Mit einem mulmigen Gefühl betreten die KURIER-Reporter das Areal unterhalb der U-Bahnlinie 5. Nicht zu Unrecht. Aus den Bergen von Unrat stürmt plötzlich ein schwarzer Labrador auf sie zu, fletscht die Zähne, bellt. „Jimmy, tutaj“, ruft im letzten Moment eine Stimme auf polnisch, „Jimmy, hierher“.
Claudia aus Polen in der Holztür „ihrer“ Baracke.
© Bernd Friedel
Die Stimme gehört zu einer jungen Frau mit grün gefärbten Haaren und Piercings im Gesicht. Sie stellt sich als Claudia vor, 25 Jahre ist sie alt, stammt aus der schlesischen Großstadt Katowice. „Ich hatte dort keine Arbeit und keine Zukunft, meine Eltern interessierten sich nicht für mich. Ein Freund empfahl mir Berlin.“
Statt einen Arbeitsplatz zu ergattern, rutschte Claudia ab. Ihr Verhängnis: Zu viel Party, zu viel Alkohol. Irgendwann stand sie auf der Straße. Über einen Landsmann hörte sie von der Brache in Biesdorf. Das war im vergangenen Frühjahr. „Eine Wohnung hatte ich nicht und fühlte mich hier sofort wohl.“
Abends sitzen sie zusammen an einem geklauten Grill auf ebenso gestohlenen Gartenstühlen.
© Bernd Friedel
Hier, das sind sieben alte Baracken auf einem gut zehntausend Quadratmeter großen Grundstück an der Köpenicker. Strom und Wasser gibt es nicht. Von der Straße aus sind die heruntergekommenen Gartenlauben, Schuppen und Garagen nicht einsehbar. Eine „gehört“ Claudia. Ihre rund acht Quadratmeter hat sie mit einem über eine Wäscheleine gehangenen Bettlaken geteilt. Rechts stehen verdreckte Konservendosen und eine vom Schimmel befallene Pfanne, links schläft sie auf einer roten Matratze.
So sehr es für Otto-Normal-Berliner unvorstellbar sein mag, in solch einer Umgebung zu leben, so stark hat sich Claudia, die sich tagtäglich Geld mit Betteln vor einer Bank am Ostkreuz zusammenschnorrt, seit ihrem „Einzug“ mit den Umständen arrangiert. „Ich wüsste nicht, wohin sonst. Hier habe meine Ruhe“. Ein Gefühl von Idylle macht sich bei Besuchern nicht breit. Auf dem Gelände haben sich Unmengen Müll angesammelt. In die Nase steigt eine Mischung aus vergammeltem Essen, Dreck und vermodertem Abfall. Auf jedem Meter des matschigen Lehmbodens liegen Stolperfallen.
Die Lebensmittel und Getränke werden im „Kühlschrank“, einem Erdloch, aufbewahrt Michael hebt den Deckel.
© Bernd Friedel
Neben Claudia lebt auch Mariusz auf dem Gelände. Anfang Mai feiert er seinen 40. Geburtstag. Wer ihm ins Gesicht schaut, schätzt den Mann aus Zlotów (circa 200 Kilometer östlich von Stettin) auf Anfang 50. „Meine Arbeit ist das Flaschensammeln“. Seit sieben Jahren lebt der Pole in der Hauptstadt, seit August in Biesdorf. „Ich verdiene zwischen 20 und 30 Euro vor dem Club Matrix an der Warschauer Straße“.
Das Geld reicht für ein kleines Glück aus Zigaretten, Wodka und Fertignudeln. Abends sitzen die fünf zusammen an einem geklauten Grill auf ebenso gestohlenen Gartenstühlen. Die Lebensmittel halten sie in einem notdürftig abgedeckten Erdloch, ihrem „Kühlschrank“, frisch. „Wir sind Freunde geworden“, so Mariusz. Aus seinem Atem dringt schon morgens der scharfe Geruch von Alkohol. „Essen und Bier wird geteilt“.
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