„Kunst am Bau“ hat in Berlin eine lange Tradition. Aber erst ein neues Senatsdokument zeigt jetzt, wie viel Kunst am Bau allein in den letzten zehn Jahren entstanden ist. Da darf man sich als Berliner ruhig fühlen, als würde man in einer riesigen Galerie wohnen.
Die Wandmosaike „Teller/Kartoffeln“ weisen den Weg zum Mittagsmahl: Wenn Studenten der Humboldt-Universität mächtig Kohldampf haben, können sie ihn in der Mensa Süd (Unter den Linden 6) stillen.
© Gerd Engelsmann
Gegenüber vom frisch sanierten Bettenhaus der Charité (Campus Mitte) hängt seit dem Winter eine überdimensionale, glänzende Uhr. Das Werk „Die Goldene Stunde“ der Künstlerin Renate Wolff soll den „goldenen Moment der Heilung“ darstellen. Es ist eines der auffälligeren Beispiele für Kunst am Bau – aber dafür hat es auch richtig viel Geld verschlungen.
Der Steuerzahler-Bund monierte die Kosten von 450.000 Euro. Allerdings gilt grundsätzlich die Regel, dass bei jedem öffentlichen Bau im Land Berlin ein Prozent der Baukosten für Kunst ausgegeben wird. So will es die „Anweisung Bau“. Das Ziel ist die Verschönerung des Stadtraums, aber auch die Förderung von Künstlern.
Nein, das sind keine bunten Nudeln. Das Wandbild der Feuerwache Pankow zeigt eine „Schlauchreserve“ – und das ist auch der Titel des Kunstwerks.
© Gerd Engelsmann
Rückblick: Vor 73 Jahren im Mai 1945 waren Berlin und viele andere Städte Trümmerwüsten. Ihr Wiederaufbau war eine der großen Herausforderungen der Nachkriegspolitik. Viele Bauten jener Zeit spiegeln in ihrer kargen Ausstattung die allgemeine Not und die Knappheit der öffentlichen Mittel wider.
Da überraschte es viele politische Beobachter, dass der Bundestag schon 1950 beschloss, bei Bauaufträgen des Bundes immer einen Teil der Bausumme für Kunst aufzuwenden. Damit sollte auch das von den Nationalsozialisten zur Verödung gebrachte Kulturleben neue Impulse bekommen.
8,7 Millionen Euro für 99 Mal Kunst
„Kunst gehört ins Volk, Kunst gehört dorthin, wo Menschen zusammenkommen“, argumentierte der Kulturausschuss des Bundestags damals. Und so sieht es bis heute auch der Berliner Senat: Er gab, wie jetzt bekanntwurde, allein in den letzten zehn Jahren mehr als 4,5 Millionen Euro für insgesamt 25 „Kunst am Bau“-Projekte aus.
Hinzu kamen mehr als 4,2 Millionen Euro für 74 Vorhaben, die auf Bezirksebene umgesetzt wurden. Macht zusammengerechnet: über 8,7 Millionen Euro für 99 Mal Kunst. Schade ist, wie achtlos man manchmal an all diesen Werken vorbeiläuft. Oder kennen Sie das Wandbild „Schlauchreserve“ an der neuen Feuerwache Pankow (Pasewalker Straße 120)?
Die Skulptur „öffnen gleiten fließen lüften bauschen schließen“ steht vor der Staatlichen Ballettschule an der Erich-Weinert-Straße in Pankow. Das Werk von Veronike Hinsberg soll unter anderem an einen roten Vorhang erinnern.
© Gerd Engelsmann
Es wurde 2014 von der Künstlerin Regina Kochs gemalt, wobei man die verschlungenen Schläuche auch für bunte Nudeln halten könnte. Gesamtkosten: 27.000 Euro. Einen wirklich kulinarischen Hintergrund haben die Wand-Mosaike „Teller/Kartoffeln“ von Beate Spalthoff. Die großflächigen Bilder von fliegenden Tellern und Kartoffeln sind in der Mensa Süd der Humboldt-Uni zu sehen. Kosten: 49.450 Euro.
Nicht zu viel essen dürfen die Tänzer der Staatlichen Ballettschule in Pankow. Dort steht seit 2012 eine Skulptur aus schlanken, rot lackierten Metallstreben mit dem Titel „öffnen gleiten fließen lüften bauschen schließen“. Sie ist von der Künstlerin Veronike Hinsberg und kostete 147.500 Euro.
Akzeptanz der Kunstwerke „generell hoch“
In einem ähnlichen Kostenrahmen bewegte sich das Bodenmosaik „Esc – Enter“ von Rolf Wicker auf dem Vorplatz des Jacob- und Wilhelm-Grimm-Zentrums in Mitte. Es besteht aus steinernen Computertasten mit Aufschriften wie „Pause“, „Ende“ und „Enter“. Für die Bodenplatten, über die jeder einfach laufen kann, fielen 120.000 Euro an.
Sind solche Summen zu viel Steuer-Knete für ein bisschen Kunst am Bau? Bei der Kulturverwaltung heißt es, die Akzeptanz der Kunstwerke in der Bevölkerung sei „generell hoch“. Zudem würden die späteren Nutzer eines Gebäudes bei der Kunst-Auswahl in die Entscheidungsfindung einbezogen. Der Mitteleinsatz sei auf jeweils 500.000 Euro begrenzt.
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com