Ohrenbetäubend drehen Testpilot Mark Feuerstein und sein Co-Kapitän Tom Imrich die vier gigantischen Triebwerke auf volle Leistung. Mit Vollgas rauschen gut 350 Tonnen Metall über den Flughafen Paine Field. Jumbo-Jungfernflug. Wieder schwebt eine Boeing 747 aus der gigantischen Produktionshalle in Everett, 50 Kilometer nördlich von Seattle (US-Bundesstaat Washington). Der Berliner KURIER besuchte die 747-Fabrik, das größte Gebäude der Welt...Die Ausmaße sind gigantisch. Die Fabrik ist so hoch wie ein elfgeschössiges Haus, sie ist ein ummauerter Raum mit einer Grundfläche von 1050 mal 381 Metern, macht gut 400000 Quadratmeter. Heißt: Innendrin ist Platz für 74 Fußballfelder oder 911 Basketballplätze - selbst Disneyland Paris würde in dieses Monstrum passen.Gigantismus pur. Der aber auch nötig ist. Denn neben dem Jumbo wird hier auch Boeings neuestes Küken gebaut: die 787, der Dreamliner."Die Fabrik ist wie eine kleine Stadt. Wir haben hier unsere eigene Feuerwehr, Sicherheitskräfte, eine voll ausgestattete medizinische Klinik, Umspannstationen und eine Kläranlage", sagt Boeing-Sprecher Tim Bader. "Hier arbeiten mehr als 30000 Menschen in drei Schichten - und zwar rund um die Uhr". Macht eine Schicht Feierabend, verlässt sie in kleinen Gruppen in Sechs-Minuten-Abständen das Werk - sonst gäbe es ein Verkehrschaos.30000 Mitarbeiter. So viele Menschen leben in Kleinstädten wie Strausberg oder Hennigsdorf in der Nähe Berlins. Und damit sich die Mitarbeiter auch wohlfühlen, hat die Restaurant-Kette "Tully's" gleich fünf Cafés entlang der zusammen 3,7 Kilometer langen Gänge eröffnet. Die meisten Techniker und Schrauber bewegen sich auf diesen Gängen mit den 1300 zur Verfügung gestellten Fahrrädern.Der erste Jumbo, der dieses Nest durch das fußballfeldgroße Rolltor verließ, ging für die US-amerikanische Fluggesellschaft "PAN AM" in die Lüfte. 1966 betrug der Gesamtpreis für 25 Stück 525 Millionen US-Dollar.Heute muss unter anderem Lufthansa für die neueste 747-Version 300 Millionen US-Dollar (circa 230 Millionen Euro) auf den Tisch legen. Ein Flugzeug, das auch nach mehr als 40 Jahren alle Dimensionen sprengt: 76 Meter lang, 68 Meter breit.Und Jumbo ist nicht gleich Jumbo. Ehe aus sechs Millionen Einzelteilen eine 747 entsteht, müssen die Airline-Chefs eine Menge Entscheidungen treffen. Dabei geht es zu wie beim Autokauf. Welche Sitze, welche Farbe, welche Cockpitbeleuchtung, welche Getränkewagen, welches Entertainment-Programm.Tim Bader: "Wir haben extra ein Zentrum eingerichtet, in dem sich unsere Kunden zumeist bis zu drei Tagen aufhalten um aus sämtlichen Produktmöglichkeiten zu wählen." Schließlich ist so ein Flugzeug meist mehr als 20 Jahre im Dienst - da will die Ausstattung wohl überlegt sein. Hierbei der neueste Boeing-Clou: das sogenannte Sky Interior (die deutsche Fluggesellschaft TUIfly hat dieses als erste in eine ihrer 737 einbauen lassen). Durch spezielle LED-Beleuchtung an der Decke haben Passagiere beim Betreten des Flugzeug nicht das Gefühl, sich in eine Blechbüchse hineinzubegeben. TUIfly-Sprecher Jan Hillrichs: "Die Passagiere nehmen einen sanften blauen Himmel wahr."Zurück zur Gigantenhalle in Everett, zurück zum Bau des Jumbo-Jets. Das riesige Heer von Liliput-Menschen schwirrt um die noch eingerüsteten Goliath-Maschinen. Diese tragen hier in der Fabrik noch grünen Anstrich. Der wurde ihnen in ausgelagerten Rumpf-Produktionsstätten in den kompletten USA verpasst. Von dort kommen sie auf Güterzügen nach Everett - natürlich in den werkseigenen Bahnhof.Hier wird das noch nackte Flugzeug auf ein Fließband montiert. Tim Bader: "Dieses bewegt sich fünf Zentimeter in der Minute Richtung Fabrikausgang auf der anderen Seite. Die Arbeiter fahren also mit den Maschinen durch die Halle."26 Kräne laufen auf einem 62 Kilometer langen Netzwerk von Deckenschienen durch die Fabrik. Sie heben und bewegen Flugzeug-Komponenten - allein auf den riesigen Tragflächen (zusammengehalten von 88000 Nieten) könnten vier Reihenhäuser gebaut werden - während des Produktionsprozesses.Übrigens: Höllischen Lärm, blitzende Schweißgeräte und Gedröhne gibt es im Jumbo-Nest nicht. In der Mini-Stadt herrscht fast irritierende Ruhe.Volle Konzentration an den High-Tech-Geräten überall. Hektik kann sich keiner leisten. Denn hinter der Fließband-Methode steckt ein psychologischer Trick. Sollten Schwierigkeiten auftauchen, haben die einzelnen Teams nach einem strengen Regelwerk zwei Mal nur 15 Minuten Zeit, mit ihren Schichtleitern - die sitzen an Computern neben dem Fließband und beobachten das Geschehen - das Problem zu lösen. Funktioniert das nicht, muss die gesamte Produktion angehalten werden. Folge: Riesenkosten entstehen, Riesendruck entsteht.Apropos Druck. Weil in der Halle kein Luft-Zirkulations-System eingebaut wurde, bildeten sich Wolken - es regnete! Bis heute gibt es keine Klimaanlage. Wird es zu warm, werden zwei der sechs Tore geöffnet. Ist es zu kalt, werden weitere der mehr als eine Million Lampen an der Decke eingeschaltet.Nach rund 94 Tagen ist der Riesenvogel flügge, dann rollt er aus dem Tor. Und Mark Feuerstein und sein Co-Kapitän Tom Imrich können Gas geben.------------------------------INFOZahlen, Daten, FaktenBoeing ist der weltweit größte Hersteller von zivilen und militärischen Flugzeugen und Hubschraubern (160000 Mitarbeiter). Gemeinsam mit dem europäischen Wettbewerber Airbus bildet Boeing das Duopol für Großraumflugzeuge.Gegründet wurde die Firma 1916 von William Edward Boeing, Sohn des deutschen Auswanderers Wilhelm Böing. 2009 lieferte die in der Nähe von Seattle pro-duzierende Firma 394 Flugzeuge aus. Absolutes Erfolgsmodell ist die 737, das meistverkaufte Passagierflugzeug der ganzen Welt. Alle sechs Sekunden startet eine.------------------------------BU: Eines von vier Jumbo-Triebwerken. Zusammen schaffen sie je nach Ausführung bis zu 1000 km/h.BU: Die First Class lockt mit Ledercouch und Leuchtdioden-Himmel in der Ausstattung "Boeing Sky Interior".Zwischenzeile: DIE HALLE HÄTTE PLATZ FÜR 74 FUßBALLFELDERZwischenzeile: EINE 747 GIBT ES FÜR 230 MILLIONEN EUROZwischenzeile: NACH 94 TAGEN STEIGT DER FLIEGER IN DIE LUFT
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