KPD-Führer Thälmann

Teddys Tragödie

Von Stalin im Stich gelassen, auf Hitlers Befehl in der Haft ermordet.

Michael Brettin
Lesezeit 12 Min
Ernst „Teddy“ Thälmann (vorne links) bei einem Aufmarsch des Rotfrontkämpferbundes in Berlin.

Ernst „Teddy“ Thälmann (vorne links) bei einem Aufmarsch des Rotfrontkämpferbundes in Berlin.

© dpa picture-alliance/akg-images

Alles wird gut, jetzt, da Berlin und Moskau einen Pakt geschlossen haben. Der Mann, der Teddy genannt wird, ist sich dessen sicher. Er sei „felsenfest überzeugt“, dass Stalin und Molotow – der sowjetische Außenminister – bei den Verhandlungen „die Frage der Freilassung der politischen Gefangenen einschließlich die von Thälmann irgendwo und irgendwie gestellt und aufgeworfen haben“, schreibt er. „Alles, aber auch alles, spricht für meine baldige Freilassung.“

Seit etwas mehr als sechs Jahren ist Ernst „Teddy“ Thälmann, populär geworden als Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Hitlers Gefangener. Ungebrochen scheint er, wie aus seinen Briefen zu lesen ist. Demgegenüber sind auch Zeilen überliefert, aus denen Enttäuschung und Wut sprechen.

Nichts wird gut, nachdem die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der UdSSR am 23. August 1939 einen Nichtangriffsvertrag unterzeichnet haben. Thälmann wird fünf weitere Jahre Hitlers Gefangener sein; Stalin hat ihn längst fallengelassen, seine Parteigenossen im Exil ebenso. Seine Gefangenschaft endet vermutlich kurz nach Mitternacht des 18. Augusts 1944 – vermutlich durch drei Schüsse in den Rücken und einen Schuss ins Genick.

KPD-Anhänger werben zur Reichspräsidentenwahl 1925 um Stimmen für Thälmann.

KPD-Anhänger werben zur Reichspräsidentenwahl 1925 um Stimmen für Thälmann.

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Kommunist, Antidemokrat, Wegbereiter Hitlers

Wer war Ernst Thälmann? Ein Kommunist und Antidemokrat, beides durch und durch. Ein Verehrer Stalins und Verächter der Sozialdemokraten. Ein Held und Märtyrer der Arbeiterklasse. Auch, ja, auch das: ein Wegbereiter Hitlers.

Ein Bauer auf dem Schachbrett der Geschichte.

Thälmann spricht vor Genossen in Merseburg.

Thälmann spricht vor Genossen in Merseburg.

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Das Leben, in das Ernst Thälmann am 16. April 1886 in Hamburg geboren wird, ist ein entbehrungsreiches. Mit seiner Schwester lebt er zunächst in einer Pflegefamilie. Er hilft später im Gemischtwarenladen der Eltern. Wegen anhaltender Streitereien mit seinem Vater entschließt er sich, sein Elternhaus zu verlassen. Er schlägt sich durch als Hafenarbeiter, Seemann und – in den USA – Landarbeiter, als Transportarbeiter und Kutscher. In die Politik zieht es ihn schon als Jugendlichen. Er wird im Mai 1903 Mitglied der SPD.

Im Ersten Weltkrieg kämpft er an der Westfront; im Herbst 1918 kehrt er von einem Fronturlaub nicht mehr zur Truppe zurück. Er erlebt die Revolution in Hamburg, er arbeitet dort auf einer Abwrackwerft. Und schließt sich der USPD an, der aus dem linken Flügel der SPD hervorgegangenen Partei.

Ernst Thälmann, „Gold der Arbeiterklasse“

Stalin, hier bei seinem 70. Geburtstag 1949, rührte keinen Finger für Thälmanns Freilassung. Das galt auch für den Mann neben ihm: Walter Ulbricht.

Stalin, hier bei seinem 70. Geburtstag 1949, rührte keinen Finger für Thälmanns Freilassung. Das galt auch für den Mann neben ihm: Walter Ulbricht.

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Auch die USPD führt Flügelkämpfe, sie zerbricht beim Parteitag in Halle im Oktober 1920: Die Fraktion, die von der Revolution in Russland begeistert ist und der auch der Delegierte Ernst Thälmann angehört, setzt ihre Forderung durch, sich der Kommunistischen Internationale anzuschließen, dem Weltverband aller kommunistischen Parteien mit Sitz in Moskau. Wenige Wochen später gliedert sich die USPD-Linke in der KPD ein. Damit wächst die Partei um 350.000 Mitglieder; jetzt ist sie eine Massenpartei.

Schnell macht sich Thälmann in der KPD einen Namen. Er erweist sich als ehrgeizig und machtbewusst, seine Denkweise kennt nur Genossen und Gegner. Im Oktober 1923 will er den bewaffneten Aufstand ins Volk tragen, auf eigene Faust, gegen einen Beschluss der Partei. Der Hamburger Aufstand scheitert nach drei Tagen. Beim folgenden Parteitag macht Thälmann – der vermeintliche Held der Barrikaden verfolgte den Aufstand aus sicherer Entfernung – dafür die mangelhafte Bolschewisierung der Partei verantwortlich.  

Moskau wird auf Thälmann aufmerksam. Grigori Sinowjew, enger Weggefährte Stalins (und später Opfer der stalinistischen Säuberungen), hält ihn für „das Gold der Arbeiterklasse“.

Pioniere paradieren am 20. Jahrestag der DDR 1969 mit dem Konterfei von Thälmann, „Stimme und Faust der Nation“.

Pioniere paradieren am 20. Jahrestag der DDR 1969 mit dem Konterfei von Thälmann, „Stimme und Faust der Nation“.

© imago-images/Werner Schulze

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Im Frühjahr 1925 kandidiert Thälmann bei der Wahl des Reichspräsidenten. Obwohl er im ersten Wahlgang nur sieben Prozent der Stimmen bekommt, hält er seine Kandidatur aufrecht. Der zweite Wahlgang bringt ihm 6,4 Prozent. Damit verhindert er – wohl sehr bewusst – die Wahl des demokratischen Zentrumpolitikers Wilhelm Marx, Kandidat der bürgerlichen Parteien. Der unterliegt mit drei Prozent weniger Stimmen dem parteilosen Paul von Hindenburg, Kandidat der rechten Parteien.

Stalins Einfluss macht Thälmann im selben Jahr zum Vorsitzenden der KPD. Da führt er bereits den Rotfrontkämpferbund, der schon bald Tausende in seinen Bann und gegen das Reichsbanner der SPD, den Stahlhelm und die SA zu Felde zieht. Er nimmt mit erhobener Faust die Paraden ab.

Wie um Stalin wird auch um Thälmann ein Führerkult aufgebaut. Moskau will ihn zum Theoretiker des deutschen Kommunismus aufbauen. Dabei ist er mehr ein Mann der Tat denn des Wortes.

Die Sozialdemokraten sind seine Hauptfeinde

Die Frage, ob Thälmann seiner ihm zugedachten Aufgabe gewachsen ist, stellen schon Zeitgenossen. Clara Zetkin, einflussreiches Mitglied der KPD, charakterisiert die Partei im September 1927 als „schwach und unfähig“, geprägt durch „Herausbildung kleiner Kliquen, persönliches Intrigieren, Gegeneinanderarbeiten“. Thälmann wirft sie vor, dass er „kenntnislos und theoretisch ungeschult ist, in kritiklose Selbsttäuschung und Selbstverblendung hineingesteigert wurde, die an Größenwahnsinn grenzt (...).“

Für Stalin bleibt Thälmann erste Wahl. Das zeigt sich, als die Führungsspitze der KPD ihn im September 1928 von seinen Ämtern entbindet; er deckte einen Genossen, der Parteigelder unterschlagen hatte. Nach Druck aus Moskau ist er zehn Tage später wieder im Amt; fortan verfolgt er noch ergebener die Moskauer Weisungen.

Die Weisungen orientieren sich an der „Sozialfaschismusthese“, von Sinowjew 1924 aufgestellt (und von der Komintern bis 1935 vertreten). Sie besagt: Die Sozialdemokratie stellt den linken Flügel des Faschismus dar; sie bindet die Arbeiter an das bürgerliche System und hält sie vom Klassenkampf ab; sie ist vorrangig zu bekämpfen. „Man kann den Kapitalismus nicht schlagen“, sagt Thälmann 1931, „ohne die Sozialdemokratie zu vernichten.“

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Wo immer sich die Gelegenheit bietet, die (Sozial-)Demokratie zu bekämpfen – Thälmann nutzt sie. Dabei scheut er sich nicht, mit den erstarkenden Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten. Im August 1931 versuchen KPD und NSDAP gemeinsam, die sozialdemokratische Landesregierung Preußens durch einen Volksentscheid zu stürzen.

Die Zerschlagung des bürgerlichen Staates und die Errichtung einer Diktatur nach sowjetischem Vorbild war Thälmanns Ziel. Schon im März 1921 verkündete er sein antidemokratisches Credo: „Diesen Staat bekämpfen wir so lange, bis er nicht mehr als Staat existiert. Wir machen daraus absolut keinen Hehl. Wir haben keine Veranlassung, in dieser oder jener Beziehung gegen diese oder jene Person schonend vorzugehen.“

Es gehört zur Tragödie Ernst Thälmanns, dass dem Staat, den er unerbittlich bekämpfte und der nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch Hindenburg am 30. Januar 1933 tatsächlich nicht mehr existierte, ein Staat folgte, der auch gegen ihn schonungslos vorging.

Die Umstände der Festnahme werfen Fragen auf

Den Reichstagsbrand in der Nacht zum 28. Februar, den Hitler den Kommunisten in die Schuhe schiebt, nutzen die neuen Machthaber, um Tausende politische Gegner, allen voran kommunistische Reichstags- und Landtagsabgeordnete – rechtswidrig – festzunehmen. Acht Polizeibeamte ergreifen Thälmann am Nachmittag des 3. März in der Wohnung der Eheleute Kluczynski in der Lützower Straße 9 (heute Alt-Lietzow 11) in Charlottenburg. Mindestens fünf Personen haben ihr Wissen über die Verbindung Thälmann-Kluczynski an die Polizei weitergegeben.

Die Umstände der Festnahme werden Gegenstand parteiinterner Untersuchungen: Warum hat der flüchtige Thälmann wochenlang ein- und dieselbe Wohnung genutzt und warum haben Angehörige des Parteiselbstschutzes die Wohnung nicht gesichert? Es kommt in den folgenden Jahren wiederholt zu gegenseitigen Verdächtigungen mehr oder weniger beteiligter Personen, nicht zuletzt durch gezielte Desinformationsmaßnahmen und weitere Fahndungserfolge der Gestapo.

In der Gestapozentrale in der Prinz-Albrecht-Straße (heute Niederkirchnerstraße) wird Thälmann mehrfach einer „Sonderbehandlung“ unterzogen. Bei einem Verhör schlägt man ihm vier Zähne aus. Nachdem öffentlich geworden ist, dass der prominente Gefangene misshandelt wird, lässt Hitler die Folter abbrechen.

Kein Prozess, stattdessen Dauer-„Schutzhaft“

Die Nationalsozialisten wollen Thälmann vor Gericht stellen. Wegen Hochverrats: Der KPD-Vorsitzende habe einen Staatsstreich geplant. Das kommt ihm und auch seinen Genossen im Exil zupass. Vor der Weltöffentlichkeit kann er die Sache des Kommunismus verteidigen.

Der Anklage aber fehlt es an Beweisen für Hochverrat. „Todesstrafe oder lebenslanges Zuchthaus“, seien „rechtlich nicht möglich“, stellt der Vertreter der Reichsanwaltschaft fest. Eine geringere Strafe aber wäre „ein Argument gegen die Größe der kommunistischen Gefahr“, befindet das Reichsinnenministerium. Statt vor Gericht kommt Thälmann im Herbst 1935 in Dauer-„Schutzhaft“. Die KPD hat da bereits einen neuen Vorsitzenden, ein Parteitag nahe Moskau einen Monat zuvor hatte Wilhelm Pieck gewählt.

Die „Schutzhaft“ erfolgt in Berlin, Hannover (ab 1937) und Bautzen (ab 1943). Als „Komfort-Häftling“ darf Thälmann  Besuch von seiner Frau empfangen, Zeitungen lesen und Briefe schreiben. Er verfasst 24 Briefe an Stalin. Jeden bringt seine Frau zur Sowjetischen Botschaft in Berlin. Die nimmt erst den 14. Brief entgegen, mit der Begründung, die Handschrift prüfen zu lassen; es könne ja sein, dass der Verfasser nicht der ist, der er vorgibt zu sein. Schließlich gelangen alle Briefe auf Stalins Schreibtisch.

Stalin beantwortet nicht einen seiner Briefe

Als er im März 1940 immer noch keine Antwort erhalten hat, schreibt Thälmann, wie immer ergebenst: „Von dem aktiven Eingreifen meiner russischen Freunde verspreche ich mir den einzig und allein ausschlaggebenden Erfolg zu meiner baldigen Freilassung.“ Und: „Für mich ist heute schon klar, daß die Sowjet-Union diese meine neue Heimat sein wird (...) Also denkt an Euren tapferen Kämpfer und unbeugsamen Revolutionär, der ungebrochen und standhaft an der heiligen Idee des Kommunismus festhält und der seine revolutionäre Pflicht auch hier im Kerker erfüllt (...).“

Nicht einer seiner Briefe an Stalin wird beantwortet.

Anfang der 1990er-Jahre werden Thälmanns Briefe in Stalins persönlichem Archiv gefunden. Einer davon trägt seine handschriftliche Notiz: „Ablage!“

Für Stalin war jeder, der in des Gegners Hände fiel, ein Feind. Das galt sogar für seinen Sohn Jakow, der im Juli 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet – und im April 1943 im KZ Sachsenhausen umkam. Abgesehen davon, dass Stalin leugnete, sein Sohn sei gefangen genommen worden, befand er grundsätzlich: Hitler habe keine russischen Gefangenen, er habe „nur russische Verräter, und die werden wir erledigen, wenn der Krieg vorbei ist“.

Auch Ernst Thälmann war demnach ein Verräter.

„Warum seid ihr solche Scheißkerle?“

Als unbeugsamer Kommunist zeigte sich Thälmann in seinen Briefen an Stalin, auch deshalb, um seine Hoffnung auf Befreiung mit dessen Hilfe am Leben zu erhalten, zumindest bis zum Überfall Hitlers auf die Sowjetunion im Juni 1941. Es gibt aber auch Überlieferungen, denen zufolge er  sich verraten fühlte: Seine Genossen sähen ihn „lieber drinnen als draußen“, schreibt er 1937, es sei ja „sonst mit der Propaganda aus“. In der Durchhalteparole der Partei „Wir leben in einer Zeit, in der Deine Stimme aus der Haft gebraucht wird“ findet er wenig Tröstliches: „Warum seid ihr solche Scheißkerle und lasst mich hier sitzen?“

Ein Thälmann-Befreiungskomitee der Komintern nutzt seine Gefangenschaft, um die braune Unrechtsjustiz vor der Weltöffentlichkeit anzuprangern. Für seine Freilassung unternimmt es nichts, wie Walter Ulbricht, der die Exil-KPD de facto führt, zufrieden feststellt. Thälmanns Angehörige erfahren nach dem Krieg, dass Ulbricht alle ihre Bitten, sich für die Befreiung einzusetzen, ignorierte.

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Lange bewahrt seine internationale Popularität Thälmann davor, hingerichtet zu werden. Aber, so schreibt er im Januar 1944: Im Falle einer Niederlage Nazideutschlands werde „das Hitlerregime (...) nicht davor zurückschrecken“, ihn „für immer zu erledigen“.

Die Niederlage zeichnet sich längst ab. Dazu verüben deutsche Militärs am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Hitler. Es schlägt fehl. Dreieinhalb Wochen später, am 14. August, tritt Heinrich Himmler, Reichsinnenminister, Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, bei Hitler zum Rapport an. Er schreibt auf seinen Notizzettel unter Punkt 12: „Thälmann. Ist zu exekutieren.“

Thälmanns Tod: Drei Mordversionen

Zeitpunkt und Umstände der Ermordung Thälmanns sind noch heute nicht eindeutig geklärt. Es heißt, zwei Gestapo-Beamte hätten ihn am 17. August 1944 aus dem Zuchthaus Bautzen ins KZ Buchenwald gebracht; er sei dort in der Nacht zum 18., kurz  nach Mitternacht, erschossen, seine Leiche sofort verbrannt worden. Eine andere Version besagt, er sei erst vier oder fünf Tage nach der Bombardierung des Lagers am 24. August zusammen mit neun anderen Kommunisten getötet worden. Eine dritte hält es für möglich, dass er schon in Bautzen umgebracht wurde.

Der „Völkische Beobachter“, das Parteiorgan der NSDAP, vermeldet am 16. September wahrheitswidrig, Thälmann sei bei einem alliierten Bombenangriff auf Buchenwald am 24. August ums Leben gekommen, zusammen mit dem ehemaligen Vorsitzenden der SPD-Reichstagsfraktion Rudolf Breitscheid.

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Nach Kriegsende kehren Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht, Stalins neue Günstlinge, aus ihrem Exil zurück nach Deutschland. Als selbst ernannte Vollstrecker von Thälmanns Vermächtnis legitimieren sie ihren Führungsanspruch und den der KPD-Nachfolgepartei SED. Ihren ermordeten Parteigenossen Teddy, für dessen Befreiung sie keinen Finger rührten, erhebt das Thälmannlied zum „unsterblichen Sohn“, der „niemals gefallen“ sei, zur „Stimme und Faust der Nation“.

Die Tragödie des Ernst Thälmann hat noch eine bittere Nachgeschichte. Es ist die Geschichte der Suche nach seinen Mördern, eine Geschichte, die beide deutschen Staaten schreiben und die fast ein halbes Jahrhundert lang ist. Sie nimmt ihren Anfang in der Strafverfolgung von NS-Verbrechern, die unterschiedlich gehandhabt wurde: Die Bundesrepublik verschleppte Verfahren (oder nahm sie gar nicht erst auf), die DDR übte daran scharfe Kritik.

Die Stasi deckt einen mutmaßlichen Mörder

Einer der Hauptverdächtigen im Mordfall Thälmann war Erich Gust, SS-Obersturmführer, 1942 bis 1944 zweiter Schutzhaftlagerführer im KZ Buchenwald, ab 1944 Rapportführer. Die United Nations War Crimes Commission führte Gust ab 1946 auf der Liste gesuchter Kriegsverbrecher, das Amtsgericht Weimar erließ 1948 Haftbefehl gegen ihn, die Bundesrepublik nahm ihn 1959 auf die Fahndungsliste.

Als Franz Griese war Erich Gust untergetaucht. Mit seiner Ehefrau betrieb er ab 1966 das Lokal „Heimathof“ in Melle (Niedersachsen). Die Staatssicherheit der DDR kam Gust spätestens 1968 auf die Spur – und behielt ihr Wissen für sich.

Ost-Berlin warf Bonn stattdessen vor, im Fall Gust nicht energisch genug ermitteln zu lassen. Hintergrund: Die Stasi wollte Gust für „operative Zwecke“ nutzen. Bekannte Bonner Politiker und Mitarbeiter des Justizministeriums verkehrten in seinem Lokal; dieser „Skandal“ in Sachen Strafverfolgung von NS-Verbrechern sollte zu gegebener Zeit der Weltöffentlichkeit präsentiert werden – es ist dazu aus unbekannten Gründen nie gekommen.  

Erst im November 1992 wurde die Stasi-Aktion bekannt. Da war Gust bereits ein dreiviertel Jahr tot. Unbehelligt von der Justiz soll er eines friedlichen Todes gestorben sein.

Ein friedlicher Tod – Ernst Thälmann war er nicht vergönnt.

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