KURIER-Besuch bei Birgit Fischer (49)

„Ich bin keine Kanu-Oma ...“

Birgit Fischer will noch einmal zu Olympia. Die Szene gruselt sich vor dem achten Anlauf der Kanu-Königin. Der Laie wundert sich. Doch für Birgit Fischer ist das alles ganz normal. Es ist typisch die 49-Jährige.

Matthias Fritzsche
Lesezeit 3 Min
Birgit Fischer. London 2012 reizt die unglaubliche Athletin aus Brandenburg.

Birgit Fischer. London 2012 reizt die unglaubliche Athletin aus Brandenburg.

© dapd Lizenz

„Es kribbelt in den Fingern. Ich habe richtig Lust zu paddeln.“ Birgit wartet erst gar nicht die Frage ab, sie überfährt irgendwelche Bedenken zu ihrem Vorhaben im Spurt. Und was sich dann in den folgenden zwei Stunden abspielt, lässt am Ende nur eine Erkenntnis zu: Sie meint es volle Pulle ernst. Weil sie es mit den Rücktritten nie so ganz ernst gemeint hat.

In ihrem Zuhause am Beetzsee holt sie für den KURIER-Reporter ein Kanu raus, setzt sich selbst in ihr Goldboot und raus geht es aufs Wasser. Der Wind treibt kleine Wellen über den See, die Gänse machen am Ufer Lärm und „dort wohnt ein Biber“, erklärt Birgit. Ruhe und Natur sind spürbar. Wenn da nicht dieses Turbo-Kanu wäre. Birgit gibt immer wieder Paddel zwischendurch. Der Bug teilt das Wasser, sie schießt förmlich über den See. Sieht bei Deutschlands aktuellen Kanu-Stars sicher genauso aus. Für Birgit entsteht dabei der Reiz. Wie viel kann ich noch? Wie viel geht da noch? Vor dem Hintergrund: „Ich bin so frei, wie seit 1980 nicht mehr.“

In Moskau holte sie ihren ersten von insgesamt acht Olympiasiegen, vier Jahre später scheiterte der zweite Olympia-Anlauf am Boykott. 1986 kam Ole zur Welt. Gut drei Jahre später Ulla. Seitdem trug Birgit immer Verantwortung. Bis Anfang dieses Jahres. „Meine Kinder sind aus dem Haus. Ich bin seit 25 Jahren erstmals wieder nur für mich unterwegs.“ Und das Boot liegt am See vor der Tür. „Bei jeder Fahrt spürte ich etwas Besonderes. Anfangs wollte ich mir den Wunsch, es noch mal zu probieren, nicht eingestehen. Doch er wurde immer mächtiger“, erzählt die Kanu-„Oma“, die sie nicht sein will. Es aber nur deshalb noch nicht ist, weil ihre Kinder sie noch nicht dazu gemacht haben.

Rücktritt vom Rücktritt. Dieses Geschäft kennt Birgit. Zwei Mal war es geplant nach ihren Babypausen, zwei Mal drängte es sich logisch betrachtet auf. „Nach Sydney 2000 hörte ich auf, weil man das im Alter von fast 40 ja so macht. Nach Athen 2004, weil dieses Comeback ja nur eine Eintagsfliege sein konnte“, erinnert sich Birgit. „Mit dem Herzen bin ich aber immer aktiv geblieben.“

Zu wie viel das jetzt mit 49 Jahren reicht, das will Birgit herausfinden. Ihre Olympiamedaillen liegen übrigens im Tresor. Ob der nach London wieder aufgeschlossen werden muss ? Abwarten ...

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com

Lesen Sie mehr zum Thema