„Das Projekt ist ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn etwas nicht von Architekten geplant wird, sondern von Politikern“, sagt Mann. „Ich denke, die Fachleute sind in vielen Entscheidungen übergangen worden.“ Und nun hat Berlin den Salat: Ein Flughafen, der nicht fertig wird, der mit immer neuen Skandalen in die Schlagzeilen gerät, der einfach nicht funktionieren will – und dessen Eröffnung immer wieder in weite Ferne rückt.
Bei Alina Mann würde es anders laufen. „Ich glaube, dass man, wenn man mit den richtigen Leuten zusammenarbeitet, vieles realisieren kann.“ Auch Dinge, die zuerst unglaublich erscheinen. Zum Beispiel einen Weltraumflughafen – mitten in Berlin. Einen „Spaceport“, von dem aus man mit Shuttles in die ganze Welt fliegen könnte. Nach Sydney in 90 Minuten. Nach Tokio in 70 Minuten. Nach Dubai in 45 Minuten.
Alina Mann: „Ich glaube, dass man, wenn man mit den richtigen Leuten zusammenarbeitet, vieles realisieren kann.“
© Gudath
Ein Weltraumflughafen für Berlin? Klingt absurd. Doch Alina Mann, die Architektin wurde, weil sie „etwas Visionäres entwickeln“ und „nicht die Welt verändern, aber etwas Bleibendes schaffen“ wollte, hat dafür ein Konzept entwickelt. Keine Skizze auf einem Blatt Papier. Sondern Visualisierungen, Entwürfe, Modelle – und einen Flugroutenplan.
Normalerweise besteht der Job eines Architekten aus Einfamilienhäusern, aus Einkaufszentren und Bürogebäuden, momentan arbeitet Mann an einer Event-Brücke über der Spree – ganz irdische Dinge. „Aber ich habe mich schon immer für Weltraumarchitektur interessiert“, sagt die 37-Jährige. Und für die Stadt Berlin. „Man hat manchmal nicht das Gefühl, dass wir hier eine Weltstadt sind. Wir sind kein globaler Player. Großindustrie gibt es nicht wirklich, es ist wenig Geld in der Stadtkasse.“ Überall drückt der Finanz-Schuh.
Sie dachte darüber nach, was unsere Stadt auch global attraktiver machen könnte. Und kam auf die Idee des Weltraumflughafens. Gleich dominierte die Frage „Was wäre, wenn?“. „Große Unternehmen könnten herkommen, weltweite Verbindungsflüge wären in kürzester Zeit möglich. Kurier-Dienste könnten in kürzester Zeit liefern.“ Mann sieht eine neue Dimension des Pendelns. „In Berlin wohnen, in Hongkong arbeiten – alles wäre möglich.“
Stehen könnte der Spaceport, so hat es sich Mann überlegt, auf einer Brache unweit des Hauptbahnhofes, wo in der vergangenen Zeit unter anderem Rummelplätze das Bild bestimmten. Das Hauptgebäude soll von außen futuristisch aussehen, innen wie ein Theater. „Es soll was Exklusives sein, wirken wie aus einem James-Bond-Film.“ Hier durchlaufen die Passagiere den Boarding-Prozess. In einem Shuttle-Paternoster fahren die Flugzeuge zum Boarding im Kreis. „Das sieht cool aus, könnte ein neues Wahrzeichen werden.“
Hinten steht der Shuttle-Paternoster, davor befindet sich das Boarding-Gebäude.
© Architekten Grobe
Sie weiß auch, wie der Flug verlaufen soll. Auf einer elektromagnetischen Schiene sollen die Shuttles auf 450 Kilometer pro Stunde beschleunigen, so fahren sie blitzschnell zu einem Startpunkt am Stadtrand. Auf der Magnetbahnstrecke beginnt die horizontale Startbeschleunigungsphase. „Bei einer Geschwindigkeit von 650 km/h werden die Haupttriebwerke gezündet und das Shuttle von seinem Startschlitten getrennt, so dass es in den Steigflug übergehen kann“, sagt Mann. In einer Höhe von 90 Kilometern stoppen die Triebwerke, das Shuttle geht in den Gleitflug über. In einer gigantischen Kurve schwebt es so beispielsweise von Berlin nach New York. In 45 Minuten.
In Zusammenarbeit mit dem Expertenteam um den Berliner Raumfahrtingenieur Alexander Pilz ist sogar eine Kalkulation entstanden. „Ein Ticket müsste 200.000 Euro kosten“, sagt sie. Mit den irritierten Blicken weiß sie umzugehen. „Je mehr Leute das Angebot nutzen würden, umso preiswerter könnte es werden. Nach einigen Jahren könnten je nach Flottengröße, Auslastung und Lebensdauer der Fluggeräte Ticketpreise von 5000 bis 10.000 Euro erzielt werden. Mit einer Jahreskarte wird es günstiger.“
Der Shuttle-Paternoster ist eines der wichtigsten Gebäudeteile. Wie es aussehen könnte, zeigt das Modell. Laut Grobe könnte das Bauwerk sogar ein neues Wahrzeichen der Stadt werden.
© Architekten Grobe
Wer Alina Mann zuhört, wenn sie erzählt, wer die Entwürfe der futuristischen Gebäude sieht, der könnte beinahe beginnen, an die Idee zu glauben. Die Architektin selbst ist es, die die Probleme des Projektes anspricht. Die Kosten für die Instandhaltung der Shuttles wären sehr hoch – „denn durch den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre treten immer wieder Schäden auf, die repariert werden müssen“, sagt sie. Eine andere Hürde ist das in Berlin besonders beliebte Thema Lärmschutz. „Wir müssen ein Konzept für die Eindämmung des Lärms entwickeln – und in den Flugschneisen dürfte niemand wohnen“, sagt sie. „Denn eine Rakete ist eine Rakete.“ Aber die Forschung schreitet voran – und sicher wird es bald leisere Flugmethoden geben.
„Das alles wird auf jeden Fall kommen“, sagt Mann. „Auch wenn es sich im Moment noch nach Zukunftsmusik anhört – und die Entwicklungskosten hoch sind.“ Der Aufwand ist momentan zu groß, das Projekt zu teuer. Es würde, bevor sicher gestartet und gelandet werden kann, bevor die Wirkung des Fliegens im Shuttle für den menschlichen Körper erforscht ist, Milliarden verschlingen. „Denn ein solcher Flug wäre eine ordentliche Belastung für den Körper.“ Vieles muss getestet werden. „Aber in 40 bis 50 Jahren“, ist sich die Architektin sicher, „wird das Fliegen mit dem Space-Shuttle Standard sein.“ Sie zweifeln noch immer ? Das ist in Ordnung. „Als es vor über 100 Jahren die ersten Linienflüge gab, hat auch niemand daran geglaubt“, sagt Mann und lacht.
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