Kaum betrete ich die Manteuffelstraße, zerscheppert einen Meter vor meinen Füßen eine Flasche Kano Bio Eistee („100% bio und vegan“) vor einem Straßenbaum und landet neben ausgeleerten Bierflaschen am Straßenrand. Weggeworfen hat sie eine mir entgegenkommende, gutgelaunte junge Touristin: „Sorry“ beantwortete sie meinen staunenden Blick, mit hörbar britischem Akzent und einem Lachen auf den Lippen.
An der Straßenecke sind die Straßenschilder in allen Richtungen mit aufgeklebten „Ballermann 36“ überklebt. Der Schilderstreich spiegelt die Stimmung im Kiez am 1. Mai: Denn Party feiern hier inzwischen ganz überwiegend Touristen, Kreuzberger übernehmen zunehmend die Statisten-Rolle. Der Unterschied zum längst umbenannten mallorquinischen Saufclub Ballermann (heute „Beach Club Six“): Dort wurde in ruchlosen Zeiten Alkohol wortwörtlich eimerweise ausgeschenkt - das ist allerdings dort inzwischen ebenso verboten wie das Mitbringen von Glasflaschen, Wildpinkeln und öffentliche Saufgelage – womit wir wieder mitten in Kreuzberg alias Ballermann 36 wären.
Die Nachbarn in Kreuzberg, auch sie gibt es ja noch: Sie starten das MyFest auf ihrer Straße mit einem gemeinsamen Kiez-Picknick, andere haben vor dem Fest tagelang Bulgursalat, Teigtaschen und Köfte vorbereit, sie tanzen auf der Straße, treten auf den Bühnen rund um die Oranienstraße auf und feiern ausgelassen. Aber je weiter der Tag fortschreitet, desto mehr übernimmt der internationale Spaßtourismus die Regie: Die zu den Beats im Görli und am Spreewaldplatz tanzen, deren Mutter- oder Verkehrssprache ist weder Deutsch, Türkisch oder Arabisch, sondern überwiegend Englisch. Hier sind sie zu Besuch und wissen wenig von den Sorgen der Anwohner.
Das war's mit der Revolution
Diese Sorgen anzusprechen, dazu war die revolutionäre 1. Mai-Demo ursprünglich auch mal angetreten. Zu der linken Traditionsdemo, die vor Jahren in sinnlose Gewaltexzesse ausartete, kommen nunmehr gerade noch 6000 Leute, die auf einer verkürzten Zugstrecke durch den Kiez ziehen. Stolz zeigen Teilnehmer verbotene Fahnen, etwa der PKK. Folkloregleich werden ein paar Pyros gezündet und Flaschen geworfen, und routinemäßig führen Polizisten zwei Handvoll Demonstranten ab. Das war’s mit der Revolution.
2003 hatte der frühere Hausbesetzer Halis Sönmez das MyFest als friedliche Alternative zu den damals noch fürchterlichen Krawallen rund um diese revolutionäre 1. Mai-Demo gegründet. Dass Gewalt am 1. Mai in Kreuzberg inzwischen keine Relevanz mehr hat, ist auch sein immenser Erfolg – aber worum dreht sich das MyFest denn dann – in diesem Kiez, dessen langjährige Bewohner mit zunehmender Skrupellosigkeit aus ihrem eigenen Kiez gedrängt werden?
Wie so etwas endet, kann man jeden August in London während des Notting Hill Carnivals – an den sich der Berliner Karneval der Kulturen anlehnt - beobachten. So gut wie keiner der ursprünglich afrokaribischen Tänzer und Musiker des Zuges könnte es sich noch leisten, in dem für Normalverdiener längst unbezahlbaren Innenstadt-Viertel zu leben. Für einen Tag tun sie vor Touristen so, als seien sie Notting Hill – und leben längst verdrängt in den entfernten Außenbezirken der Stadt.
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