Kopfgeld ausgesetzt

Künstler gehen im Internet auf Nazi-Jagd

An der Aktion des Zentrums für Politische Schönheit scheiden sich die Geister.

Alexander Schmalz
Lesezeit 3 Min
Das Zentrum für politische Schönheit hat unter soko-chemnitz.de Bilder von mutmaßlichen Rechtsradikalen veröffentlicht. 

Das Zentrum für politische Schönheit hat unter soko-chemnitz.de Bilder von mutmaßlichen Rechtsradikalen veröffentlicht. 

© ZPS

„Gesucht: Wo arbeiten diese Idioten?“ Mit diesen Worten will das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) Neonazis entlarven und sie an ihren Arbeitgeber verpfeifen. Die Aktivisten hoffen, dass denunzierte Neonazis noch vor Weihnachten gekündigt werden.

Aktion soll an G20-Fahndung erinnern

Auf der Internetseite soko-chemnitz.de haben die Initiatoren angeblich Fotos von Demonstranten der rechten Aufmärsche in Chemnitz hochgeladen. Durch den Namen der Seite soll der Eindruck erweckt werden, dass es sich um einen Fahndungsaufruf der Polizei handelt. Die Kunstaktion soll an die Aufrufe der Hamburger Polizei nach den Ausschreitungen während des G20-Gipfels im Sommer 2017 erinnern: Da hatte die Polizei Bilder von 104 Verdächtigen im Internet veröffentlicht.

Rechte brüllen Parolen in Chemnitz. Teilnehmer sollen an ihren Arbeitgeber verpetzt werden.

Rechte brüllen Parolen in Chemnitz. Teilnehmer sollen an ihren Arbeitgeber verpetzt werden.

© dpa

Die jetzt abgebildeten Gesichter, die unter dem Stichwort „Soko Chemnitz“ auftauchen, wurden in diesem Fall aber nicht vom LKA oder der sächsischen Regierung hochgeladen – sondern vom ZPS.

Erste Demonstranten nach Stunden identifiziert

Nach deren Angaben werteten sie dafür rund drei Millionen Bilder von 7000 „Verdächtigen“ aus. Sie wollen „den Rechtsextremismus 2018 systematisch erfassen, identifizieren und unschädlich machen“. Die ausgelobten Kopfgelder für Hinweise auf Namen oder Adressen schwanken zwischen fünf bis 90 Euro. Die angegebene Telefonnummer führt zur Polizei Chemnitz. Nach KURIER-Informationen handelt es sich bei vielen Fotos um Demonstrationsteilnehmer aus Chemnitz. Das Veröffentlichen der Bilder könnte laut Polizei juristische Konsequenzen für ZPS haben. Damit war am Abend klar: Bei der Aktion handelt es sich nicht um Satire, sondern um eine reale Nazi-Jagd.

Schon nach wenigen Stunden nachdem die Bilder online gingen, wusste die Welt beispielsweise, dass Thomas W. mutmaßlich ein rechter „Schildträger“ ist, der vor drei Monaten bei rechten Demonstrationen in Chemnitz mit marschiert sein soll.

Erfahrene Provokateure

Der Online-Pranger löste gestern Aufregung und Proteste aus. In Chemnitz wurde am Nachmittag ein ZPS-Büro von Rechten umstellt, während die Polizei Plakate im Gebäude entfernte. Anschließend wurde der Mietvertrag gekündigt.

© ZPS

Auf Twitter erntete die Aktion des ZPS Hunderte „Gefällt mir“-Angaben, aber auch viel Widerspruch. Die Kommentare reichen von „Diktatur der Kunst“ über „Internetpranger“ bis hin zu „Kopfgeldjagd im 21. Jahrhundert“. Ein User schrieb, er fühle sich an „Menschenhatz und Denunziation in der Zeit 1933-45“ erinnert.

Die Künstlergruppe ist erfahren, was Provokationen angeht. Zuletzt errichteten sie vor rund einem Jahr vor dem Haus von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke in Thüringen einen Nachbau des Holocaust-Mahnmals und beobachteten monatelang dessen Wohnsitz.

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