BER und ein paar coole Sprüche

Was bleibt von Klaus Wowereit?

Der Ex-Regierende hat ein Buch geschrieben und zieht Bilanz seiner Amtszeit.

Sabine Rennefanz
Lesezeit 6 Min
Am 4. Mai erscheint das Buch des ehemaligen Bürgermeisters Klaus Wowereit. 

Am 4. Mai erscheint das Buch des ehemaligen Bürgermeisters Klaus Wowereit. 

© dpa

Ein früher Nachmittag Ende April, das Einstein Unter den Linden ist proppenvoll, ein Mann, blauer Anzug, weißes Hemd, bahnt sich seinen Weg durch das Café. Die Haare mögen etwas grauer sein, aber den großen Auftritt, den verlernt man nie.

Hallo, Herr Wowereit, ruft der Kellner. Gäste recken ihre Hälse. Händeschütteln, Hallöchen, ein für die Jahreszeit gut gebräuntes, entspanntes Gesicht, ein belustigtes Lächeln, das einem vertraut vorkommt. Das Wowi-Lächeln. Klaus Wowereit, bis Dezember 2014 Regierender Bürgermeister von Berlin, war dreieinhalb Jahre weg. Jetzt ist er wieder da. Wie es sich für einen ehemaligen Politiker gehört, hat er ein Buch geschrieben. „Sexy, aber nicht mehr so arm: Mein Berlin“, heißt es und kommt am Freitag (4.5.) in die Geschäfte.

Der Ex-Regierende hat ein Buch geschrieben und zieht Bilanz seiner Amtszeit.

Der Ex-Regierende hat ein Buch geschrieben und zieht Bilanz seiner Amtszeit.

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Was hätte er alles erzählen können! Klatsch aus dem Politik-Betrieb. Wer mit wem. Heiteres aus seinem bewegten, unkonventionellen Leben. Geheimes zum BER. Interna aus der SPD. Aber nö. 

Zeit für das „wahre Leben“

Sein Buch, das er mit Hilfe eines zweiköpfigen Redaktionsteams geschrieben hat, beginnt mit einer Bildstrecke. Wowi mit Kofi Annan, Wowi mit Bill Clinton, Wowi mit Königin Elizabeth II. Ach ja. 

Es sei ein bisschen gewöhnungsbedürftig, schreibt er, nicht mehr zu so viele Events eingeladen zu werden. Dafür bleibe ihm jetzt Zeit für das „wahre Leben“. Auf dem letzten Bild sieht man Wowi mit seinem Partner Jörn Kubicki. Beide tragen Hüte. „Derzeit bewegt uns unter anderem die Frage, ob uns Hüte wirklich stehen.“ Das wahre Leben?

Doch jetzt noch einen kleinen Zug Ruhm, Rampenlicht. Wowereit braucht das, und es scheint so, als ob die Welt auch Wowereit braucht. 

Daten, Fakten, Schlagworte

Es gibt großes Interesse, die Buchpremiere findet bei Dussmann statt, Bunte, Gala, NDR Talkshow, alle haben Interviews angefragt. Es ist fast ein bisschen wie früher. Also, jetzt mal los, Band ab. Haben Sie sich ein bisschen gelangweilt, Herr Wowereit, so als Rentner? „Nein, denn ich wollte ja kürzertreten, das Erste, was ich gelernt habe, war Nein zu sagen zu Posten.“ Er hat ein Amt beim Verein Berliner Kaufleute und Industrielle, engagiert sich bei der Aidshilfe. Mit seinem Buch will er einen Denkanstoß geben, sich in die Diskussion über die Zukunft der Stadt einmischen.

Dabei scheut er sich nicht vor großen Bögen, vielen Daten und Fakten. Schlagworte fallen, Problemkieze, Problem-Flughafen, Gentrifizierung, E-Mobilität, Smart City, E-Governance. 

Wowereit und Joachim Gauck bei der Geburtstagsparty der Queen in der Britischen Botschaft.  

Wowereit und Joachim Gauck bei der Geburtstagsparty der Queen in der Britischen Botschaft.  

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Persönlich wird er selten. Und wenn, dann klingt es so wie hier, wo er sich gegen die Bezeichnung „Partymeister“ wehrt. Er sei das absolute Gegenteil eines schrägen Vogels. „Schon vom äußeren Auftritt her bin ich, glaube ich, ein ganz normaler, eher bürgerlicher Typ.“

Müller braucht keine Tipps

In einem der interessanteren Abschnitte geht es um die Kriminalität in der Stadt. Wowereit kritisiert, dass die Polizei an gefährlichen Orten wie dem Görli, dem Alexanderplatz und dem Kottbuser Tor nicht stärker gegen Drogenhandel vorgegangen ist. „In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht Unverständnis darüber, dass der Staat offenbar nicht in der Lage ist, diese Probleme konsequenter zu lösen.“ Er fordert sogar die legale Abgabe von Drogen.

Eine Bewerbung als Innensenator? Wowereit grinst. Nein, nein, er bewerbe sich um nichts,. Andy Geisel, also der Innensenator, mache seine Sache gut. Und Wowereits Kumpel und Nachfolger Michael Müller? „Er macht einen guten Job in einer schwierigen Konstellation. Die Zeiten werden für Politiker nicht einfacher.“ Holt er sich Tipps von ihnen? „Er braucht keine Tipps. Er hat genug gute Leute, die ihn beraten.“ Es kann täuschen, aber nach enger Freundschaft klingt das nicht (mehr).

„Der BER ist kein Berliner Hobby.“

Der Moment, den Wowereit als seine „dunkelste Stunde seiner Amtszeit“ beschreibt, ist fast auf den Tag sechs Jahre her. Am 24. Mai 2012 sollte der Flughafen eröffnet werden. Die Einladungen waren schon gedruckt. In einer Art „kollektivem Wahnsinn“ haben alle Beteiligten daran geglaubt, dass der Termin zu halten sei, schreibt Wowereit. Zwei Wochen vorher kam die Absage. „Das schmerzt bis heute“, sagt er.

Von links: Walter Momper, Michael Müller, Klaus Wowereit und Eberhard Diepgen – vier Berliner Bürgermeister unter sich. 

Von links: Walter Momper, Michael Müller, Klaus Wowereit und Eberhard Diepgen – vier Berliner Bürgermeister unter sich. 

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Beim BER hört der Spaß für Wowi auf, er fühlt sich ungerecht behandelt. „Wenn sich ein Herr Scheuer zum Flughafen begibt und sagt, wie furchtbar da alles ist, dann kann ich nur sagen: der Bund ist Miteigentümer und hat nur gegen den BER gearbeitet. Und auch Brandenburg sitzt mit im Boot. Ich wünschte mir, dass endlich alle verstehen: Der BER ist ein deutsches Gemeinschaftsprojekt, kein Berliner Hobby.“ BER und ein paar coole Sprüche, ist es das, was von Wowi bleibt? 

Mietenproblem geleugnet

Das sei nicht zutreffend, antwortet er: „Da müssen Sie noch ein bisschen recherchieren.“ Am besten bei sich selbst: „Das Lebensgefühl hat sich unter meiner Amtszeit total verändert, nicht allein durch mich, aber ich habe wohl einen Anteil daran, dass die Stadt sich geöffnet hat, dass sie attraktiv wurde für viele Menschen aus aller Welt. Das wird man immer mit dem Namen Wowereit in Verbindung bringen.“ Das kann man so sehen. Andere würden sagen: Der Wowereit hat die Stadt meistbietend verhökert: steigende Mieten, kaum Freiflächen, überall die immergleichen Bürotürme und Ketten. 

„Sie müssen bedenken, woher wir kamen. Wir wollten Arbeitsplätze schaffen, das war das Ziel. Und wenn der wirtschaftliche Erfolg dann kommt, dann hat das Auswirkungen aufs Mietniveau, das ist die Kehrseite.“ Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen sei ein Problem, da müsse die Politik stärker tätig werden, fügt er hinzu. Während seiner Amtszeit hat Wowereit lange geleugnet, dass Berlin ein Mietenproblem hat. Wenn man sich über steigende Preise beklagte, empfahl er, ziehen Sie nach Marzahn oder Frohnau.

Beim ersten Spatenstich für den BER 2006 ahnt Wowi noch nicht, dass der Flughafenbau zum Desaster wird.  

Beim ersten Spatenstich für den BER 2006 ahnt Wowi noch nicht, dass der Flughafenbau zum Desaster wird.  

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Die Leiden der Stadt

Immerhin gibt er inzwischen zu, dass unter seiner Amtszeit Fehler gemacht wurden. So seien die vielen Privatisierungen falsch gewesen. Vor allem der Verkauf der landeseigenen GSW 2004, Um den Mietmarkt zu entlasten, müsse man bauen, bauen, bauen. „Die Stadt hat immer noch viele Freiflächen, die man vernünftig ausnützen kann. Berlin verkraftet auch noch mehr Zuwächse. Wissen Sie, wir haben doch lange darauf hingearbeitet, dass die Stadt wächst. Es ist doch eine Chance, wie sich die Stadt verändert hat.“

Klaus Wowereit, das sieht man, leidet manchmal an seiner Stadt, die sich prächtig entwickelt hat, sich aber partout nicht drüber freuen will. Apropos Leiden. Kurz vor Schluss spricht Wowereit auch über seine Partei, die SPD und Juso-Chef Kevin Kühnert. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Jusos jemals der Parteiführung so viel Angst eingejagt haben. Das Engagement der Jusos lässt für die Zukunft hoffen“, schreibt er. Ist Kühnert ein möglicher Erbe? „Wir kommen beide aus Lichtenrade, aus dem gleichen Ortsverein. Warum nicht? Das Potenzial hat er.“  

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