Doris Ostermeier-Schwaneberg

Ich war die erste Bauchtänzerin von Ost-Berlin

Sie trat schon vor der Wende mit ihrer Kunst auf - allerdings nur im Westen.

Florian Thalmann
Lesezeit 5 Min
Heute ist Doris Ostermeier-Schwaneberg eine erfolgreiche Immobilienmaklerin – ihre Firma Ostermeier Real Estate Investments gründete sie bereits kurz vor der Wende.

Heute ist Doris Ostermeier-Schwaneberg eine erfolgreiche Immobilienmaklerin – ihre Firma Ostermeier Real Estate Investments gründete sie bereits kurz vor der Wende.

© Markus Wächter 

Ihre Geschichte ist die einer deutsch-deutschen Karriere, die allerdings schon begann, als an eine Wende noch gar nicht zu denken war. Ostermeier-Schwaneberg wuchs in Nürnberg auf, lernte nach der Schule bei ihrem Onkel den Beruf der Immobilienkauffrau. Drei Jahre lang pendelte sie zwischen Nürnberg und West-Berlin, bevor sie im Januar 1980 komplett hierher zog. 1982 entdeckte sie den Bauchtanz für sich.

„Der Freund einer Freundin tanzte – und er war der Meinung, dass ich das unbedingt lernen sollte“, sagt sie heute. „Also nahm ich Unterricht bei ihm. Ich konnte das im ersten Jahr zwar gar nicht so richtig, aber man konnte mit der Kunst gutes Geld verdienen. Damals war es beispielsweise üblich, dass es in jedem türkischen Restaurant eine Bauchtänzerin gab. So ist es heute leider nicht mehr.“

Doris Ostermeier-Schwaneberg tanzte am 9. November 89 am Kurfürstendamm 

Sie trat nebenberuflich vor allem auf Hochzeiten, Geburtstagen sowie bei Betriebs- und Weihnachtsfeiern auf, im Schnitt 80-mal pro Jahr, erzählt sie. Der Künstlername: Afrana Diba. „Die Aufgabe war klar: Es ging darum, die jeweilige Gesellschaft aufzulockern – das klappt mit einem guten Künstler natürlich immer.“ Was sich gesellschaftlich Ende der 80er-Jahre tat, bekam sie kaum mit.

Unter dem Künstlernamen Afrana Diba wurde Ostermeier-Schwaneberg bekannt – erst tanzte sie im Westen, später auch im Osten Berlins.

Unter dem Künstlernamen Afrana Diba wurde Ostermeier-Schwaneberg bekannt – erst tanzte sie im Westen, später auch im Osten Berlins.

© Markus Wächter 

Am Tag Immobiliengeschäfte, am Abend Auftritte, „und außerdem waren wir damals viel auf Partys unterwegs und hatten nicht die Informationsflut, die es heute gibt.“

Am 9. November 1989 tanzte sie am Kurfürstendamm, in der Kleinen Weltlaterne in der Nestorstraße. Schon bei der Fahrt zum Lokal sah sie auf der Stadtautobahn einen Trabi und wunderte sich. „Danach ging es ins Musikcafé am Kurfürstendamm. Ich fuhr damals einen Mercedes – und als ich parkte, riss ein Mann mit mehreren Einkaufstüten die Autotür auf und stieg ein. Er kam frisch aus Ost-Berlin und dachte, ich bin ein Taxi.“

Auch im Lokal herrschte merkwürdige Stimmung. „Wir saßen alle drinnen und die Leute aus dem Osten standen draußen an der Scheibe und drückten sich die Nasen platt. Sie trauten sich nicht rein und wir uns nicht raus. Es war alles sehr seltsam, man konnte das alles noch gar nicht begreifen.“

Ostermeier-Schwaneberg mit ihrem Tanzpartner, von dem sie das Bauchtanzen 1982 lernte.

Ostermeier-Schwaneberg mit ihrem Tanzpartner, von dem sie das Bauchtanzen 1982 lernte.

© Markus Wächter 

In Kontakt mit dem Osten kam sie danach schnell. In einem Musik-Club in Steglitz lernte Ostermeier-Schwaneberg einen Rockmusiker kennen, der sie mit in ein Lokal in der Langhansstraße in Weißensee nahm. Hier traf sie die Bluesrockband Monokel. „Die Frau des Schlagzeugers war Leiterin des Jugendhauses in Hohenschönhausen. Sie war begeistert von meinen Tänzen und stellte Kontakt zu den Jugendklubs der Bezirke her.“

Türkischer Bauchtanz war für die DDR-Bürger etwas völlig Neues 

Durch die Beziehung war Afrana Diba fortan Gast in sämtlichen Jugendklubs des Ostens. Und immer mehr Auftritte folgten: Diskotheken, Vereine, Kneipen, Firmen, das Café Moskau. „Pro Auftritt gab es damals 1000 Ostmark“, erinnert sie sich. „Ich tanzte gefühlt überall und bin glücklich, wie viele Freunde ich in der bewegten Zeit fand.“

Durch ihre Auftritte lernte sie den Osten kennen – und die Menschen, die hier lebten. „Ich versuchte, überall so gut wie möglich Stimmung zu machen, aber nicht immer war es leicht“, sagt sie. Denn türkischer Bauchtanz war für die DDR-Bürger etwas völlig Neues. „Die Leute im Publikum wussten gar nicht, wie sie mit mir umgehen sollten. Die Frauen waren nicht sehr begeistert und die Männer wussten nicht, wo sie hingucken sollen.“

Die Menschen im Osten mussten sich an den bis dato unbekannten Tanzstil erst gewöhnen.

Die Menschen im Osten mussten sich an den bis dato unbekannten Tanzstil erst gewöhnen.

© Markus Wächter 

Denkwürdig vor allem Auftritte in den Ost-Betrieben. „Das war wie Brot und Spiele. Ich wurde gebucht, um die Stimmung aufzulockern, aber so richtig Spaß hatte niemand, weil alle in eine ungewisse Zukunft blicken mussten. Die Menschen waren mit der Situation überfordert. Sie wussten einfach überhaupt nicht, was kommt.“

Doch es gab auch grandiose Auftritte. „In der Kneipenszene war es immer herrlich, da gingen die Leute schließlich hin, um zu feiern und konnten sich darauf einlassen. Auch im Café Moskau war es so. Und Silvester 1990: In der Nacht hatte ich vier Auftritte, einen davon in Köpenick. Dort bestand das Publikum aus Skinheads und ich zeigte meinen türkischen Bauchtanz! Die haben mich gefeiert – damit hätte ich nie im Leben gerechnet“, sagt sie.

Erste Bauchtänzerin von Ost-Berlin: Nun macht sie Musik und schreibt Songs 

Im Alter von 40 Jahren hängte die heute 59-Jährige die Kunst an den Nagel. Heute tanze sie nur, um sich beweglich zu halten, sagt sie. Ihre Zeit hat die Maklerin ganz den Immobilien verschrieben, ihre Firma Ostermeier Real Estate Investments gründete sie schon 1989. 2013 schrieb sie das Buch „Money Talks and Bullshit Walks“ über die Tricks und Gaunereien der Makler. Außerdem macht sie Musik, schreibt Songs und reitet.

Doris Ostermeier-Schwaneberg (l.) ehemalige erste Bauchtänzerin in Ost-Berlin. 

Doris Ostermeier-Schwaneberg (l.) ehemalige erste Bauchtänzerin in Ost-Berlin. 

© Markus Wächter

Was bleibt, sind Hunderte Fotos aus der damaligen Zeit, unzählige VHS-Kassetten mit Aufnahmen ihrer Auftritte – und Erinnerungen, die sie nicht mehr missen möchte. „Wenn ich in Übersee bin und die Leute fragen, wie ich den Mauerfall erlebt habe, überwältigen mich die Emotionen“, sagt sie. „Ich bin froh, dass ich diese Nacht am Kurfürstendamm miterlebt habe.“

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