Kriminalpsychologe

„Die beiden Polizisten hatten keine Chance“

Steffen Dauer über den tödlichen Angriff von Müllrose und drogensüchtige Kriminelle.

Jens Blankennagel
Lesezeit 5 Min
Spurensicherung am Tatort an der Bundesstraße 168 in Oegeln.

Spurensicherung am Tatort an der Bundesstraße 168 in Oegeln.

© dpa

Die Tat vom Dienstag gilt als bislang schwerster Angriff auf die Polizei im Land Brandenburg. Ein 24-Jähriger streitet sich mit seiner Großmutter  um Geld, dann ermordet er  sie mit einem Messer, klaut ihr Auto und flieht.  Die Polizei fahndet nach  dem   mehrfach vorbestraften Mann, der offenbar die Droge Crystal Meth genommen haben soll. Als die Polizei  ihn bei einer Straßenkontrolle stoppen will, rast er auf zwei Beamte zu, überrollt und tötet sie. Ein Gespräch mit dem Kriminalpsychologen Steffen Dauer über kriminelle Dauertäter und die Rolle von Drogen bei einer solchen Tat.

Herr Dauer, fangen wir ganz naiv an: Wie würde sich ein unbescholtener Bürger verhalten, wenn er  sich einer Polizeikontrolle nähert?

Wenn er sein Handeln voll unter Kontrolle hat, hält er an und befolgt die Anweisungen der Polizei.

Wie würde jemand handeln, der kriminell ist und  soeben gemordet hat?

Ganz unterschiedlich. Er könnte auch anhalten und sich stellen.  Oder er versucht, sich der Kontrolle zu entziehen, ohne die Polizisten zu gefährden. Oder er gefährdet  sie, mit dem Ziel, ganz rücksichtslos seine Interessen durchzusetzen. Aber, wie gesagt, ich habe auch schon Leute erlebt, die kurz zuvor gemordet hatten und sich in einer solchen Situation der Polizei gestellt haben, weil sie  eingesehen haben, dass es keinen Sinn hat, zu flüchten.

Und wie handelt ein Krimineller, wenn er noch unter Drogen steht?

Bei Drogen sind unterschiedliche Effekte zu erwarten. Das  Problem bei Drogen ist, dass sie höchst individuell wirken, und dass die Reaktionen schwer vorhersagbar sind. Cannabis wirkt bei den meisten beruhigend, aber bei anderen kann es ganz anders sein. Es kann sogar  paradoxe, also nicht zu erwartende Reaktionen hervorrufen.

Welchen Einfluss hat Crystal auf das Handeln  solcher Täter?

Methamphetamin – umgangssprachlich Crystal Meth – sorgt für eine stärkere Wachheit, es kann auch zur Selbstüberschätzung kommen. Die Konsumenten erleben sich als leistungsfähiger und   als leistungsbereiter. Das führt zu einem deutlich risikobereiterem Verhalten und nicht selten zu affektiven Entgleisungen. Das heißt, die   Emotionen können nicht mehr so gut kontrolliert werden,  auch ein aggressiveres Verhalten ist feststellbar.

Sorgt  die Droge dafür, dass sich bei den Konsumenten  letztlich jenes Handeln durchsetzt, über das sie  heimlich schon nachgedacht haben – wie in diesem Fall die Skrupellosigkeit? Oder kann ein  Täter hinterher auch von sich selbst überrascht sein?


Hintergrund

© Privat

Steffen Dauer ist  Vorsitzender der Fachkommission Rechtspsychologie bei der ostdeutschen Psychotherapeutenkammer. Der 55-Jährige ist in Halle/Saale geboren und arbeitet auch als Sachverständigengutachter für Strafrecht. Viele Jahre war er  an der  Uni Halle-Wittenberg tätig . 2011 gründete er  die Akademie für Rechtspsychologie in Leipzig. 

Methamphetamin ist eine synthetische Substanz, die als Arzneimittel genutzt, aber auch als euphorisierende  Droge missbraucht wird.

Das Mittel wurde 1893 von einem Japaner erstmals hergestellt. Unter dem Namen  Pervitin wurde es im Zweiten Weltkrieg den deutschen Soldaten massenhaft verabreicht, um ihre Angst in  Gefechten zu dämpfen. Auch nach 1945 lagerten die Armeen beider deutschen Staaten das Mittel für den Ernstfall ein.

Seit etwa 2008  entwickelte sich die billig herzustellende Substanz, die schnell für eine psychische Abhängigkeit sorgt, zu einer Modedroge, die oft von chemischen Laien in tschechischen Hinterhofküchen zusammengekocht wird.


Unter Drogeneinfluss  können Leute auch vollkommen anders reagieren, als sie selbst es erwarten. Auch  anders, als andere es von ihnen erwarten. Im schlimmsten Fall kann es zu einer sogenannten drogeninduzierten Psychose kommen – das  heißt: Die Wahrnehmungen, das Denken und auch das Gedächtnis sind  extrem beeinträchtigt. Es  gibt bei den Leuten eine klare Verkennung der Realität, bis hin zu Halluzinationen, Denkstörungen und  Wahnvorstellungen.

Würden auch Frauen unter Crystal so aggressiv handeln?

Wenn die genannte Psychose entsteht, haben auch  Frauen solche Realitätsverkennungen. Ob sie auch so aggressiv handeln, ist aber unklar und höchst individuell. Denn insgesamt reagieren Männer  nun mal häufiger aggressiv als Frauen.

Wird die Gefahr der Droge Crystal übertrieben oder nicht? 

Es ist wirklich eine ganz gefährliche Droge mit  sehr hohem Suchtpotenzial. Die Gefahr wird überhaupt nicht übertrieben. Die Konsumenten wissen oft selbst von der Gefahr,  verharmlosen sie aber. Das Zeug wird meist  irgendwo in Tschechien billig gekocht und über die Grenze vor allem in die nahen ostdeutschen Länder gebracht, bis hinauf nach Brandenburg. Gefühlt schien die Droge   bislang im Osten stärker verbreitet zu sein, aber mittlerweile ist sie  auch in anderen Regionen mächtig auf dem Vormarsch.

Welche Rolle spielt es, dass der Täter ein mehrfach vorbestrafter Krimineller ist? Es geht um Raub, Körperverletzung, Diebstahl, Bedrohung, Fahren ohne Führerschein. Je höher seine kriminelle Vorerfahrung, vor allem je häufiger er  Straftaten in kurzer Zeit begangen hat, umso ungünstiger ist die Kriminalitätsprognose für solche Leute.

Handeln diese Leute brutaler?

Nicht unbedingt brutaler. Es geht um die Wahrscheinlichkeit, dass sie in bestimmten Situationen wieder straffällig werden. Das gibt es schon bei Schwarzfahrern. Da geht es um die Erschleichung von Leistungen, das klingt für viele eher harmlos. Aber wer das oft getan hat und  aus der Bestrafung nicht gelernt hat, bei dem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwann auch in anderen Bereichen straffällig werden könnte.

Leben Polizisten heute gefährlicher?

Ja, aber nicht nur sie, auch  andere Vertreter des Staates wie Gerichtsvollzieher.  Es gibt seit etwa zehn Jahren eine Veränderung in unserer Gesellschaft: Der Polizei und dem Staat wird weniger Respekt entgegengebracht. Und da kommt es dazu, dass sich selbst Bürger, die bislang den Rechtsstaat anerkannt haben, bei Verkehrskontrollen auffällig verhalten. Es geht um Pöbeleien oder Beleidigungen. Das berichten Polizisten bei Fortbildungen. Inzwischen müssen sie  bei jeder Verkehrskontrolle extrem vorsichtig sein. Aber eine solche Extremsituation wie im aktuellen Fall ist nicht vorhersehbar. Die beiden Polizisten hatten keine Chance.

Das Interview führte Jens Blankennagel.

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