KURIER Serie: Meine zweite Seite

Früher legte ich Haare, heute lege ich Karten!

Es ist wohl der skurrilste Karriere-Sprung der Stadt.

Florian Thalmann
Lesezeit 6 Min
Für das KURIER-Shooting griff Maik M. Paulsen noch einmal zur Schere. Vor seiner Betrüger-Karriere lernte er den Friseur-Beruf.

Für das KURIER-Shooting griff Maik M. Paulsen noch einmal zur Schere. Vor seiner Betrüger-Karriere lernte er den Friseur-Beruf.

© Sabine Gudath

Paulsen (35) wuchs in Tangendorf auf, einer kleinen Gemeinde in der Lüneburger Heide. Nach dem Schulabschluss entschied er sich für eine klassische Friseurlehre und heuerte in einem Studio namens „Der aktuelle Salon“ an. Er lernte das Handwerk – mit allen Raffinessen. Damen- und Herrenhaarschnitte, pflegende und dekorierende Gesichtskosmetik, Nageldesign. „Sogar Unterricht in Chemie gehörte dazu, um das richtige Mischen von Haarfarben zu lernen“, sagt er.

Jeden Freitag kamen die gleichen fünf Omis

Der Friseursalon war ein klassischer, der den üblichen Klischees entsprach. „Mit Rentnerinnen, die einmal pro Woche kommen und das gleiche wollen: waschen, schneiden, legen. Jeden Freitag kamen die gleichen fünf Omis, die mir Geschichten aus ihrem Leben erzählten.“ Auch Gedächtnistraining wurde – mehr oder weniger freiwillig – zu einem Teil der Ausbildung. „Ich kannte zum Beispiel die Kaffee-Wünsche all meiner Kunden in- und auswendig.“ Während der Lehre entpuppte er sich außerdem als Paradiesvogel der Auszubildenden, probierte viele Dinge selbst aus. „Einmal ließ ich mir eine Dauerwelle machen und mir die Haare und die Augenbrauen grün färben.“

Ansonsten freute er sich über „normales Klientel“ mit leichten Ausschlägen nach oben. Denn sogar Prominente gehörten zu seinem Kundenstamm. Auch ein kleiner Unfall passierte Paulsen. „Einmal verpasste ich jemandem mit der Schere einen leichten Schnitt ins Ohr. Es war zum Glück mein eigener Vater, so blieben mit große Beschwerden erspart.“

Früher schnitt Maik M. Paulsen Provinz-Omas die Spitzen.

Früher schnitt Maik M. Paulsen Provinz-Omas die Spitzen.

© Sabine Gudath

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass sich bei Paulsen schon damals ein dramatischer Berufswechsel ankündigte. Denn warum er sich für die Friseurausbildung entschied, kann er sich bis heute nicht erklären. „Ich musste einen vernünftigen Job lernen – und weil ich etwas Kreatives suchte, bewarb ich mich eben. Außerdem waren meine Eltern der Meinung, dass ich noch zu jung für die Reise in die Großstadt war.“ Dort wollte er hin, denn seine wahre Leidenschaft war schon damals eine andere: „Ich wollte auf die Bühne, Artist werden!“

Einkaufswagen voller Requisiten

Schon mit 12 Jahren entdeckte Paulsen seine Leidenschaft für die Arbeit auf den Brettern. „Ich jonglierte im Garten meiner Eltern mit Steinen, besuchte später verschiedene Zirkus-Camps. Als ich 16 Jahre alt war, tourte ich mit zwei Freundinnen im Sommer an der Ostseeküste entlang, mit einem Einkaufswagen voller Requisiten.“ Erst Anfang 20, als er mit der Friseurlehre einen handfesten Beruf gelernt hatte, ließen ihn Mama und Papa ziehen. Sie kannten seinen Traum. „Schon als Azubi verbrachte ich meine Freizeit in der Turnhalle, übte und übte.“

Er zog in die Hauptstadt, begann an der Staatlichen Artistenschule Berlin eine weitere Ausbildung zum Körperkünstler. Lernte Trapez, Jonglage. „Aber das wollte ich nicht 40 Jahre lang machen.“ Paulsen kaufte sich ein Kartenspiel – damals erkannte er seine Faszination am Profi-Betrug. „Vor allem das Hütchenspiel lag mir. Dahinter steckt ein interessantes Konzept. Die Zuschauer bestimmen, was passiert, jede Performance ist anders. Man muss zwar viele Techniken beherrschen, aber letztendlich gehört auch eine riesige Portion Dreistigkeit dazu.“

Große Spielerdichte in Berlin

Paulsen tritt heute als Profi-Falschspieler auf. Er lässt sich für Veranstaltungen buchen, bringt einen Blackjack-Tisch mit und zockt mit den Gästen. Ein normales Spiel ist das allerdings nicht, denn mit der Fingerfertigkeit, die man nur von Zauberern kennt, beherrscht er das Spiel. Er bestimmt, wer welche Karten bekommt, wer gewinnt und wer verliert – und wie das Spiel für ihn selbst ausgehen soll. Der Begriff „Glücksspiel“ passt hier nicht richtig. Denn wer am Tisch der Glückliche ist, bestimmt allein er. „Wenn ich Leuten meinen Beruf erkläre, gucken sie oft komisch und können sich gar nichts darunter vorstellen. Außerdem ist das Thema natürlich sehr negativ belegt.“

Immer wieder warnt die Polizei auch in Berlin vor den Abzockern, die auf den Straßen der Hauptstadt oftmals Touristen um ihre Ersparnisse bringen. Mit großen Kampagnen wird gerade in den Sommermonaten – der Hochzeit der Betrüger – auf die Gefahr des scheinbar harmlosen Spiels hingewiesen. „Spielen sich nicht mit, nehmen sie nicht an diesem Spiel teil, Sie können nur verlieren“, heißt es in einer Erklärung.

Maik M. Paulsen lässt sich unter anderem für Business-Events buchen.

Maik M. Paulsen lässt sich unter anderem für Business-Events buchen.

© Sabine Gudath

Vor allem in Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte ist die Spieler-Dichte groß – hier wurden im Jahr 2014 insgesamt 763 Hütchen-Zocker registriert. 214 Strafanzeigen wurden gestellt, 312 Anzeigen wegen einer Ordnungswidrigkeit, es kam zu 393 Platzverweisen, Durchsuchungen und Sicherstellungen. Trotzdem geht der Hütchen-Spuk munter weiter. Zwar gibt es eine „Ermittlungsgruppe Hütchenspielbetrug“, doch gänzlich beherrschen lässt sich das Phänomen nicht. Von diesen Gaunern distanziert sich Paulsen ausdrücklich. „Bei mir geht es um Entertainment, nicht um Abzocke. Ich arbeite außerdem nicht mit einem großen Team und Lock-Spielern.

Jedes Spiel, jeder Zuschauer ist anders

Und an meinem Tisch wird sowieso nicht um Geld gespielt.“ Gewinnen könnte er dank seiner Kenntnisse auch beim Hütchenspiel auf der Straße nicht. „Bei mir haben die Zuschauer zumindest eine kleine Chance“. Soll der Spieler bei den betrügerischen Zockern in Mitte oder am Ku’damm raten, unter welchem Hütchen das Bällchen liegt, sind hingegen alle Hütchen leer – der Ball wird erst unter ein Hütchen gemogelt, wenn der Zuschauer das Geld schon verloren hat.

Paulsen hat inzwischen einiges an Erfahrungen gesammelt. „Als ich mich zum allerersten Mal vor Zuschauern an den Blackjack-Tisch setzte, starb ich fast vor Aufregung“, lacht er. Das Problem: Im Vergleich zu anderen Künstlern kann er nur wenig trainieren. Die Techniken, ja. Aber jedes Spiel, jeder Zuschauer ist anders. „Demzufolge passiert es auch, dass mal etwas nicht funktioniert, aber schließlich ist es ein Spiel.“

Zumindest einen Wettkampf hat Paulsen gewonnen: Er ist offiziell der erste Deutsche, der beim Finanzamt als Betrüger registriert ist. „Vor drei Jahren gab ich über meinen Steuerberater den neuen Beruf Falschspieler‘an. Gemeldet hat sich bisher niemand. Trotzdem nehme ich, wenn ich gebucht werde, 19 Prozent Mehrwertsteuer“. Auch das dürfte ihn von den Profi-Betrügern auf den Straßen Berlins unterscheiden.

Mehr Infos: www.falschspieler.de

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