich Ruppert durch seinen Alltag, wird immer auch mit großen oder kleinen Schwierigkeiten konfrontiert – um sie zu bewältigen, wird er fast immer von einem Assistenten begleitet. Einfacher wird es damit aber nicht immer.
„Das DJ-Pult zu bedienen fällt mir nicht schwerer als andere Dinge im Alltag“, sagt Mike Ruppert. Wer ihn buchen möchte, kann über Facebook (www.facebook.com/djmikeruppert) oder per Mail (mikeruppert81@web.de) Kontakt aufnehmen.
© Thomas Lebie
„Wer auf einen fahrbaren Untersatz angewiesen ist, muss natürlich auch ständig längere Wege einplanen“, sagt er. „Besonders die Fahrstühle sind in Berlin ein großes Problem, sie sind sehr oft kaputt. Es passiert auch, dass ich plötzlich alles umplanen muss, wenn ich unterwegs bin. Dann muss man auch mal den Weg zwischen zwei Haltestellen mit dem Rollstuhl zurücklegen.“
Nun widmet er sich seinem Traum vom Job am Plattenteller
Sowieso sind Aufzüge ein großes Thema in Rupperts Leben. Im vergangenen Jahr berichtete der KURIER erstmals über Ruppert – damals machte der Fahrstuhl in seinem Wohnhaus in Reinickendorf Schwierigkeiten. Plötzlich funktionierte er nicht mehr, Ruppert stand im Erdgeschoss, kam nicht in seine Wohnung in der dritten Etage des Hauses. Die einzige Lösung: Spontan konnte er mit Unterstützung eines Bekannten in ein Hotelzimmer ziehen.
Bei einer anderen Gelegenheit konnte er das Haus nicht mehr verlassen, war in der Wohnung eingesperrt. Aus dem Horror-Haus ist er inzwischen ausgezogen, wohnt nun in einer Erdgeschoss-Wohnung in Pankow.
Und widmet sich nun seinem Traum vom Job am Plattenteller. „Ich war schon früher bei Radiosendungen zu hören, beispielsweise bei Alex Radio“, sagt er. Dort wurde er eingeladen, die Moderation von Sendungen von „Inclusio Medien“ zu übernehmen, einem Medien-Kanal von und für Menschen mit Behinderung. „Ich konnte auch die Sendungen fahren – mit und ohne Unterstützung“, sagt er. „Aber wenn ein Assistent dabei war, wartete der nur auf meine Kommandos, klar.“
"In dem Job will man den Leuten eine gute Party bereiten"
Die Liebe für Musik blieb erhalten. Von einem DJ aus dem Freundeskreis ließ er sich deshalb in die Kunst des „Auflegens“ einführen. „Er vermachte mir eines seiner Mischpulte, zusammen übten wir zu Hause.“ Die ersten Schritte seiner Karriere wagte Ruppert auf Facebook, sendete hier live Musik aus dem heimischen Wohnzimmer. Die Fans feuerten ihn an. „Mikey, dreh die Boxen hoch!“ – „Sehr schöne Mucke!“ – „Weiter so!“ – „Ich bin stolz auf dich, mein Freund!“
Kommentare wie diese sind es, die den Neu-DJ mit Glück erfüllen. „In dem Job will man den Leuten eine gute Party bereiten. Ich bin froh und stolz, dass ich diesem Beruf trotz meiner Behinderung nachgehen kann.“ Als DJ im Rollstuhl habe er immer ein Merkmal, sagt er. Und deshalb kommen natürlich auch komische Fragen. Kürzlich trat er auf einer Hellersdorfer Bowlingbahn auf. Machte Musik, während Schulklassen die Kugeln rollen ließen. „Die wollten natürlich wissen, warum ich im Rollstuhl sitze. Ich sage dann immer: Weil ich nicht laufen kann.“ Auf die Frage, ob ihm das Bedienen des Pultes mit seiner Behinderung schwerfällt, hat er eine klare Antwort: „Nicht schwerer als alles andere“, sagt er und lacht.
Ruppert will nun Erfahrungen sammeln, viel auftreten. „Vielleicht finde ich ja jemanden, der das unterstützt und mich bucht. Ich bin für alles offen.“ Was er spielt, ist ihm egal. „Ich mag alles. Rock, Pop und Techno. Nur für Helene Fischer muss ich schon meine zwei Bier getrunken haben.“
Wenn Ruppert davon erzählt, scheint seine Behinderung vergessen. Wenn er DJ ist, ist sie nicht wichtig. Das zeigt auch seine Antwort auf die Frage, ob er manchmal dumme Kommentare bekommt. „Natürlich, das gehört dazu“, sagt er. Und fügt hinzu: „Schließlich mögen nicht alle die gleiche Musik.“
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